Seit über 65 Jahren sind Diensthunde ein unverzichtbarer Teil des Einsatzspektrums der Bundeswehr – vom Sprengstoffspürer bis zum Corona-Detektor mit 94 Prozent Trefferquote. Doch der zivile Markt liefert kaum noch geeignete Tiere. Die Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr setzt deshalb auf eine genombasierte Zucht der Zukunft. Mehr dazu lesen SIe in unserem Fachartikel über die DIensthundezucht.
Diensthunde (DH) erweitern seit über 65 Jahren durch ihre einzigartigen Fähigkeiten das Einsatzspektrum der Bundeswehr. Darunter zählt als ein Kernauftrag die Detektion verschiedenster Stoffe wie z. B. Sprengstoffe, Kampfmittel sowie Betäubungsmittel. Zuletzt konnte darüber hinaus eindrucksvoll gezeigt werden, dass bis dato unbekannte Spürleistungen wie die Diskriminierung von SARS-CoV-2 Infektionen von anderen viralen respiratorischen Infektionen mit höchster Zuverlässigkeit durch Diensthunde erfolgen kann. I
m Rahmen der COVID-19 Pandemie konnten Diensthunde der Bundeswehr hochflexibel und innerhalb kürzester Zeit mit einer Zuverlässigkeit von 94 Prozent zur Detektion eingesetzt werden. Die Fähigkeit des hochflexiblen Einsatzes ihrer Spürleistung in Verbindung mit der kurzen Ausbildungsdauer, machen Diensthunde für die Bundeswehr unverzichtbar.
Darüber hinaus ist die Kombination der Detektion mit dem möglichen Einsatz des Diensthundes als Hilfsmittel der körperlichen Gewalt ebenfalls möglich. Weitere Entwicklungen von Spezialdiensthunden wie z. B. Tracking Dogs unter Erprobung neuer Rassen, zeigen dass dieses Einsatzmittel in verschiedensten Bereichen der Truppe zu einer Erweiterung des spezifischen Leistungsspektrums führen.
Dies zeigt sich aktuell auch in der seit 2024 laufenden europäischen Ausbildungsmission European Union Military Assistance Mission Ukraine (EUMAM UA). Im Rahmen dieser Mission werden u. a. Diensthunde ukrainischer Streitkräfte sowie Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) durch deutsche Soldaten ausgebildet.
Das vielfältige Einsatzspektrum sowie die stetige Weiterentwicklung des Diensthundewesen (DHWes) der Bundeswehr in Zucht, Ausbildung und Materialbeschaffung, in Verbindung mit der jahrzehntelangen Fachexpertise, positionieren die Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr (SDstHundeBw) hierbei international auf höchstem Niveau.
Die SDstHundeBw ist mit ihrer Abteilung Lehre/Ausbildung die zentrale militärische Ausbildungsstätte für Diensthundeführer (DHFhr) und DH. Darüber hinaus sind hier die Abteilung Weiterentwicklung für das DHWes, das Dezernat Prüfwesen (Dez PrfWes) und die DH-Klinik inklusive Ankauf, Zucht und Aufzucht verortet. Die Bündelung der Fachexpertise des DHWes an einem Ort, ermöglicht die Auftragserfüllung im Schulterschluss.
Ein wesentlicher Kernauftrag der SDstHundeBw ist die Remontierung geeigneter DH. Hierzu werden potentielle DH aus dem zivilen Markt angekauft sowie an der SDstHundeBw gezüchtet und aufgezogen. Welche Herausforderungen sich für diesen Auftrag im Zusammenhang mit der Fokussierung der Bundeswehr auf Landes- und Bündisverteidigung (LV/BV) ergeben, soll nachfolgend erläutert werden.
Ankauf oder Zucht von Diensthunden?
Der Bedarf der Remontierung liegt jährlich bei ca. 60 DH. Es gibt zwei Möglichkeiten der Beschaffung von geeigneten DH, der Ankauf aus dem zivilen Markt und die eigene Zucht sowie Aufzucht von DH. Die Auswertungen der SDstHundBw der letzten 10 Jahre zeigen, dass DH der eigenen Zucht mit einer Übernahmequote von durchschnittlich 80 Prozent, die gesundheitlichen sowie kynologischen Kriterien eines DH überdurchschnittlich erfüllen.
Im Vergleich dazu liegt die Übernahmequote der für einen Ankauf begutachteten DH bei durchschnittlich nur ca. 20 Prozent. Ablehnungsgründe stellen vorrangig ungenügende gesundheitliche Befunde, sowie fehlende Wesensfestigkeiten für den militärischen Einsatz dar.
Ankäufe potentieller DH aus dem zivilen Markt erfolgen aufgrund des geringen Angebotszahlen europa- teilweise auch weltweit. Hintergrund des für den deutschen Markt verringerten Angebotes sind u. a. ein weltweit steigender Bedarf an DH, verbunden mit der höheren Zahlungsbereitschaft sowie niedrigeren Anforderungen anderer Nationen.
Im Ankaufsverfahren werden von den durch den Ankäufer der SDstHundeBw gesichteten Hunden nur ca. zwei Drittel im darauffolgenden Schritt, einem Fachgutachter der SDstHundeBw vorgestellt. Hier durchlaufen die potentiellen DH einen kynologischen Ankaufstest. Dieser kann bestenfalls zur Empfehlung des sofortigen Ankaufes führen. Alle kynologisch geeigneten DH werden anschließend in der DH-Klinik veterinärmedizinisch begutachtet. Hierbei werden wiederum regelmäßig über 50 % der Ankaufshunde nach den klinisch-veterinärmedizinischen Untersuchungen abgelehnt.
Zum Untersuchungsspektrum zählen neben der allgemeinen klinischen Untersuchung, umfangreiche Blut- und Röntgenuntersuchungen. Dieses Qualitätsmanagement führt letztendlich dazu, dass mit einer möglichst hohen Wahrscheinlichkeit dienstfähige Diensthunde mit einer entsprechenden Nutzungsdauer von mindestens fünf Jahren angekauft werden.
Die Zahlen zeigen, dass die Remontierung entsprechender DH aufgrund des anspruchsvollen Fähigkeits- und Einsatzspektrums sowie der sinkenden Zahlen der aus dem zivilen Markt zur Verfügung stehenden Verkaufsangebote, ohne die eigene Diensthundezucht nicht mehr abzudecken ist.
Die Etablierung eigener Zuchtprogramme für DH wird daher zukünftig weltweit eine priorisierte Aufgabe für alle Diensthund haltenden Behörden sein. Diese Erkenntnis stützt sich u. a. auf den zurückliegenden Austausch im Rahmen nationaler sowie internationaler Kongresse und Dienstreisen mit z. B. Schweden, Neuseeland, Jordanien und der Schweiz.
Entwicklung und Neuausrichtung der Diensthundezucht
Grundsätzlich hat die Zucht zum Ziel, durch künstliche Selektion bestimmte Merkmale innerhalb einer Population zu erhalten oder zu verstärken. Die bisherigen Ergebnisse aus der Diensthundezucht zeigen, dass gut erforschte, unerwünschte phänotypische Merkmale (z. B. Hüftgelenksdysplasie) nicht mehr bei den Nachkommen in der Ausprägung auftauchen, die noch vor einigen Jahren zu einer Dienstuntauglichkeit geführt hätten.
Die Herausforderung in der Diensthundezucht liegt aktuell darin, den Balanceakt zwischen dem Erhalt der bisherigen Zuchtergebnisse und der Etablierung einer Selektion auf verhaltensmedizinische Merkmale auszuweiten. Dabei besteht die Schwierigkeit darin, dass in der Diensthundezucht eine im Vergleich mit anderen Nutztieren, kleine Populationsgröße und somit begrenzter Genpool vorliegt.
Hohe Inzuchtkoeffizienten oder Fehlselektionen im Zuchtprozess könnten dann zu erheblichen Kosten durch Aussonderung ungeeigneter Tiere führen und erhöhen das Risiko erblich bedingter Erkrankungen. Gleichzeitig ist bisher eine verhaltensmedizinische Selektion oder der Versuch einer genombasierten Zucht von DH auf Grund fehlender wissenschaftlicher Begleitung nicht erfolgt. Diese Lücke begründet sich u. a. in der immer weiter voranschreitenden Spezialisierung und dem technologischen Fortschritt, der innerhalb der Bundeswehr selbst noch nicht abgebildet werden kann.
Eine Kooperation mit Spezialisten aus dem zivilen Bereich wie Fachtierärzten für Molekulargenetik, werden daher für die Neuausrichtung mit einbezogen. Die Entwicklung einer evidenz- und genombasierten Zuchtstrategie unter Berücksichtigung verhaltensmedizinischer Merkmale wie z. B. Trainierbarkeit, hätte multiple Vorteile. Ausbildungszeiten von Diensthundeteams könnten verkürzt, die Nutzungsdauer verlängert und die Beschaffung einheitlicher Materialen für Diensthunde erleichtert werden.
Am Beispiel bereits etablierter genombasierten Zuchtpraktiken für Rinder- und Schweinezuchten lassen sich Erfolgschancen für die Neuausrichtung ableiten. Hier konnten nicht nur phänotypische Selektionen wie z. B. Zucht für höhere Milchleistungen etabliert werden, sondern auch Selektionen für kooperative Verhaltensweisen führten zum gewünschten Ergebnis. Nach diesem Beispiel wurden bereits erste Selektionen im Gebrauchshundewesen für bestimmte Verhaltensmerkmale in verschiedenen Nationen betrieben (Bray et. al., 2021).
In einigen Arbeiten konnten genotypische Marker identifiziert werden, die bei der Auswahl von Arbeitshunden nützlich sein könnten. Bei Spür- und Schutzhunden wurden z. B. molekulargenetische Ansätze verfolgt. So wurden u. a. Gensequenzen in einem mit Neurotransmittern assoziierten Gen identifiziert, Tyrosinhydroxylase (TH), das mit Impulsivität bei Hunden in Verbindung gebracht wird.
Die Etablierung einer genombasierten Diensthundezucht setzt Durchhaltevermögen über Jahrzehnte und eine wissenschaftliche Begleitung mit Hochschulen und Universitäten voraus. Die ersten Schritte der Neuausrichtung beinhalten die Definition der Zuchtziele, daran angepasste standardisierte Protokolle für Verhaltens- und Leistungsprüfungen sowie die Erarbeitung von Strategien zur Minimierung der Inzucht.
Darauf aufbauend könnte langfristig die Planung eines Zentrums zur Hundesperma-Gewinnung nach dem Vorbild von Bullenbesamungsstationen zu einem gemeinsamen Genpool für Diensthund haltende Behörden führen. Fernziel wäre dabei, dass eine internationale Zucht durch den Tausch von entsprechendem Sperma oder Kauf/Verkauf von potentiellen Zuchthündinnen zwischen den Bündnispartnern ermöglicht werden soll.
Fazit
Die Etablierung einer evidenz- und genombasierten Diensthundezucht betrifft alle Diensthunde haltenden Behörden, aller Nationen und Bündnispartner. Zusammenfassend zeigen die im Zusammenhang mit der Fokussierung auf LV/BV bereits gewonnenen Erkenntnissen aus der europäischen Ausbildungsmission EUMAM UA auf, dass die einzigartigen Fähigkeiten der DH mit der Etablierung einer genombasierten Diensthundezucht gesteigert werden und das Fähigkeitsspektrum für die Bedarfsträger langfristig erhalten bleiben könnten.
Die Neuausrichtung und Weiterentwicklung einer genom- und evidenzbasierten Diensthundezucht stellt einen langfristen Auftrag mit internationaler Relevanz dar, die im Rahmen von zukünftigen Sonderforschungsvorhaben unter Einbeziehung von Tierärztlichen Hochschulen sowie Bündnispartnern etabliert werden könnte.
Literatur bei den Verfassern.
Aus Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2025
Für die Verfasser:
Oberstabsveterinär Dr. Alexandra Nau
BAPersBw III 4.3
Gereon-Kaserne
Kölner Str. 262
51149 Köln
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