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Parodontitis – hohe Prävalenz und blinde Flecken

Die 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS) liefert aktuelle, bevölkerungsrepräsentative Daten zur Mundgesundheit in Deutschland und ermöglicht erstmals eine Auswertung parodontaler Erkrankungen wie z. B. Parodontitis nach der Klassifikation von 2018.

Die DMS 6 stellt die aktuellste bevölkerungsrepresentative Untersuchung zur Mundgesundheit in Deutschland dar und knüpft an eine seit 1989 etablierte Studienreihe an. Ziel dieser Studien ist es, epidemiologische Trends zu erfassen, Versorgungsbedarfe abzuleiten und gesundheitspolitische Entscheidungen evidenzbasiert zu unterstützen. Die DMS 6 wurde an zahlreichen Untersuchungszentren in Deutschland durchgeführt und basiert auf einer zufälligen Stichprobe der Bevölkerung.

Methodisch zeichnet sie sich durch eine standardisierte klinische Untersuchung sowie durch die Erhebung umfangreicher gesundheitsbezogener und soziodemografischer Daten aus. Für die Parodontologie ist insbesondere hervorzuheben, dass die Untersuchung auf einem Full-Mouth-Recording mit Erhebung von Sondierungstiefen, klinischem Attachmentlevel und Blutung auf Sondierung basiert. Die Auswertung erfolgte in der DMS 6 erstmals konsequent nach der aktuellen Klassifikation parodontaler Erkrankungen von 2018 und ermöglicht damit eine differenzierte epidemiologische Bestandsaufnahme parodontaler Erkrankungen in Deutschland.

Prävalenz parodontaler Erkrankungen wie z. B. Parodontitis
Prävalenz parodontaler Erkrankungen wie z. B. Parodontitis
Grafik: Jordan AR et al. : Deutschland auf den Zahn gefühlt – 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (dms· 6). Köln: Institut der Deutschen Zahnärzte (idz); 2026.

Ein zentrales Merkmal der DMS-Studien ist die Orientierung an definierten Alterskohorten, die eine internationale Vergleichbarkeit ermöglichen sollen. In der DMS 6 wurden – in Anlehnung an WHO-Standards – insbesondere die Altersgruppen der 12-Jährigen, der 35- bis 44-Jährigen sowie der 65- bis 74-Jährigen untersucht. Ergänzend wurden weitere Alterssegmente, darunter jüngere Kinder sowie einzelne zusätzliche Erwachsenenkohorten, einbezogen. Für die parodontologische Auswertung stehen jedoch vor allem die beiden etablierten Erwachsenen-Kohorten im Fokus, da sie bereits in früheren DMS-Erhebungen untersucht wurden und somit eine gewisse longitudinale Einordnung erlauben.

Die Auswahl folgt einer epidemiologischen Logik: Während die jüngere Erwachsenenkohorte frühe und manifeste Erkrankungsstadien abbildet, repräsentiert die ältere Kohorte die kumulative Krankheitslast im Sinne langfristiger Exposition und Progression. Die Gruppe der 35- bis 44-Jährigen dient hierbei als Referenz für die erwachsene Bevölkerung in einem Lebensabschnitt, in dem parodontale Erkrankungen in der Regel klinisch manifest sind, ohne dass Zahnverlust die Befundlage bereits wesentlich verzerrt. Die Gruppe der 65- bis 74-Jährigen repräsentiert hingegen die kumulative Krankheitslast im höheren Lebensalter und erlaubt Aussagen über Langzeitverläufe, Therapieergebnisse und Versorgungsrealitäten. Gerade im Kontext des demografischen Wandels und des zunehmenden Zahnerhalts im Alter gewinnt diese Kohorte zunehmend an Bedeutung, da hier eine steigende Zahl natürlicher Zähne über längere Zeiträume hinweg parodontal gefährdet bleibt.

Dynamik parodontaler Erkrankungen 2005 – 2023
Dynamik parodontaler Erkrankungen 2005 – 2023
Grafik: Jordan AR et al. : Deutschland auf den Zahn gefühlt – 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (dms· 6). Köln: Institut der Deutschen Zahnärzte (idz); 2026.

Die Ergebnisse der DMS 6 zeigen eine sehr hohe Prävalenz parodontaler Erkrankungen in beiden Altersgruppen. Diese liegt bei den 35 bis 44 Jährigen bei 95,1 % und bei den 65 bis 74 Jährigen bei 85,2 %. Besonders relevant ist die Last schwerer Verläufe: Parodontitis im Stadium III oder IV liegt bei 17,5 % der 35- bis 44-Jährigen, und bei 52,7 % der 65- bis 74-Jährigen vor. Damit ist in der Seniorenkohorte mehr als jede zweite Person von einer schweren Form der Erkrankung betroffen.

Gleichzeitig ist festzustellen, dass nur ein sehr geringer Anteil beider Altersgruppen als parodontal gesund klassifiziert werden kann. Die auf den ersten Blick höhere Prävalenz in der jüngeren Kohorte erklärt sich durch den hohen Anteil früher Stadien, während sich in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen eine deutliche Verschiebung hin zu fortgeschrittenen Erkrankungsstadien zeigt. Hier findet sich eine hohe Prävalenz schwerer Parodontitiden mit ausgeprägtem Attachmentverlust, erhöhten Sondierungstiefen und entsprechendem Risiko für funktionelle Einschränkungen und Zahnverlust.

Auch die stadienbezogene Verteilung verdeutlicht diese Dynamik. In der jüngeren Erwachsenengruppe dominieren frühe und moderate Verlaufsformen, während in der älteren Kohorte fortgeschrittene Stadien überwiegen. Diese Verschiebung ist konsistent mit der längeren Expositionsdauer gegenüber Risikofaktoren sowie der kumulativen Zerstörung parodontaler Strukturen bei gleichzeitig verbessertem Zahnerhalt im Alter.

Klinische Parameter unterstreichen die erhebliche Krankheitslast zusätzlich: Die Zahl der Zähne mit erhöhten Sondierungstiefen und relevantem Attachmentverlust ist in beiden Kohorten hoch und nimmt im höheren Lebensalter deutlich zu. Dies zeigt, dass die Parodontitis nicht nur eine weit verbreitete, sondern auch klinisch relevante Erkrankung mit substantieller funktioneller und systemischer Bedeutung ist.

Durchschnittsalter der Soldaten der Bundeswehr
Durchschnittsalter der Soldaten der Bundeswehr
Grafik: Deutscher Bundestag, Drucksache 20/5153, Februar 2023, © Statista 2025

Für die Gruppe der 35- bis 44-Jährigen ist besonders hervorzuheben, dass parodontale Gesundheit im engeren Sinne nur selten vorliegt. Lediglich ein sehr kleiner Anteil dieser Kohorte weist keine klinischen Anzeichen einer parodontalen Erkrankung auf. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Zahnzahl hoch, und Zahnlosigkeit spielt im Gegensatz zu früheren Untersuchungen praktisch keine Rolle mehr. Diese Konstellation verdeutlicht ein zentrales Charakteristikum moderner Parodontitisepidemiologie: Die Erkrankung manifestiert sich zunehmend bei erhaltener Dentition und bleibt damit über lange Zeiträume klinisch relevant. Die beobachteten Befunde spiegeln dabei bereits die langfristigen Auswirkungen etablierter Risikofaktoren wider, noch bevor es zu ausgeprägtem Zahnverlust kommt.

Gerade aus dieser Konstellation ergibt sich jedoch eine entscheidende Limitation der DMS 6: Wenn bereits in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen eine nahezu flächendeckende Prävalenz parodontaler Erkrankungen vorliegt, muss ein Großteil dieser Erkrankungen zwangsläufig in einem früheren Lebensabschnitt entstanden sein. Die DMS 6 liefert jedoch keine ausreichenden Daten für die Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen, in der diese initialen Prozesse stattfinden. Damit bleibt unklar, wann genau der Übergang von reversibler Gingivitis zu irreversibler Parodontitis erfolgt, welche Progressionsmuster sich in dieser Phase etablieren und in welchem Umfang präventive Maßnahmen das Erkrankungsgeschehen beeinflussen könnten.

Diese fehlende Abbildung der Entstehungsphase stellt nicht nur ein epidemiologisches, sondern ein wehrmedizinisch hoch relevantes Defizit dar.

Während die Studie bewusst an den etablierten WHO-Kernkohorten festhält, um internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, bleibt damit ausgerechnet jene Lebensphase unzureichend abgebildet, die für die Entstehung parodontaler Erkrankungen von zentraler Bedeutung ist. Diese Lücke gewinnt insbesondere aus wehrmedizinischer Perspektive eine erhebliche Tragweite, da sie genau die Altersgruppe betrifft, aus der sich ein sehr großer Teil der aktiven und der im Rahmen des personellen Aufwuchses der Bundeswehr neu zu gewinnenden Soldaten rekrutiert.

Wie bereits beschrieben zeigt die DMS 6, dass bei den 35- bis 44-Jährigen bereits eine nahezu flächendeckende Prävalenz von Parodontitis vorliegt. Wehrmedizinisch betrachtet ergibt sich daraus eine kritische Schlussfolgerung: Ein erheblicher Teil dieser Erkrankungen muss bereits im vorhergehenden Lebensabschnitt, also im Alter zwischen 18 und 34 Jahren, entstanden sein – genau jener Phase, die für die Ausbildung und weiter weitere Verwendung der Soldaten entscheidend ist. Ohne eine systematische Erfassung dieser Altersgruppe bleibt jedoch unklar, wann und unter welchen Bedingungen die initiale Erkrankung beginnt, welche Progressionsdynamiken bestehen und welche präventiven Maßnahmen im militärischen Setting effektiv greifen könnten. Damit fehlt eine zentrale evidenzbasierte Grundlage für die präventive Ausrichtung der zahnmedizinischen Versorgung innerhalb der Bundeswehr.

Diese epidemische Lücke hat unmittelbare Konsequenzen für die Zahnmedizin in der Bundeswehr. Parodontale Erkrankungen verlaufen in frühen Stadien häufig asymptomatisch und werden daher im Rahmen standardisierter truppenzahnärztlicher Untersuchungen nicht zwangsläufig erkannt. Gleichzeitig können gerade diese initialen Befunde unter den spezifischen Belastungsbedingungen militärischer Szenarien rasch progredient verlaufen.

Faktoren wie eingeschränkte Mundhygienemöglichkeiten im Einsatz, physischer und psychischer Stress, veränderte Ernährungsbedingungen sowie ein verzögerter Zugang zu zahnärztlicher Behandlung begünstigen die Exazerbation entzündlicher Prozesse im Parodont. Aus zunächst klinisch unauffälligen oder milden Befunden können so innerhalb kurzer Zeit akute, behandlungsbedürftige Zustände entstehen.

Parodontaler Abszess
Parodontaler Abszess
Foto: Bundeswehr/R. Thierbach

Neben der bereits beschriebenen fehlenden Erfassung der 18- bis 34-Jährigen bleibt auch die breite Alterskohorte der 45- bis 64-Jährigen außerhalb einer konsistenten epidemiologischen Analyse. Damit fehlt nicht nur die Entstehungsphase der Erkrankung, sondern auch ein wesentlicher Teil ihres weiteren Verlaufs im mittleren Lebensalter. Diese Lebensphase ist durch die Manifestation, Chronifizierung und zunehmende klinische Relevanz parodontaler Erkrankungen geprägt und umfasst einen großen Anteil des militärischen Personals. Das epidemiologische Defizit bezieht sich somit auf eine wehrmedizinisch relevante doppelte Datenlücke.

In diesem Zusammenhang ist insbesondere das Risiko sogenannter Dental Non-Battle Injuries (DNBI) hervorzuheben. Parodontale Erkrankungen stellen eine relevante, jedoch häufig unterschätzte Ursache solcher nicht kampfbedingten Ausfälle dar. Akute Parodontalabszesse, Schmerzen oder funktionelle Einschränkungen können die Einsatzfähigkeit unmittelbar beeinträchtigen und im ungünstigsten Fall eine Evakuierung aus dem Einsatzgebiet erforderlich machen. Vor dem Hintergrund hochspezialisierter militärischer Verwendungen ist jeder medizinisch bedingte Ausfall nicht nur ein individuelles Gesundheitsproblem, sondern kann operative Abläufe und die Einsatzbereitschaft ganzer Einheiten beeinflussen. Die fehlende Datenbasis für die Altersgruppe der jungen Erwachsenen erschwert dabei eine realistische Risikoabschätzung und präventive Planung erheblich. Darüber hinaus limitiert die unzureichende epidemiologische Abbildung dieser Alterskohorte die Entwicklung zielgerichteter präventiver Strategien innerhalb der Streitkräfte.

Während die DMS 6 die hohe Krankheitslast bei älteren Erwachsenen dokumentiert, bleibt unklar, in welchem Umfang diese Last durch frühzeitige Interventionen im jungen Erwachsenenalter hätte reduziert werden können. Für die Bundeswehr ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung: Einerseits können zentrale präventive Fragestellungen – etwa zur Gestaltung der Einstellungsuntersuchung, zur angemessenen Frequenz parodontaler Screenings oder zur Etablierung risikoadaptierter Recall-Systeme – derzeit nur eingeschränkt evidenzbasiert beantwortet werden. Andererseits gewinnt die Thematik vor dem Hintergrund der Landes- und Bündnisverteidigung zusätzlich an Bedeutung, da die frühzeitige Sicherung der oralen Gesundheit einen wesentlichen Beitrag zur individuellen Einsatzfähigkeit und zur langfristigen personellen Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte leistet.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein klarer wehrmedizinischer Handlungsbedarf. Es erscheint notwendig, die bestehende Datenlücke durch populationsspezifische Untersuchungen innerhalb der Bundeswehr zu schließen. Eigene epidemiologische Studien, die gezielt die Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen adressieren und standardisierte parodontale Parameter erfassen, könnten eine belastbare Grundlage für präventive und therapeutische Strategien schaffen. Ergänzend sollte der parodontale Status stärkere Gewichtung in der einsatzvorbereitenden Diagnostik finden, um potenzielle Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren und präventiv zu behandeln.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die DMS 6 zwar eine methodisch hochwertige und klinisch relevante Bestandsaufnahme der parodontalen Gesundheit in Deutschland darstellt, gleichzeitig jedoch eine zentrale Schwäche aufweist, deren Bedeutung im militärischen Kontext besonders ausgeprägt ist. Die fehlende systematische Erfassung der militärisch relevanten Altersgruppen, insbesondere der 18- bis 34-Jährigen betrifft genau jene Population, die für den personellen Aufwuchs und die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr entscheidend ist.

Damit entsteht eine Diskrepanz zwischen epidemiologischer Evidenz und versorgungsrelevanter Realität, die nicht nur wissenschaftlich, sondern vor allem militärisch operativ von Bedeutung ist. Die notwendige Schließung der bestehenden epidemiologischen „blinden Flecken“ geht folglich über den akademischen Erkenntnisgewinn hinaus und ist ein wesentlicher Beitrag zur evidenzbasierten Gestaltung einer nachhaltigen, präventionsorientierten und einsatzrelevanten militärzahnmedizinischen Gesundheitsversorgung.

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/26

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