Nach Jahrzehnten der Friedensdividende ist der Aufholbedarf enorm. Wir brauchen Investitionen und Tempo in allen Bereichen. Bis 2029 könnte Russland in der Lage sein, einen Krieg im großen Maßstab gegen die NATO zu führen. Für uns heißt das: Wir müssen kriegstüchtig werden. Kriegstüchtig bedeutet, dass wir einsatzbereite Streitkräfte bereitstellen können. Daran arbeitet die Bundeswehr – und natürlich auch der Generalinspekteur mit Hochdruck. Als seine Stellvertreterin unterstütze ich ihn dabei nach Kräften, seit mittlerweile einem Jahr.
Aufgrund der „Zeitenwende“ erlebt die Bundeswehr einen historischen Aufwuchs – materiell wie personell. Bis 2035 lautet die Zielmarke: 460.000 Soldaten, davon 260.000 in aktiven Strukturen und 200.000 in der Reserve. Die Fähigkeit, Reserven zu mobilisieren, wenn es erforderlich sein sollte, ist entscheidend für glaubhafte Abschreckung. Da ich in Nebenfunktion Beauftragte für Reservistenangelegenheiten bin, beschäftigt mich dieses Thema im Moment fast täglich. Unsere Reserve muss wachsen, sie muss „fitter“ werden. Die neue Strategie der Reserve, die im Zuge der Militärstrategie und des Fähigkeitsprofils veröffentlicht wurde, verschiebt das Rollenverständnis von einem rein ergänzenden „Scharnier“ zu einem integralen Bestandteil der aktiven Truppe. Reservisten werden künftig stärker in die Einsatzplanung eingebunden und von Bürokratie entlastet. Wichtig ist auch die Verbindung zu den Arbeitgebern, die diese Menschen entbehren müssen. Denn jeder Reservist, der in der Bundeswehr dient, fehlt woanders. Und eventuell ist er auch in anderen Blaulichtorganisationen engagiert, die sich ebenfalls auf wandelnde Aufgaben einstellen müssen. Ein wichtiger Hebel für den Aufwuchs der Reserve ist der neue Wehrdienst, den in diesem Sommer die ersten Freiwilligen antreten. Was ich bisher sehe, ist ein wirklich großes Interesse in der Bevölkerung. Und das ist unerlässlich, damit wir im Ernstfall mobilmachungs- und reaktionsfähig sind.
Ein Kernelement von Kriegstüchtigkeit, das vielleicht eher im Schatten von Großgerät und Bewerberzahlen steht, ist die sanitätsdienstliche Durchhaltefähigkeit. Und auch die steht und fällt mit einer starken Reserve. In möglichen Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung stoßen die aktiven Strukturen des Sanitätsdienstes personell und materiell an ihre Grenzen. Im Ernstfall muss das Personal kürzester Zeit deutlich aufwachsen. Das aktive Personal bildet hier das Fundament und die Speerspitze für die Ad-hoc-Reaktion. Doch die Durchhaltefähigkeit, die systemische Resilienz über Wochen und Monate hinweg, lässt sich nur durch die nahtlose Integration von Reservisten abbilden.
Letztlich liegt die Verantwortung für die Verteidigung unseres Landes nicht allein bei Frauen und Männern in Uniform. Alle Bürger sind Teil einer wehrhaften Gemeinschaft. Die Bundeswehr kann nur dann glaubwürdig abschrecken, wenn sie von einer breiten politischen und gesellschaftlichen Unterstützung getragen wird. Deshalb hat die Stellvertreterin des Generalinspekteurs auch noch einen dritten Hut auf: Wie schon meine beiden Vorgänger, bin auch ich Beauftragte für Veteranenangelegenheiten. Veteranin oder Veteran ist jede Soldatin oder jeder Soldat, der oder die derzeit in der Bundeswehr dient oder einmal gedient hat und ehrenhaft ausgeschieden ist, also den Dienstgrad nicht verloren hat. Das sind geschätzt über zehn Millionen Menschen in Deutschland. All denen wollen wir zeigen: Ihr habt Respekt verdient, ihr habt besondere Fürsorge verdient, und wir brauchen euch und eure Erfahrung weiterhin. Dass wir jetzt zum zweiten Mal bundesweit den Veteranentag gefeiert haben, ist also kein Akt purer Höflichkeit, sondern auch eine Notwendigkeit zum Schulterschluss. Wenn wir in Europa weiter in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben wollen, müssen wir Hand in Hand arbeiten. Schon in Friedenszeiten.
Wehrmedizin und Wehrpharmazie 03/2026