Die SS-Standarte „Deutschland“ war von 1936 bis zur Eroberung durch die U.S. Armee im Jahr 1945 in der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne untergebracht, wo sich heute die Sanitätsakademie der Bundeswehr befindet. Ab dem Jahr 1940 wurden in der Wehrmacht und den SS-Einheiten sämtliche wehrfähigen Männer an die Front abgezogen, da, bedingt durch den Verlauf des Weiten Weltkrieges, der Bedarf an Personal stark anstieg. Dies hatte zur Folge, dass das Personal der Standortverwaltung in der SS-Kaserne sukkzeive reduziert wurde. Um diesen Personalmangel beheben zu können, wurde am 10. November 1941 das Nebenlager (NL) „SS-Standortverwaltung“ des Konzentrationslagers (KL) Dachau eingerichtet. Im Sommer 1943 wurde ein Häftling der kriminellen Gruppe, der des Diebstahls von Lebensmitteln beschuldigt wurde, auf dem Kasernengelände in einem Lagerschuppen exekutiert. Am 25. April 1945 wurde das Nebenlager aufgelöst.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden schrittweise alle wehrfähigen Männer der Wehrmacht und Waffen-SS an die Front einberufen. Im weiteren Kriegsverlauf und aufgrund des Mehr-Fronten-Kriegs wurde das militärische Personal an der Front durch Tod und Verletzungen rar.
Dies hatte schließlich zur Folge, dass ab dem Jahr 1940 zunehmend Personal für den Frontdienst gebraucht wurde, was sich auch auf die SS-Standarte „Deutschland“ auswirkte, da auch sie Personal abgeben musste. Daher ging der Standortverwaltung der SS-Kaserne nach und nach das Personal aus.
Es war notwendig, rasch eine Lösung zu finden, um diese Personalvakanzen zu schließen. Wegen der Entfernung von nur etwa 20 Kilometern zwischen der Kaserne München-Freimann und dem Konzentrationslager Dachau entschied man sich, das Nebenlager „SS-Standortverwaltung“ des KL Dachau zu errichten und die Personallücken mit Schutzhaft-Häftlingen aufzufüllen. Am 10. November 1941 wurden auf Anordnung vom 18. Mai 1941 die ersten 27 Schutzhaft-Häftlinge dem Außenkommando München (SS-Standortverwaltung München) zugeteilt.
Johann Reiss, SS-Hauptscharführer, wurde als Kommandoführer des Nebenlagers eingesetzt und führte das Kommando bis 1943. SS-Hauptscharführer Franz KOHN folgte ihm nach und hatte das Kommando bis zur Lageauflösung im Jahr 1945. Die im Nebenlager eingesetzten Schutzhaft-Häftlinge gehörten ausschließlich zur Gruppe der „Politisch“ bzw. zur Gruppe der „Berufsverbrecher“ (kriminelle Gruppe) an.
Politische Gefangene wurden in der Haft mit einem roten Dreieck auf ihrer Gefangenenkleidung markiert, während kriminelle Häftlinge mit einem grünen Dreieck gekennzeichnet wurden. Die Häftlinge kamen vor allem aus dem Deutschen Reich, der Tschechoslowakei und Polen. Die Häftlinge wurden auf dem Gelände der SS-Kaserne Deutschland in München-Freimann untergebracht. Übereinstimmend berichteten Zeitzeugen, dass die Unterbringung der Gefangenen in dem Gebäude erfolgte, in dem auch die Soldaten der SS-Standarte schliefen.
Die Insassen wurden in zwei unterschiedlichen Schlafräumen entsprechend ihrer Kennzeichnung untergebracht, wobei diese Räume durch SS-Wachpersonal, welches ausschließlich zum Stammpersonal des Konzentrationslager Dachau gehörte, durchgehend bewacht wurden. Die Lage der beiden Räume weicht jedoch voneinander ab. Einerseits wird angeführt, dass die Unterkünfte im dritten Stockwerk lagen; andererseits erinnert sich der Ex-Häftling Stefan SIEROCINSKI daran, dass diese unbewohnbaren Unterkünfte unter dem Dach waren.
So gab er zu Protokoll: „Die Unterkünfte waren kalt und boten lediglich Etagenpritschen ohne Strohsäcke. Des Weiteren waren die Fenster mit Gittern versehen.“. Herrn Milan LORBEKs Zeichnungen geben einen Eindruck davon, wie der Kasernenhof zu dieser Zeit aussah; sie entstanden etwa 1945, als er dort als Flüchtling im Durchgangslager der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) untergebracht war.
Die Häftlinge wurden durch die Kantine der SS-Kaserne mitverpflegt. Das Essen war deutlich besser als im Konzentrationslager Dachau. Zu den Aufgaben der Häftlinge gehörte es, die Außen- und Kasernenanlagen zu pflegen, Aufräum- und Reinigungsarbeiten durchzuführen sowie alle notwendigen baulichen Instandhaltungsmaßnahmen umzusetzen. Gelegentlich mussten die Gefangenen die Uniformen der SS-Soldaten zur Reinigung nach München transportieren.
Ein regelmäßiger Austausch von Häftlingen zwischen dem Stammlager in Dachau und den nahegelegenen Nebenlagern des Konzentrationslagers Dachau war aufgrund der ständig wechselnden Aufträge und der damit verbundenen Durchführung unterschiedlichster Arbeiten unerlässlich. Unzählige „Passierscheine“ des Konzentrationslagers Dachau – Abteilung Arbeitseinsatz zeugen davon.
Zum Beispiel wurde der Schutzhaft-Häftling Kurt OPITZ (Tierarzt, geb. am 16.1.1907) mit der Häftlings-Nummer 13377 am 3.9.1942 dem Außenkommando SS-Standortverwaltung München zugewiesen. Am 5. September 1942 wurde er aus unbekannten Gründen ins Konzentrationslager Dachau zurückgeschickt.
Vorstellung des Schutzhaft-Häftlings Franz Pietrzak
Im Nebenlager „SS-Standortverwaltung“ waren zwischen 20 und 65 Schutzhaft-Häftlinge eingesetzt. Einer von ihnen war der Schutzhaft-Häftling Franz PIETRZAK, geboren am 30.11.1921 in Emilianow/Polen, mit der Häftlings-Nummer 13607. In seiner Gefangenenkartei wurde als Beruf Gärtner angegeben. Am 26. April 1940 wurde er im Alter von nur 18 Jahren in Plauen von der Staatspolizei (Stapo) festgenommen.
Zwei Tage später, am 28. April 1940, erfolgte seine Überstellung in das Konzentrationslager Dachau, wo er in Schutzhaft genommen wurde. Aufgrund einer Vorstrafe wurde er der Gruppe der „Berufsverbrecher“ zugeordnet. Am 19. Dezember 1942 fand ein Häftlingsaustausch statt, bei dem der Hilfsarbeiter PIETRZAK vom Nebenlager „Schleißheim“ in das Außenkommando Freimann „SS-Standortverwaltung“ in München verlegt wurde.
Menschenrechtsverletzungen im Nebenlager „SS-Standortverwaltung“
Im Sommer 1943, an einem unbekannten Tag, geschah ein Vorfall, der als der dunkelste Tag in die Geschichte der Liegenschaft der Ernst-von-Bergmann-Kaserne angesehen werden muss. An diesem Tag wurde ein Häftling der kriminellen Gruppe auf dem Gelände der SS-Kaserne München-Freimann hingerichtet.
Hierzu äußerte sich der ehemalige Schutzhaft-Häftling Ludwig SCHNEIDER am 8. Oktober 1974 wie folgt:
„Während meines Aufenthaltes im Nebenlager München-Freimann habe ich lediglich einen Fall von Häftlingstötung miterlebt. Erinnerlich im Sommer 1943 wurde ein Häftling der kriminellen Gruppe gehängt. Dieser war in den Keller eines SS-Offiziers eingedrungen und hatte Esswaren gestohlen. Er wurde dann vor den Augen sämtlicher angetretenen Häftlinge an einem Galgen aufgehängt. Die Hinrichtung fand innerhalb des Kasernengeländes in einem überdachten Lagerschuppen statt. Von Wachpersonal war der Kommandoführer, Hauptscharführer REISS anwesend. Es war auch noch ein SS-Offizier dabei, dessen Namen mir jedoch unbekannt war. Zur Bewachung waren darüber hinaus mehrere SS-Soldaten abkommandiert.
Der Todeskandidat musste sich auf einen Stuhl stellen, von einem Mithäftling der kriminellen Gruppe wurde ihm auf Befehl die Schlinge um den Hals gelegt und dann der Stuhl weggestoßen. Nach Eintritt des Todes wurde er in eine Kiste verladen und nach Dachau überführt. Der Name des Hingerichteten ist mir nicht bekannt. Die geschilderte Tötung des Häftlings habe ich aus einer Entfernung von ca. 8 – 10 Metern mitangesehen. Weitere Häftlingstötungen im Nebenlager München-Freimann sind mir nicht bekannt geworden.“
Der ehemalige Häftling SIEROCINSKI beschreibt die Behandlung der Häftlinge durch das Wachpersonal 1975 dazu folgendes zu Protokoll:
„Einige von ihnen verhielten sich zu den Häftlingen brutal, quälten und schlugen sie ohne Anlass. Besonders einer der SS-Männer im Alter von ungefähr 40 Jahren, dessen Aussehen ich gegenwärtig nicht zu beschreiben vermag, schlug die Gefangenen. Auch auf mich schlug er einige zehn Mal ohne jeden Grund ein.“
In den Vernehmungsniederschriften ist ein weiterer Fall dokumentiert, bei dem ein Häftling aufgrund brutaler Misshandlung verstarb. Bisher konnten die Nationalitäten, wie auch die Namen der verstorbenen Häftlinge nicht festgestellt werden.
Rund eine Woche vor dem Ende des Krieges, am 25. April 1945, wurde das Nebenlager geräumt und aufgelöst. Die letzten Gefangenen mussten die etwa 20 Kilometer lange Strecke vom Nebenlager „SS-Standortverwaltung“, Ingolstädter Straße 193, zum Konzentrationslager Dachau zu Fuß marschieren.
Die Dachauer Prozesse
Die „Dachauer Prozesse“ wurden von den Amerikanern auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau zwischen November 1945 und August 1948 durchgeführt. In diesem Zeitraum wurden in 489 Verfahren insgesamt 1.672 Personen wegen Kriegsverbrechen sowie wegen Misshandlungen und Tötungen von Zivilisten und Militärangehörigen der USA und ihrer Alliierten im Zweiten Weltkrieg angeklagt.
Im Rahmen dieser Gerichtsverfahren wurden auch die Verantwortlichen des Nebenlagers „SS-Standortverwaltung“ im Konzentrationslager Dachau zur Rechenschaft gezogen. Zu den Hauptangeklagten des Nebenlagers gehörten: SS-Hauptscharführer Johann REISS, SS-Hauptscharführer Franz KOHN, SS-Oberscharführer Ernst Emil WICKLEIN und SS-Oberscharführer Andreas SCHUCH.
SS-Hauptscharführer Johann REISS, der am 12.11.1884 in Arbing/Bayern geboren wurde, war bis 1943 Lagerführer des Nebenlagers „SS-Standortverwaltung“. In der Aussage des Schutzhaft-Häftlings SCHNEIDER wurde erwähnt, dass er im Sommer 1943 bei der Hinrichtung eines Häftlings in der SS-Kaserne anwesend war.
Im Rahmen des Verfahrens wurde REISS wegen verschiedenster Kriegsverbrechen und Misshandlungen von Häftlingen zu einer Haftstrafe von insgesamt 5 Jahren verurteilt. Am 18.6.1945 trat er im Militärgefängnis Landsberg am Lech seine Haftstrafe an. Wegen seiner guten Führung wurde er am 21.12.1949 aus der Gefangenschaft entlassen.

Alle Hauptangeklagten wurden im Rahmen der Gerichtsprozesse zu mehrjährigen Haftstrafen in der Militärhaftanstalt Landsberg am Lech verurteilt und wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen.
Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau
Am 29. April 1945 befreiten Einheiten der US-Armee das Konzentrationslager Dachau sowie die noch vorhandenen Außen- und Nebenlager, von denen die meisten zuvor von der SS geräumt und aufgelöst worden waren. An diesen denkwürdigen Tag, den 29. April, wird seit der Befreiung der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau gefeiert.
Undatierte Fotodokumente belegen, dass dieser Jahrestag in den ersten Nachkriegsjahren auch im UNRRA-Lager „Munich-Freimann – SS. Kaserne – D.P. Center“ gefeiert wurde. Auf den Fotografien ist zu erkennen, dass die ehemaligen Schutzhaft-Häftlinge in Maschformation durch die Kasernenanlage marschieren, dabei trugen sie ihre Häftlingsbekleidung.
Einige der Marschierenden kombinierten die Häftlingsbekleidung mit Elementen ihrer Zivilkleidung, so trugen sie beispielsweise ein weißes Hemd mit einer Kravatte unter der gestreiften Häftlingsjacke. Es ist anzunehmen, dass diese Gedenkveranstaltungen bis zur Auflösung des Durchgangs- und Repatriierungslagers im Jahr 1950 stattfanden.
Ab dem Jahr 1950 wurde das Grundstück an die US-Streitkräfte übergeben. Durch die Übergabe wurde das Gelände zu einem militärischen Sicherheitsbereich, was eine Fortsetzung der Gedenkveranstaltung innerhalb der Liegenschaft unmöglich machte. An die Befreiung wird des Konzentrationslager Dachau und deren Außen- und Nebenlager wird bis heute in der Gedenkstätte KZ-Dachau erinnert.
Errichtung einer Gedenkstele zum Gedenken an die Menschenrechtsverletzungen innerhalb der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne
Die Idee, eine Gedenkstele zur Erinnerung an die Menschenrechtsverletzungen in der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne zu schaffen, entstand während meiner Recherche über das Nebenlager „SS-Standortverwaltung“. Der Vorschlag zur Errichtung wurde im Jahr 2022 vom Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr gebilligt. Die Gedenkstele wurde im Rahmen des Erlasses „Truppenselbstbau“ gestaltet, gemäß dem Motto „Von der Truppe für die Truppe“.
Die Pionierschule (PiS) der Bundeswehr in Ingolstadt, das Bautechnische Unterstützungszentrum (BUZ) sowie die V. Inspektion haben diesen Auftrag angenommen und umgesetzt. Am 8. Oktober 2024 war es endlich so weit: Die fertiggestellte Gedenkstele wurde durch die Pionierschule angeliefert und aufgestellt.
Die Einweihung dieses neuen Gedenkortes erfolgt im Rahmen einer Gedenkveranstaltung und Kranzniederlegung an der Gedenkstele am 8. Mai 2025. Diese Gedenkstele erinnert an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der heutigen Ernst-von-Bergmann-Kaserne und erinnert an die begangenen Menschenrechtsverletzungen.
Literatur beim Verfasser
Aus Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2025
Für die Verfasser:
Hauptfeldwebel Mirko Lange
Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr
Ernst-von-Bergmann-Kaserne
Neuherbergstraße 11
80937 München
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