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Malteser Hilfsdienst – Warum Krisenresilienz kein Militärthema allein ist

Andreas Hölscher

Was bedeutet „Kriegstüchtigkeit“ jenseits der Bundeswehr? Im Interview spricht Generalleutnant a. D. Martin Schelleis über seine neue Rolle als Bundesbeauftragter des Malteser Hilfsdienstes, über Krisenresilienz, zivile Verteidigung und die Notwendigkeit einer engeren zivil-militärischen Zusammenarbeit. Ein Gespräch über Verantwortung, politische Versäumnisse – und darüber, warum Gesamtverteidigung nur gemeinsam gelingen kann. Das Interview führte Generalarzt a. D. Dr. Andreas Hölscher, Chefredakteur der „Wehrmedizin und Wehrpharmazie“.

Generalleutnant a. D. Martin-Schelleis, Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und zivil-militärische Zusammenarbeit des Malteser Hilfsdienstes 
Generalleutnant a. D. Martin-Schelleis, Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und zivil-militärische Zusammenarbeit des Malteser Hilfsdienstes.
Foto: Malteser
Herr General Schelleis, nach über acht Jahren als Inspekteur der Streitkräftebasis der Bundeswehr sind Sie jetzt nach dem Eintritt in den Ruhestand der „Bundesbeauftragte für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und zivil-militärische Zusammenarbeit“ des Malteser Hilfsdienstes. Wie kam es zu diesem interessanten Ehrenamt? 

Ich bin selbst Ordensmitglied und da lag das ehrenamtliche Engagement für die Malteser für mich natürlich nahe. Ich bin ausgesprochen froh und dankbar, dass ich die Erfahrungen, vor allem als Nationaler Territorialer Befehlshaber mit Einblick in die Fähigkeiten der Bundeswehr aus der Dienstzeit, gewinnbringend in die Beratungstätigkeit einsetzen kann.

Das freut und ehrt mich, überdies bereichert es den Pensionäralltag mit einer ebenso anspruchsvollen wie befriedigenden Aufgabe. Übrigens, die Kernfrage der Malteser zu Beginn meines Amtes war: „Kannst Du uns nicht sagen, was Kriegstüchtigkeit für uns bedeutet?“ Das ist eine gute und wichtige Frage, die sich am Ende alle Hilfsorganisationen stellen müssen, denn das ist nicht nur ein Thema für die Bundeswehr allein.

Die Kernbotschaft lautet: „Streitkräfte müssen in der Lage sein siegen zu können in einem Krieg gegen einen Gegner auf Augenhöhe“. Was heißt das für die Hilfsorganisationen?

Da sind drei Dinge zu nennen: Erstens Unterstützung der Streitkräfte in diesem Bestreben, zum Zweiten die gleichzeitige Unterstützung des zivilen Bedarfsträgers für die Zivilverteidigung und drittens müssen wir in der Lage sein, Störungen unserer eigenen Funktionalität wegstecken zu können, also selber als Organisation resilient zu sein. Und genau in diesen drei Bereichen möchte ich gerne unterstützen.

Wie sind denn Ihre bisherigen Erfahrungen bei der Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und den zivilen Hilfsorganisationen? Wie laufen die Abstimmungsprozesse mit den Beteiligten, und was ist Ihre Rolle dabei?

Meine Rolle ist rein beratend, ich trage daher keine unmittelbare Verantwortung für die Umsetzung. Zugleich freut es mich aber, dass mein Rat nachgefragt und – zumindest in Teilen – auch umgesetzt wird. Nicht nur im Malteserverbund, sondern auch darüber hinaus. Die Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, sind durchweg positiv.

Auf allen Seiten erlebe ich eine große Offenheit und das ehrliche Interesse an engerer Zusammenarbeit. Natürlich gibt es immer Raum für Verbesserungen, aber der Wille dafür ist da, und das ist eine sehr gute Grundvoraussetzung. Mittlerweile haben alle verstanden: es geht nur gemeinsam – das ist die gute Nachricht. Auch in der Bundeswehr habe ich eine große Offenheit erlebt, ich musste da nicht lange an den Türen klopfen.

Und ich habe schnell verstanden, die Frage: „was heißt Kriegstüchtigkeit für uns Malteser?“, können die Malteser für sich allein gar nicht beantworten, denn das misst sich v.a. an den Bedarfsträgerforderungen. Die Bundeswehr, die Streitkräfte und namentlich der Sanitätsdienst sind bei deren Formulierung vorne dran.

Generaloberstabsarzt Dr. Hoffmann und seine Leute haben ganz klare Vorstellungen, was von außen an Unterstützung dazugekauft werden muss, was an sanitätsdienstlicher Unterstützung aus dem zivilen Bereich, den Hilfsorganisationen, gewerblichen Krankenhäusern, BG-Kliniken etc. gebraucht wird.

Da wissen wir als Hilfsorganisation, was auf uns zukommt. Das müssten wir auch vom zivilen Bedarfsträger haben, und daran mangelt es noch. Meine Aufgabe sehe ich daher auch darin, dafür im politischen Berlin, wo ich viel unterwegs bin, zu werben.

Wie beurteilen Sie die Aufgaben und begonnenen Prozesse in Bezug auf den sogenannten OPLAN Deutschland, beziehungsweise Host Nation Support?

Der OPLAN hat eine sehr erfreuliche Aufmerksamkeit auch außerhalb der Bundeswehr erfahren. Die Erleichterung war quasi mit Händen greifbar, dass sich die Bundeswehr initiativ der krisenhaften Lage annimmt und erste Pflöcke einrammt. Umso wichtiger ist es, dass nun auch die Verantwortlichen für die Zivilverteidigung und den Katastrophenschutz ihre an die aktuellen Gefahren angepassten Pläne und Bedarfsforderungen entwickeln.

Das ist ja nicht die Aufgabe des Militärs und damit auch nicht durch den OPLAN abgedeckt. Die Bundeswehr muss darauf achten, dass es nicht zu einem „mission creep“ kommt. Denn sie sind nur für einen Teil des Problems verantwortlich, und nicht der einzige Bedarfsträger. Mindestens der gleichgroße Teil liegt in ziviler Verantwortung. Und Stichwort OPLAN: Da gibt es so eine Art Rutschbahneffekt aus meiner Sicht.

Man klinkt sich gerne ein bei den Überlegungen des Militärs und sagt, wenn wir dann einen OPLAN haben, ist das erledigt. Das stimmt natürlich nicht. Der zivile Bedarfsträger muss sich über den OPLAN hinaus dahingehend äußern, was er braucht.

Es ist ein Irrglaube zu denken, dass, wenn der OPLAN steht mit all seinen Erweiterungen, dann haben wir einen Gesamtverteidigungsplan, einen „Gesamt-Krisenresilienz-Plan“ für Deutschland, und das stimmt nicht. Es mangelt bisher an der klaren Forderung der diversen zivilen Bedarfsträger. Und das ist für mich derzeit das größte politisch-konzeptionelle Problem, das wir haben.

Zum 1. April 2025 hat das neue Unterstützungskommando der Bundeswehr seine volle Einsatzbereitschaft erreicht. Dann sind sämtliche Fähigkeiten aus den bisherigen Bereichen – darunter die Logistik, die sanitätsdienstliche Versorgung, das Feldjägerwesen samt Wachbataillon, die ABC-Abwehr, die zivil-militärische Zusammenarbeit, die Truppenübungsplätze, das Planungsamt sowie weitere Dienststellen – im Unterstützungsbereich vereint. Wie bewerten Sie als ehemaliger Inspekteur der Streitkräftebasis diesen komplexen Aufgabenbereich?

Der Unterstützungsbereich ist eine gute Sache – was soll ich auch anderes sagen, die Aufstellung geht ja auf meine Initiative zurück. Ich hatte allerdings mehr Kompetenzen und Durchgriffsrechte für den Befehlshaber gefordert – eine taktische Führungsaufgabe auf der Drehscheibe Deutschland und ein stärkeres truppendienstliches Mandat -, um die dem neuen Unterstützungsbereich innewohnenden Potenziale auch heben zu können.

Das gilt aber nicht in fachlicher Hinsicht, denn diese große Bandbreite ist in der Tat nicht zu beherrschen, deshalb haben wir leistungsfähige Fähigkeitskommandos. Aber sowohl in taktischer Führungsverantwortung als auch in der Querschnittlichkeit hätte ich mir mehr Kompetenzen gewünscht.

Der Befehlshaber des Unterstützungsbereich hat die wesentlichen Elemente, die er zum Betrieb der „Drehscheibe“ Deutschland braucht, in seinem Bereich. Warum soll er sie im Einsatz dann nicht auch zur Wirkung bringen? Der Heimatschutz ist zum Heer gegangen, man hätte ihn auch im Unterstützungsbereich belassen können.

Des Weiteren hätte ich mir querschnittlich mehr Truppenverantwortung gewünscht. Aus meiner Sicht sind die Fähigkeitskommandos viel zu eigenständig, so dass wir eine Versäulung im Unterstützungsbereich haben. Das Unterstützungskommando als „Clearing house“ müsste hier für mehr Transparenz und Stringenz sorgen können, stattdessen wird die Zahl der Schnittstellen noch deutlich erhöht. Auch kann ich noch nicht erkennen, dass tatsächlich Stabsstellen eingespart werden.

Den größten Bereich in diesem Kommando stellt der Sanitätsdienst der Bundeswehr, sein Stellvertreter ist der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Wie sehen Sie diese Aufgabenverteilung?

Das ist eine große Chance! Die Sanität bleibt fachlich eigenständig und visibel, der Befehlshaber des Sanitätsdienstes hat eine herausgehobene und unstrittige Führungsfunktion, ganz klar identifizierbar, eine unangefochtene Autorität. Und der Charme ist, er ist komplett eingebunden in den Unterstützungsbereich, so dass auch die engere fachliche Zusammenarbeit, insbesondere mit Logistik und ABC auch wiederum Chancen eröffnet. Und deshalb finde ich das eine gute Sache.

Aber ergibt sich aus der Konstellation des Stabes da nicht auch eine eventuell vorhandene Schnittstellenproblematik?

Der Stab des Unterstützungskommando ist ziemlich groß und dient dabei mehreren Herren. Das kann gut gehen, das kann aber auch Probleme bereiten. Es ist die Frage, will ich diese Organisation zum Erfolg bringen oder nicht? Ich sehe da kein grundsätzliches Problem.

Was die Sanität von Anfang an mit Sorge umgetrieben hat, nämlich ob die Fachlichkeit angegriffen wird oder sie in der Leistungserbringung eingeschränkt werden, diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Zugleich bietet die enge Einbindung in das Unterstützungskommando hervorragende Möglichkeiten, querschnittliche Funktionen zu verschlanken und streitkräftegemeinsame Unterstützungsfähigkeiten, v. a. aus Logistik und ABC-Abwehr, fachlich mit der Sanität besser abzustimmen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht und Ihrer Erfahrung den Sanitätsdienst der Bundeswehr besonders aus und was muss getan werden, damit auch in Zukunft die sanitätsdienstliche Versorgung der Soldatinnen und Soldaten im In- und Ausland sichergestellt werden kann?

In meiner gesamten, sechsundvierzigjährigen Dienstzeit habe ich die hohe Qualität und Zuverlässigkeit des Sanitätsdienstes geschätzt und daraus resultierend das große Vertrauen der Truppe in die sanitätsdienstliche Versorgung gespürt! Das ist ein ganz hohes Gut, insbesondere, wenn es um das Thema Kriegstüchtigkeit geht.

Das ist natürlich ein bedeutender Motivationsfaktor im Hinblick auf aktuelle Einsatzszenarien. Dieses Vertrauen gilt es durch qualitative wie quantitative Maßnahmen zur Herstellung eines kriegstüchtigen Sanitätsdienstes zu erhalten. Das ist sicherlich keine einfache Aufgabe, aber ich sehe, dass die Führung des Sanitätsdienstes unter Generaloberstabsarzt Dr. Hoffmann ein klares Zielbild vor Augen hat und dieses energisch verfolgt.

Insofern mache ich mir keine Sorgen, dass dieser Grundanspruch der Truppe, in einem Kriegsfall qualitativ und verlässlich versorgt zu werden, auch in Zukunft erfüllt wird.

Für den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung haben Sie am Punkt „Ganzheitliche Krisenresilienz für Deutschland“ mitgearbeitet. Inwieweit konnten Sie Ihre Vorstellungen und Erfahrungen in den Vertrag miteinbringen und was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung zu dieser Thematik?

Mitgearbeitet wäre deutlich zu viel gesagt – gemeinsam mit anderen Experten habe ich Papiere geschrieben und die eine oder andere Empfehlung an die Koalitionäre abgegeben. Zur ganzheitlichen Krisenvorsorge finden sich erfreulicherweise an mehreren Stellen gute Bezugspunkte, aber leider sind das alles eher Allgemeinplätze, noch dazu im Text verteilt.

Ich hätte mir die prominentere Verortung gleich zu Anfang des Koalitionsvertrages gewünscht, um eine ganzheitliche Politik auch zu realisieren, und natürlich auch mehr Konkretisierung, z. B. beim Sondervermögen Infrastruktur. Ganzheitliche Krisenresilienz betrifft ja alle Politikfelder, die gilt es von vornherein entsprechend auszugestalten und miteinander zu verklammern.

Konkretere Aussagen dazu in einschlägigen Passagen hätten gutgetan. Dass dies möglich gewesen wäre, zeigen sehr klare Vereinbarungen in anderen Politikfeldern. Natürlich ist es aufwendig, alle föderalen Verantwortungsträger an einen Tisch zu bekommen, aber es ist nicht unmöglich.

So ist beispielsweise explizit vereinbart, dass für die Reform des Sozialstaates Bund, Länder und Kommunen bis ins vierte Quartal einen Ergebnisbericht vorlegen sollen. Schließlich: es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Leider kann ich bis heute keine Initiative der Bundesregierung erkennen, den notwendigen ganzheitlichen Ansatz auch zu implementieren. 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was macht Martin Schelleis, wenn er nicht in Sachen Bundesbeauftragter des Malteser Hilfsdienstes unterwegs ist?

Ja, das ist schon ein zeitaufwendiges, ehrenvolles Engagement. Daneben bin ich auch Rotarier und bemühe mich, über dieses exzellente Netzwerk u. a. sicherheitspolitischen Themen zu mehr Beachtung zu verhelfen und diese in die Zivilgesellschaft zu transportieren. Dann sind da auch noch meine Familie und drei Enkelkinder, die Freude am Sport – und damit ist der Tag und das Pensionärdasein dann zeitlich gut ausgefüllt. 

Herr General Schelleis, das war ein schönes Schlusswort. Ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit, für das Gespräch und Ihnen weiterhin für Ihre schöne und wichtige Aufgabe als Bundesbeauftragter des Malteser Hilfsdienstes alles Gute und viel Erfolg.

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