Die regelmäßigen Jahresberichte der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gehören normalerweise nicht zur fachlichen Pflichtlektüre von zivilen Frauenärzten. Die aktuelle globale Situation, so u.a. der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der aktuelle Konflikt im Nahen Osten und im Sudan, die anhaltenden Unsicherheiten in der NATO, der zunehmende Antagonismus zwischen den USA und China, die kontroverse Diskussion um die angemessene Form der Wehrpflicht in Deutschland und der fast täglich kommunizierte Zustand der Bundeswehr führten jedoch dazu, dass auch die medizinische Betreuung der 25.417 Soldatinnen (Stand 31.1.2026) in den deutschen Streitkräften mehr den Blickpunkt des gesellschaftlichen Interesses rückt.
Diesem Aspekt trägt auch erstmals in der Geschichte der deutschen Streitkräfte der 66. Jahresbericht der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gleich durch drei Aussagen und sogar durch Nennung einer spezifischen gynäkologischen Erkrankung Rechnung: „…auch wenn die gynäkologische Versorgung von Soldatinnen im Regelfall im Zivilen stattfindet, so erscheint es doch wünschenswert, dass die Truppenärzte in den regionalen Sanitätseinrichtungen neben einem Grundwissen in diesem Bereich auch über speziellere Kenntnisse verfügen, zum Beispiel zu Endometriose. Erfreulich ist daher, dass ihre Ausbildung fortan eine Vertiefung der sanitätsdienstlich relevanten Aspekte umfassen wird…“ (66. Jahresbericht der Wehrbeauftragten vom 11.3.2025, Deutscher Bundestag, Drucksache 20/15060, S. 134)
Das Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe, derzeit kein Bestandteil der deutschen Militärmedizin, befindet sich, wie auch die anderen medizinischen Spezialgebiete, in einer sehr dynamischen klinischen und wissenschaftlichen Entwicklung. Hierfür ist seit 2006 in Deutschland auch die Etablierung zertifizierter interdisziplinärer Endometriosezentren charakteristisch. Hilfreich für Truppenärzte sind die aktuell erschienen S2k-Leitlinien„Endometriose“:
Definition, Diagnostik und Therapie
Bei der Endometriose, einer gutartigen Erkrankung des Uterus und seiner Gewebe und einer Inzidenz von 4.1 auf 1000 Frauen, kommt es zur Absiedlung Endometrium ähnlichen Gewebes in der Gebärmuttermuskulatur sowie außerhalb der Uterushöhle (Abb. 1 & 2).
Pathophysiologisch wird das Krankheitsbild nach aktuellem Verständnis durch seine Hormonabhängigkeit, nichtbakterielle Entzündungsprozesse, immunologische Dysregulationen und genetische Faktoren dominiert.
Die typischen Leitsymptome sind
- die primäre oder sekundäre Dysmenorrhö,
- zyklusabhängige und/oder zyklusunabhängige, später chronische Unterbauchschmerzen,
- perimenstruelle Dyschezie,
- perimenstruelle Diarrhoe,
- perimenstrueller Blähbauch,
- stellungsabhängige Dyspareunie,
- perimenstruelle Dysurie,
- perimenstruelle Rückenschmerzen und
- Fertilitätsstörungen.
Die individuelle Symptomintensität korreliert nicht zwingend mit der laparoskopisch erhobenen Stadieneinteilung (rASRM, ENZIAN) der Erkrankung, deren Diagnose auch in Deutschland noch verzögert gestellt wird.
Diagnostischer Goldstandard ist die diagnostisch-operative Laparoskopie, wenn die eingehende Anamnese und die gynäkologische Untersuchung mit Transvaginalultraschall (bei ovariellen Endometriomen oder Adenomyosis) oder einem MRT des kleinen Beckens (Adenomyosis, bilaterale ovarielle Endometriome mit Verdacht auf Darmbefall, Blasenendometriose, umbilikale Endometriose, rektovaginale Darmendometriose) keine Hinweise liefern.
Medikamentös-endokrine und operative Behandlungsoptionen kommen zum Einsatz:
- Zyklusadaptierte Schmerztherapie mit nichtsteroidalen Antipholgistika (NSAP), z.B. Ibuprofen, Naproxen, Novamin (Beginn bereits bei ersten, noch leichten Regelbeschwerden)
- Die primäre oder sekundäre hormonelle Suppression
- mit Gestagenen, z.B. Dienogest, Drospirinon, Desogestrel,
- mit einer levonorgestrelhaltigen Intrauterinspirale (bei Adenomyosis),
- mit GnRH-Antagonisten mit add-back (z.B. Relugolix-CT oder Linzagolixoder 200mg mit add-back),
- mit GnRH-Agonisten mit add-back (z.B. Leuprorelinacetat als 3- Monatsspritze),
- mit kombinierten oralen Kontrazeptiva (nonstop, z.B. Ethinylestradion + Dienogest) .
Merke: Ziel der endokrinen Behandlungsoptionen ist immer die therapeutische Amenorrhoe.
- Die kompetente operative Sanierung der Endometriose sowie die multimodale Schmerztherapie inklusive psychosomatischer Mitbetreuung von Patientinnen mit ausgedehnten Befunden sollten in einem klinischen oder universitären Endometriosezentrum erfolgen.
Bedeutung für Dienst- und Einsatzfähigkeit
Der Einsatz von Frauen in militärischen Verwendungen kann mit hohen bzw. extremen physischen und psychischen Belastungen, klimatischen Extrembedingungen sowie einer nur begrenzt vorhaltbaren medizinischen Infrastruktur im Einsatz einher gehen. Zyklusabhängige Schmerzepisoden können die individuelle Leistungsfähigkeit beeinflussen, sind medikamentös jedoch sehr gut behandelbar. Chronische Schmerzzustände und resultierende Erschöpfungszustände durch Diagnose- und Therapieverzögerungen können mit psychischen und physischen Komorbiditäten assoziiert sein, die interdisziplinäre, z.T. komplexe Behandlungen in einem Endometriosezentrum nach sich ziehen können.
Die zivile und besonders auch die sanitätsdienstliche Beurteilung erfordert die individuelle, regelmäßig zu reevaluierende Bewertung der Krankheitsaktivität, der aktuellen Therapiesituation, der individuellen Symptomkontrolle und des Einsatzprofils. Eine Stigmatisierung von Soldatinnen mit Endometriose muss dabei vermieden werden. Allerdings kann die Erkrankung in einigen Fällen zu temporären Verwendungseinschränkungen oder auch zur dauerhaften Dienstunfähigkeit der Betroffenen reichen.
Frauenheilkunde und Bundeswehr
Die Integration der Frauenheilkunde in die wehrmedizinischen Versorgungstrukturen und in den Sanitätsdienst ist heute strukturell erforderlich. Folgende Aspekte spielen hierbei eine essentielle Rolle:
- Sensibilisierung der Truppenärzte
- Einbindung und Nutzung gynäkologischer Expertise in Einsatzvorbereitungen
- Entwicklung spezifischer Begutachtungsleitlinien
- Systematische Datenerhebung zur Prävalenz und Einsatzrelevanz gynäkologischer Erkrankungen im Rahmen der Versorgungsforschung
- Ausbau der zivil-militärischen Zusammenarbeit auf den Gebieten der gynäkologisch-geburtshilflichen Aus- und Weiterbildung von Truppenärzten mit der nachhaltigen Zielstellung der Sicherung militärischer Einsatzbereitschaft der betroffenen Soldatinnen
- Ausbau der zivil-militärischen Zusammenarbeit auf den Gebieten der Aus- und Weiterbildung von Zivilärzten mit der Zielstellung des Erwerbs grundsätzlicher wehrmedizinischer Kenntnisse und Fähigkeiten im Rahmen des Heimatschutzes im Krisen- oder Bündnisfall und der entsprechenden Vernetzungen.
Fazit
Es bleibt insgesamt festzuhalten, dass Endometriose eine häufige gutartige, chronisch-proliferierende, nichtbakteriell-entzündliche, hormonabhängige Erkrankung der Gebärmutter und deren Gewebe von Frauen im geschlechtsreifen Alter ist. Fundierte Kenntnisse über die Erkrankung Endometriose (Endometriosis genitalis interna, Endometriosis genitalis externa und Endometriosis extragenitalis) sind wegen der hohen Prävalenz der Endometriose in der weiblichen Bevölkerung (und somit auch bei Soldatinnen), ihrem chronischen Verlauf und wegen der aus den Symptomen resultierenden möglichen passageren Einschränkungen der Dienst- und Einsatzfähigkeit für Truppenärzte relevant.
Eine enge Zusammenarbeit mit den ambulanten und stationären Endometriosezentren in Deutschland ist für den Sanitätsdienst der Bundeswehr sinnvoll. Ein wichtiger Schritt ist mit der Benennung des Problems Endometriose im 66. Jahresbericht der Wehrbeauftragten des Bundestages, Dr. Eva Högl (bis 2025), getan. Wir dürfen auf die Umsetzung und den 67. Jahresbericht unter der Federführung des neuen Wehrbeauftragten, Henning Otte (ab 2025), gespannt sein und bieten fachliche Expertise und praktische Unterstützung an.
Verfasser
Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h. c. mult. Andreas D. Ebert
Praxis für Frauengesundheit, Gynäkologie und Geburtshilfe
Nürnberger Str. 67
10787 Berlin-Schöneberg
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