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Medic Guardian 2026: „Meinungen und Deinungen“

Wie realistisch müssen Übungen sein, um glaubhaft abzuschrecken? Die Übung „Medic Guardian 2026“ in Litauen liefert weit mehr als Eindrücke aus der sanitätsdienstlichen Einsatzvorbereitung. Sie ist Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie militärische Übungen künftig gestaltet werden müssen, um den Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung gerecht zu werden – als Einladung zum Mitdenken und Weiterentwickeln.

Ein medizinisches Team führt im Rahmen der Übung "Medical Quadriga 2026" unter sterilen Bedingungen eine chirurgische Operation durch. Die Chirurgen und Assistenten tragen OP-Kleidung sowie Stirnlampen, während sie mit medizinischen Instrumenten am Patienten arbeiten.
Ein medizinisches Team führt im Rahmen der Übung "Medical Quadriga 2026" unter sterilen Bedingungen eine chirurgische Operation durch. Die Chirurgen und Assistenten tragen OP-Kleidung sowie Stirnlampen, während sie mit medizinischen Instrumenten am Patienten arbeiten.
Foto: Bundeswehr/Susanne Hähnel

Prolog

Die Übung „Medic Guardian 2026“ fand im Februar und März in Litauen statt. Hierzu verlegten Kräfte des Sanitätsregiments 2 und des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz auf den dortigen Truppenübungsplatz Pabradė, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt.

Für vier Wochen wurde dort die Rettungskette vom Ort der Verwundung bis zum Transport der Verwundeten zur weiteren Behandlung nach Deutschland, sowie die Verstärkung von vorstationierten Kräften geübt. Hierzu wurden ein Forward Surgical Element (FSE) für die chirurgische Erstversorgung in unmittelbarer Nähe des Gefechtsfeldes und ein Luftlanderettungszentrum mit einzelnen Behandlungsabschnitten für die Folgeversorgung aufgebaut.

So weit, so gut. Die entscheidende Frage bleibt: Was können wir aus der Übung „Medic Guardian 2026“ für die Zukunft lernen? Übungen sind die neue Abschreckung. Bleibt die Frage, wie eine Übung denn gestaltet werden muss, damit sie diese Aufgabe besonders gut erfüllt. Abschreckung, so wissen wir, funktioniert nur wenn sie glaubhaft ist. Folglich liegt der Gedanke nahe, dass Übungen ebenfalls so „glaubhaft“ wie möglich sein müssen. Wie können wir dieses Ziel erreichen?

Die Komplexität eines bewaffneten Konfliktes können wir bestenfalls ausschnittsweise abbilden. Soviel ist sicher. Nicht umsonst wird der unsägliche Begriff „Übungskünstlichkeit“ gern überstrapaziert. Er ist immer doch die griffigste Ausrede für zwei besonders augenfällige Herausforderungen, mit denen wir bei Übungen zu kämpfen haben: Mangelnde Wirklichkeitsnähe und unzureichende Einbettung in den Gesamtkontext.

Auf den folgenden Seiten werden Sie, geschätzter Leser, leider keine Anleitung für die Verbesserung von Übungen vorfinden. Stattdessen erwarten Sie die Ergebnisse eines Prozesses, der gemeinhin als Brainstorming bekannt ist (hoffentlich mehr Ideensammlung als Kopfsalat). Die dabei angesprochenen Themen sind entsprechend unterschiedlicher Natur: Geografie, Kultur, Geschichte, Wirtschaft, Politik, Militär, Technik, um nur einige zu nennen (wem die Wehrmedizin und Wehrpharmazie dabei zu kurz kommt, dem sei der nächste Absatz ans Herz gelegt).

Selbstredend erhebt die folgende Liste keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Ganz im Gegenteil. Über nichts würden sich die Autoren – und hoffentlich auch die Redaktion – mehr freuen, als über Ihre ganz persönlichen Ergänzungen. Was auch immer Ihnen durch den Kopf gehen mag, lassen Sie es uns bitte wissen. Es benötigt ein gehöriges Maß an Schwarmintelligenz, um Übungen wirklich neu zu denken, anstatt alten Wein in neuen Schläuchen zu servieren.

Ganz bewusst ist dieser Artikel daher in Form eines Almanachs angelegt. Auf diese Weise lassen sich große Gedanken genau so leicht einbringen wie kleine, lange wie kurze und taktische wie operative und strategische.

Almanach. Laut Duden handelt es sich bei einem Almanach um eine  „bebilderte Sammlung von Texten aus verschiedenen Sachgebieten“, die  „aus besonderem Anlass“ veröffentlicht werden. Bilder haben wir, die Texte könnten kaum aus noch verschiedeneren Sachgebieten stammen und für den besonderen Anlass muss die MEQU26 reichen. Alle Zutaten vorhanden. Los geht’s. Beginnen wir bei „Z“:

Z. Bekanntestes Symbol des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Dabei kommt der Buchstabe im russisch-kyrillischen Alphabet nicht vor. Dessen „z“ sieht aus wie die Zahl 3. Weshalb es trotzdem als Symbol gewählt wurde, darüber gibt es viele Ansichten und noch mehr Spekulationen.

Für einen unserer Autoren ist die Sache klar: „Warum wedelt der Hund mit dem Schwanz? Weil er es kann!“ Wie dem auch sei, eines ist (so gut wie) sicher. Ohne den Russisch-Ukrainischen Krieg hätte es wohl keine Übung „Medic Guardian 2026“ in Litauen gegeben. Ursache und Wirkung.

Zeitenwende. Mit Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges am 24. Februar 2022 wurde endgültig zur Gewissheit, dass Moskau sein beim Untergang der Sowjetunion 1990/91 verlorenes Herrschaftsgebiet wiederherstellen will. Bei Bedarf mit kriegerischen Mitteln. Damit sollten letztlich jene Recht behalten, die spätestens seit der Annexion der Krim im März 2014 und dem Beginn des bewaffneten Konfliktes im Donbass im April 2014 darauf hingewiesen haben, dass der Kreml seine imperialistischen Absichten nie wirklich aufgegeben hatte.

Ganz gleich ob Zaren, Parteichefs oder Präsidenten an der Spitze stehen, Russland scheint stets nach der Dominanz über seine Nachbarstaaten zu streben. Mit dem Effekt, dass der Sanitätsdienst der Bundeswehr bei winterlichen Temperaturen in Litauen übt und wir uns hier die Finger abfrieren. Die Weltgeschichte und das Individuum.

Europäische Tiefebene. Die Autobahn von Berlin nach Warschau kommt ohne viele Brücken aus. Von Tunneln ganz zu schweigen. Die Europäischen Tiefebene bietet defacto  „freie Fahrt“ vom Ural bis zum Atlantik. Echtes  „Panzergelände“ eben.

Das wissen die Strategen in West und Ost schon seit langem. Vielleicht schreiben einige russische Soldaten deshalb  „На Берлин!“ ( „Nach Berlin!“) auf ihre „Tanks“ und Hubschrauber, obgleich sie in der Ukraine sind. Vielleicht fühlen sie sich einfach nur besser, wenn sie auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln, die einst Hitler besiegt haben. Wer weiß.

Via Baltica. Prag-Breslau-Warschau-Kaunas-Riga-Tallinn-Helsinki. Bis 1990 lagen die ersten sechs der genannten Städte hinter dem „Eisernen Vorhang“. Heute verbindet sie die Europastraße 67. Wer von der Moldau zum Finnischen Meerbusen will muss gut 1.600 Kilometer weit fahren. Das ist ungefähr so weit wie von München nach Messina oder von Metz nach Madrid.

Egal, welche der drei Strecken wir wählen, nie verlassen wir das Territorium von EU und NATO. Dennoch ist das kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Wie schrieb Bertolt Brecht in  „Das Lied von der Moldau“: Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Suwałki. Gäbe es das  „Suwalki-Gap“ nicht, wäre die Kleinstadt im Nordosten Polens wohl noch weniger Menschen bekannt als sowieso schon. 1667 gegründet, hat sie Laufe ihrer fast 360-jährigen Geschichte immer wieder zwischen Polen, Litauen, Preußen und Russland hin- und hergewechselt – das typische Schicksal einer Stadt in einer Grenzregion am  „gefühlten Rande“ Europas.

Heute ist das Bild eindeutig. Bei einer Volkszählung 2002 bezeichneten sich 98% der knapp 69.000 Einwohner als Polen und 0,5% als Litauer. Von der jüdischen Bevölkerung, sie stellte am Ende des 19. Jahrhunderts fast ein Drittel der Einwohner, finden sich kaum noch Spuren – das typische Schicksal einer Stadt in einer Grenzregion am  „gefühlten Rande“ Europas.

Rail Baltica. Verkehrswege entscheiden Kriege und befördern den Handel. Ohne Straßennetzwerk kein Imperium Romanum. Nur wer Truppen schnell über weite Strecken verschieben kann, ist in der Lage strategische Schwerpunkte zu bilden. Ohne Schienennetzwerk wäre es den Nordstaaten mit Sicherheit sehr viel schwerer gefallen, gegen die Südstaaten zu siegen.

Im Verlauf des Bürgerkrieges fanden alle wesentlichen Schlachten östlich des Mississippi in einem Umkreis von 20 Meilen bis zu einer Bahnlinie statt. Zwar entschied sich das Russische Kaiserreich 1843 nicht aus militärischen, sondern technischen Gründen für die Breitspur, trotzdem stellt der Spurbreitenwechsel weiterhin ein merkliches Hindernis im Bahnverkehr mit Finnland, dem Baltikum, der Ukraine und der Republik Moldau dar.

Rail Baltica soll Estland, Lettland und Litauen an das europäische Bahnnetz an- und Warschau, Kaunas, Riga und Tallinn mit einer Hochgeschwindigkeitsstrecke verbinden. Die Verträge wurden bereits 2019 unterzeichnet, dennoch ging es erst 2024 richtig los. Honi soit qui mal y pense – Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Halbinsel. Shakespeare verlegte in seinem Stück „Ein Wintermärchen“ Böhmen kurzerhand ans Meer. Ganz so weit gehen die Militärs von heute nicht. Dafür betrachten sie das Baltikum als eine abgelegene und nur bedingt zugängliche Halbinsel. Im Westen und Norden begrenzt sie die Ostsee, im Osten Putins  „Русский мир“ ( „Russische Welt“) und Lukaschenkas Belarus, im Süden die Exklave Kaliningrad. Daran hat selbst der NATO-Beitritt von Finnland und Schweden wenig geändert, obgleich die Ostsee seither beinahe ein Binnensee des Bündnisses ist.

Klaipėda. Wer Straße und Schiene meiden oder das „Suwalki-Gap“ umgehen möchte, kann Litauen per Schiff erreichen. Der Hafen von Klaipėda ist der größte des Landes und obendrein praktisch eisfrei. Mit einem jährlichen Güterumschlagsvolumen von rund 40 Millionen Tonnen liegt er recht genau zwischen St. Petersburg mit rund 50 Millionen Tonnen und Rostock mit rund 30 Millionen Tonnen.

Im Vergleich zu Riga mit rund 19 Millionen Tonnen und Tallinn mit rund 13 Millionen Tonnen ist Klaipėda schon fast ein Schwergewicht. Dafür ist Danzig mit rund 80 Millionen Tonnen natürlich eine andere Hausnummer.

Container. Was interessiert einen Sanitäter das Güterumschlagsvolumen von Ostsee-Häfen? Mehr als gedacht. Spätestens wenn es daran geht, eine Behandlungseinrichtung der Ebene 2 oder gar der Ebene 3 ins Baltikum zu verlegen, gewinnen derlei Informationen ungemein an Bedeutung. Dreistellige Zahlen sind da schnell erreicht.

Dreistellige Zahlen? Für einen erfahrenen Logistiker ist das kaum mehr als die bis heute ab und an zitierten  „peanuts“ eines berühmt-berüchtigten Bankers. In Friedenszeiten mag das sicher der Fall sein, doch wie stellt sich die Lage in Krise oder Krieg dar? Insbesondere dann, wenn viele Bedarfsträger um begrenzte Kapazitäten konkurrieren. Denken wir daher einen kurzen Moment an den US-amerikanischen General Omar Bradley: Amateurs talk strategy, professionals talk logistics.

Drohnen 1. Kennen Sie Ust-Luga und Primorsk? Falls ja, so gehören Sie zu einer kleinen Minderheit. Obgleich es sich bei Ust-Luga um den größten und bei Primorsk um den drittgrößten aller Häfen an der Ostsee handelt, sind beide weitgehend unbekannt. Das mag speziell daran liegen, dass sie über keinerlei Geschichte verfügen. Beide sind post-sowjetische Retorten-Kinder.

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR verlor Moskau fünf seiner neun wichtigsten Häfen an der Ostsee. Um diese Lücke so gut wie möglich zu schließen, wurde Primorsk ab 1993 zum einem der wichtigsten Ölverladehäfen Russlands ausgebaut. Ab 1997 folgte Ust-Luga.

Heute ist es der zweitgrößte Hafen des Landes überhaupt (nach Noworossijsk am Schwarzen Meer). Schwerpunkte sind Kohle und Mineraldünger. Trotz der durchaus beeindruckenden Zahlen, schafften es beide „Häfen mit angeschlossener Kleinstadt“ erst aufgrund von erfolgreichen ukrainischen Drohenattacken im März 2026 auf die „Bühne der Weltöffentlichkeit“. Die Feuersäule in Ust-Luga war noch in Finnland gut zu sehen. Der Schutz kritischer Infrastruktur ist nicht leicht. Das gilt für Häfen genauso wie für medizinische Behandlungseinrichtungen. Wo sind die Jungs von der Flugabwehr?

Pabradė. Der kleine Ort kurz vor der Grenze zu Belarus überrascht. Wer hätte gedacht, wie weit man im Osten Litauens mit seinen paar bescheidenen  „Brocken“ Polnisch kommt. Hier leben Polen, Litauer, Russen, Weißrussen und Ukrainer in einer Mischung à la Macédoine. Wer hätte es gedacht.

Pabradė Training Area. Seit 2014 ist der lokale Truppenübungsplatz nach General Silvestras Žukauskas benannt. Erster Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte nach Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit am 16. Februar 1918. Seine Karriere begann 1881 in der Kaiserlich Russischen Armee. 1916 wurde er zum Generalmajor befördert. Sein russischer Name lautete Сильве́стр Константи́нович Жуко́вский (Silvester Konstantinovich Zhukovsky), sein polnischer Sylwester Żukowski.

Die Imperien der Zeit nahmen es mit der Nationalität ihrer (fähigeren) Untertanen häufig nicht gar so genau. Gerade wenn sie zur Führungsschicht gehörten (ob durch Geburt oder Verdienst): Sei’s drum. Was zählte war ihre Loyalität. Und heute? Wie sehen wir das Verhältnis von Nationalität, Staatsbürgerschaft und dem Dienst an der Waffe zueinander?

Shtetl. Neben Pabradė Training Area ist Šiauliai Air Base einer der „main points of military interest“ in Litauen. Stichwort NATO Baltic Air Policing. Noch deutlich bedeutender ist die Rolle der Stadt Šiauliai in der Geschichte des Landes. Im 13. Jahrhundert wird sie in den Chroniken des Schwertritterordens erwähnt. In der Nähe liegt der  „Berg der Kreuze“ ( „Kryžių kalnas“). Vielleicht das Wahrzeichen Litauens als Nation überhaupt.

Wer noch gute 40 Kilometer weiter fährt, gelangt in den kleinen Ort Šeduva und damit zum Lost Shtetl Museum. An wohl keinem anderen anderem Ort im Baltikum (und vielleicht weit darüber hinaus) lässt es sich so eindrucksvoll erleben, was Europa durch die NS-Herrschaft für immer verloren hat. Wer auch immer von Ihnen nach Litauen kommen sollte, besuchen Sie dieses Museum. Der Staatsbürger in Uniform ist heute wichtiger denn je.

Sumpf. Es gibt Dinge, die sind Fluch und Segen zugleich. Weite Teile Litauens und der beiden anderen baltischen Staaten sind von Flüssen, Bächen und Rinnsalen durchzogen. Hinzu kommen zahllose Seen, Teiche und Tümpel. Alles recht sumpfig. Auf der einen Seite bietet diese spezifische Landschaft Schutz vor schnellen gegnerischen Bewegungen, auf der anderen Seite bindet sie die eigenen Kräfte.

Wer hier kämpfen will, muss sehr genau wissen, wie. Im Hinterkopf schwingt immer das tragische Schicksal einer 4-köpfigen US-amerikanischen Panzerbesatzung mit, die im April vergangenen Jahres in den hiesigen Sümpfen ums Leben kam. Es brauchte 200 Rettungskräfte und eine Woche Zeit, ihre Leichen zu bergen.

Train as you fight. Wer schlagkräftige Streitkräfte will, muss so realistisch wie nur eben möglich üben. Dies gilt ganz besonders in Zeiten, in denen sich die Art und Weise der Kriegsführung radikal veränderten. Mit Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges am 24. Februar 2022 ist eine technologische Entwicklung in Gang gesetzt worden, deren Ende noch lange nicht abzusehen ist.

So wie das Maschinengewehr die Art der Kriegsführung radikal verändert und unser Bild des 1. Weltkrieges mitgeprägt hat, verändern Drohnen die Art, wie wir kämpfen (müssen). Das gilt für den Sanitätsdienst in besonderem Maße. Früher hat es ausgereicht, den Casualty Collection Point (CCP) etwa 1.000 bis 3.000 Meter hinter den eigenen Stellungen einzurichten. Dort waren die Verwundeten genügend gegen Flachfeuer und vor feindlichen Blicken geschützt.

Die Zeiten sind vorbei. Wie weit wir heute  „nach hinten“ müssen wird sich zeigen. Gleiches gilt für unsere medizinischen Behandlungseinrichtungen der Ebenen 1, 2 und 3. Die Distanzen werden auf absehbare Zeit eher größer als kleiner. Wie können wir das sinnvoll üben?

Train where you (might have to) fight. Ursprünglich war geplant, dass die Übung „Medic Guardian 2026“ beim Sanitätsregiment 4 im nordrhein-westfälischen Rheine stattfindet. Dann schaltete sich Helmuth von Moltke (der Ältere oder der Große Schweiger) ein:  „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“ (sprich: Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt).

Knapp sechs Monate vor Beginn der Übung fiel die Entscheidung, diese nach Litauen zu verlegen. Die Truppe nutzt in solchen Fällen gerne den Ausdruck  „sportlich“. Dank  „Druck, Drall und Geschwindigkeit“ gelang es, die ambitionierte Idee gerade noch zeitgerecht umzusetzen. Den Aufwand war es allemal wert. Dort zu trainieren, wo wir im Falle eines Falles eingesetzt würden, dient nicht allein der Realitätsnähe: Nichts ersetzt den Blick ins Gelände außer noch mehr Blick ins Gelände.

Rettungskette. Die Rettungskette in ihrer bisherigen Form wird den massiven Einsatz von Drohnen als Aufklärungs- oder kinetisches Wirkmittel kaum überleben. Die stete Bedrohung  „von oben“ macht das Gefechtsfeld gläsern und zwingt uns beim Einsatz von Sanitätskräften zu neuem Denken.

Verbluten. Gegen die häufigste vermeidbare Todesursache auf dem Schlachtfeld hilft keine Impfung, sondern nur eine funktionierende Rettungskette. 6 Liter. Das ist in etwa die Menge an Blut, die wir im menschlichen Körper haben. Ein Blutverlust von ca. 40% führt zu irreversiblen Organschäden und mit großer Wahrscheinlichkeit zum Tod. Ärzte und Sanitäter wissen das. Wer sagt es unseren Kameraden?

10 Minuten – 1 Stunde – 2 Sunden. Diese Zeitlinien gelten unverändert. Je später unsere Verwundeten behandelt werden, desto größer ist die Gefahr, dass sie an ihren Verletzungen sterben oder irreparable Folgeschäden behalten werden. Ärzte und Sanitäter wissen das. Wer sagt es unseren Kameraden?

Drohnen 2. Moskitos. Drohnen sind wie Moskitos. Eine einzige, fürchterliche Plage. Zumindest die eine Hälfte von ihnen. Für die andere gilt das Gleiche wie für Sümpfe (siehe oben). Eine Medaille mit zwei Seiten. Drohnen sind nicht nur eine Bedrohung, sie sind genauso ein Teil der Lösung.

ExOrg. Fünf Buchstaben, die mehr Beachtung erfahren sollten. Die Qualität einer Übung steht und fällt mit ihrer Vorbereitung. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Sollten wir es mit der Idee, dass Übungen die neue Abschreckung sind tatsächlich ernst meinen, dann dürfen wir dieses Feld nicht stiefmütterlich behandeln. Eine gute Übung braucht Zeit und Ressourcen. Wir sollten beides bereitstellen. Ansonsten wird es nichts mit der Zeitenwende. Gut Ding braucht Weile. Oder, wie die Briten sagen: Haste makes waste.

Role Player. Hier gilt das Gleiche wie zum Thema ExOrg. Role Player sind mehr als Beiwerk einer Übung. Sie tragen ganz entscheidend zu ihrer Qualität bei. Im Rahmen der Übungen Vigorous Warrior 2019 in Rumänien und 2024 in Ungarn sind Offizieranwärter des Sanitätsdienstes bereits mit großem Erfolg als Role Player eingesetzt worden (Projekt „Early Bird“). Hier gilt es herauszufinden, wie wir Studium und praktische Erfahrungen besser verbinden können.

Simulatoren. Ein Geschäft ist nur dann ein gutes Geschäft, wenn beide Seiten daran verdienen. Das gilt gleichermaßen für militärische Übungen. Nur wenn alle beteiligten Gruppen etwas lernen können, ist es eine gute Übung. Wer unsere Ärzte wirklich einbinden will, der muss ihnen etwas zum Üben an die Hände geben.

Moderne Simulationstechnik bietet hier mannigfaltige Möglichkeiten. Wir sollten sie nutzen, selbst wenn sie einen entsprechenden Preis haben. Ein Schuss 120mm kostet ungefähr soviel wie das volle „Operationspaket“ für einen modernen Simulator.

Sechs mal sechs macht Eagle. Es gibt sie noch, die gute Nachrichten. Selbst wenn man es zunächst fast nicht glauben mag. Der gerade neu in die Truppe eingeführte Eagle 6×6 hat sich bei der Übung „Medic Guardian 2026“ bestens bewährt. Trotz der weiten zurückgelegten Strecken, kam es während der Übung nur zu einem einzigen Ausfall (allerdings war der Aufwand für den technischen Dienst und den Materialerhalt erheblich).

Dig deep or move fat. Schanzen spart Blut und Geschwindigkeit ist die beste Panzerung. Dabei ist die Sache mit dem Schanzen nicht unbedingt wörtlich zu nehmen. Der Griff zur Schaufel kann genauso gut durch die Nutzung von fester Infrastruktur ersetzt werden. Effizienter und effektiver wäre es allemal. Gleichzeitig gilt es zu überlegen, wie wir uns dennoch schnell auf dem Gefechtsfeld bewegen können, um die hochbeweglichen Einheiten des Heeres zu unterstützen. Sie sehen, an Herausforderungen für die Zukunft mangelt es nicht.

Epilog. Im Juni dieses Jahres findet die größte multinationale Sanitätsübung der NATO überhaupt statt, die „Vigorous Warrior 2026“. Hierzu verlegt das Sanitätsregiment 3  „Alb-Donau“ eine (nahezu) komplette medizinische Behandlungseinrichtung der Ebene 3 nach Estland, wo diese in drei Lagerhallen im Hafen Muuga aufgebaut wird.

„Nachbrenner“

A. Wer „Z“ sagt, muss auch  „A“ sagen.  „A“ wie Anfang (am Ende). Die Autoren gestehen freimütig ein, dass sie sich beim Schreiben dieses Artikels von Schott’s Original Miscellany („A bizarre compendium of random knowledge“) haben reichlich inspirieren lassen. Das hatte zwei Gründe.

Erstens wussten sie keinen anderen Weg, ihre merklich unterschiedlichen Gedanken unter einen Hut zu bringen. Zweitens freuen sie sich aufrichtig auf jede Ihrer Ergänzungen zu diesem doch  „sehr übersichtlichen“ Almanach (siehe oben). Denken wir einfach an das Motto des Schott’s selbst: Liber Praeteritorum et Posteritates Carmen – A Book of the Past & A Song of the Future.

Weiterer Text

Für die Verfasser:

Wehrmedizin und Wehrpharmazie xx/26

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