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ROLE2SEA – Die sanitätsdienstliche Übung der Marine demonstriert die Komplexität und die ­Herausforderungen der medizinischen Rettungskette in See

Nadine Achilles

Trotz akribischer Planung einer funktionierenden Rettungskette mitsamt eines dezidierten Kräfte- und Mittelansatzes stellt sich die sanitätsdienstliche Versorgung im maritimen Umfeld in den meisten denkbaren Szenarien als Herausforderung dar. Durch die baulichen Einschränkungen eines Schiffes und die damit einhergehenden begrenzten medizinischen Kapazitäten an Bord von seegehenden Einheiten werden selbst bei einem geringen Verletztenaufkommen zügig die Grenzen des Machbaren überschritten. Die Rettungskette ist von vielen nicht beeinflussbaren Faktoren, wie der Bedrohungslage, den Wetterbedingungen sowie der Entfernung zur nächstliegenden Küste abhängig. Neben diesen grundsätzlichen Herausforderungen steht und fällt sie jedoch mit der Verfügbarkeit von Transportmitteln und der Erreichbarkeit einer nächsthöheren Behandlungsebene. Die im August 2025 durchgeführte Übung ROLE2SEA, eine Teilübung der Übungsserie QUADRIGA 2025, setzte sich mit genau diesen Herausforderungen auseinander, um eine Rettungskette in die nächsthöhere Behandlungsebene auf See und weiterführend von See an Land und damit auch das Zusammenspiel zwischen militärischen und zivilen Rettungskräften zu trainieren. Eine Übung nur für den Sanitätsdienst? Eindeutig nicht!

Aufnahme des T1-Patienten von Hohlstablenkboot PEGNITZ mit dem "Super-Puma" im Winch-Verfahren im Rahmen der Role2Sea-Übung.
Aufnahme des T1-Patienten von Hohlstablenkboot PEGNITZ mit dem "Super-Puma" im Winch-Verfahren im Rahmen der Role2Sea-Übung.
Foto: Bundeswehr / Oliver-Lucca Stamm

Der Sanitätsdienst im Verband

Für ROLE2SEA wurde ein seegehender Verband, bestehend aus dem Einsatzgruppenversorger FRANKFURT AM MAIN (FRANKFURT) mit dem Verbandsführer, dem Tender WERRA sowie dem Hohlstablenkboot PEGNITZ aufgestellt. Alle drei Einheiten verfügen standardmäßig über einen bordeigenen Sanitätsdienst, um die notfallmedizinische Versorgung in See sicherstellen zu können. Dieses entspricht der Behandlungsebene ROLE1.

Abhängig vom Auftrag, vom Seegebiet und den zu erwartenden lokalen Gegebenheiten kann der bordeigene Sanitätsdienst durch zusätzliches Sanitätspersonal aus dem Marinesanitätsdienst oder aus dem Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr (ZSanDstBw) nach Maßgabe der infrastrukturellen Gegebenheiten an Bord ergänzt werden.

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Grundsätzlich verfügen Boote der Marine, zu denen PEGNITZ und WERRA gezählt werden, über einen Sanitätsbootsmann als Schifffahrtmedizinischen Assistenten (Sanitätsmeister), der die medizinische Versorgung für die Besatzung in See wahrnimmt. Dieser wird auf größeren Booten durch einen Sanitätsunteroffizier als Schiffsarzthelfer unterstützt. Für medizinische Eingriffe, die der Anwesenheit eines Arztes bedürfen, wird im Routine-Seebetrieb ein Hafen angelaufen.

Im Rahmen der Übung wurde an Bord WERRA zusätzlich eine Geschwaderärztin eingeschifft, um den Fähigkeitsforderungen des Übungsszenarios, die sich an realen Einsatzbedingungen orientieren, zu entsprechen. Einsatzgruppenversorger fahren wie alle Schiffe der Marine regulär mit einer Schiffsarztgruppe zur See.

Sie können darüber hinaus lage- und auftragsbedingt mit ihrem integrierten, materiell vorab eingerüsteten Rettungszentrum SEE (RZ-SEE) und mit der Einschiffung von zusätzlichem medizinischen Fachpersonal die nächsthöhere Behandlungsebene ROLE2 (afloat) für einen maritimen Verband darstellen. In diesem Szenario wurde das RZ-SEE im Vorfeld aktiviert und damit der Hauptabschnitt 800, Sanitätsdienst, mit 45 hochqualifizierten Angehörigen vorwiegend aus dem klinischen Bereich des ZSanDstBw ergänzt.

Role2Sea Übung
Übergabe der Patienten im Hafen vom RZ-SEE an den zivilen Rettungsdienst durch die Klinische Direktorin.
Foto: Bundeswehr / Oliver-Lucca Stamm

Zur Lage

Am Freitag, den 22. August 2025 wurde der Verband in der Hohwachter Bucht zusammengeführt. Geplant war ein Transit in die Mecklenburger Bucht, um den NATO-geführten Verband mit dem Auftrag, eine Truppenverlegung nach Litauen abzusichern, zu verstärken. Auf dem Transit kam es an Bord PEGNITZ zu einer Explosion. Was sich auf einer seegehenden Einheit in einer solchen Situation abspielt, kann nur erahnt werden: Feuer, Dunkelheit, Leid und Tod.

Was zwar regelmäßig geübt, aber in einer realen Lage schnell zur Überforderung führen kann, sollte hier dargestellt werden. Die Überlebenden der Besatzung versuchten mit Maßnahmen zur Schadensabwehr die Einheit zu halten und Verletzte zu finden und zu bergen. Der Sanitätsmeister, als einer der Überlebenden, nimmt auf dem Verbandsplatz die Verletzten von den Ersthelfern entgegen. Er sichtet diese und führt die notwendige Triage durch.

Eine medizinische Vorversorgung über die Selbst- und Kameradenhilfe hinaus muss aufgrund der Masse an Verletzten zunächst ausbleiben. Aufgrund der Schäden blieb dem Boot nur noch die Möglichkeit, die Schadens- und Verletztenlage über NATO-einheitliche Fernschreiben an den Verband zu melden und Unterstützung anzufordern.

Auf FRANKFURT wurde der Verbandsführer von seinem Command Team zum aktuellen Lagebild und zu den Möglichkeiten des Handelns unterrichtet. Der Schiffsarzt führt in der Funktion des Medical Advisors das sanitätsdienstliche Lagebild für den gesamten Verband zusammen und berät den Verbandsführer zur Planung und Durchführung der medizinischen Rettungskette.

In dem Übungsszenario wurde von der Verbandsführung eine Verteilung der Verletzten auf FRANKFURT und WERRA festgelegt. Die koordinierende Funktion einer Patient Evacuation Coordination Cell (PECC) wurde durch die Operationszentrale (OPZ) des Einsatzgruppenversorgers übernommen, die den Kontakt zu den externen Stellen herstellt.

Das Air Rescue Coordination Center der Marine (ARCC) prüft hiernach und in Abstimmung mit dem Havariekommando (Gemeinsame Einrichtung des Bundes und der Küstenländer) die Verfügbarkeit aller militärischen und behördlichen luftgebundenen Transportmittel.

Lediglich die Bundespolizei zeigt freie Kapazitäten mit einem „Super-Puma“ auf, kann aber nur den Transport der T1- Triagierten von PEGNITZ zu FRANKFURT sicherstellen. Der Transport für die T2- Triagierten auf FRANKFURT und für die T3- Triagierten auf WERRA wurde auf Beiboote umgeplant. Da die Wetterlage sich kontinuierlich verschlechterte, konnte dieser nur unter Abwarten eines günstigen Moments der Witterungsbedingungen durchgeführt werden.

Die Verletzten wurden durch Sanitätsoffizieranwärter (SanOA) gespielt, die ihre zugeteilten Verletzungsmuster sehr realitätsnah und über den gesamten Übungsverlauf hinweg darstellten. Mit der Ankündigung der ersten eintreffenden Verletzten auf FRANKFURT wurden nicht nur die ablauforganisatorischen Verfahren innerhalb des RZ-SEE, sondern auf dem gesamten Schiff angepasst (Auslösen der „RZ-SEE- Rolle).

Die Versorgung der Patienten an Bord setzt eine durchgehend enge Kommunikation zwischen dem RZ-SEE sowie der Schiffsführung voraus. Zum Beispiel können notfallchirurgische Versorgungen in den OP-Räumen nur dann erfolgen, wenn die externe Lage sowie der Seegang das Steuern eines ruhigen Kurses erlauben.

Am Samstag, den 23. August 2025, führten FRANKFURT und WERRA den Transit Richtung Osten alleine fort, da PEGNITZ aufgrund des Schadensbildes nicht mehr einsatzbereit war. Auf Höhe der Lübecker Bucht sorgte die Nahdetonation einer Seemine an Bord WERRA zunächst für ein unklares Lagebild. Während die Besatzung versuchte, die Lage zu bewältigen, wurde auch auf FRANKFURT das verheerende Ereignis aufgrund der räumlichen Nähe zueinander deutlich wahrgenommen. Die Kommunikation konnte auch hier nur über Fernschreiben erfolgen und ein Transfer mit Beibooten war aufgrund des Seegangs ausgeschlossen.

Minuten vergingen- das Brückenpersonal der FRANKFURT versuchte die Lage mit optischen Sensoren zu erfassen. Der Funkraum wartete auf eingehende Meldungen- unwissend, ob auf WERRA überhaupt noch jemand in der Lage war, diese abzusetzen. Nach einer subjektiven Geduldsprobe ging die Meldung ein, dass die Schadensabwehr angelaufen ist, jedoch 24 Verletzte so schnell wie möglich für notfallmedizinische bzw. notfallchirurgische Maßnahmen von Bord gebracht werden müssen.

Das ARCC teilte der OPZ FRANKFURT mit, dass das Marinefliegergeschwader 5 aus Nordholz zwei NH90 und das Transporthubschrauberregiment 10 aus Faßberg einen NH90 zum Verletztentransport entsenden werden. Nachdem der Kontakt durch das ARCC über das Havariekommando zu der regionalen Leitstelle in Kiel aufgenommen wurde, konnten freie Kapazitäten am UKSH-Kiel für die Aufnahme von zwei T1- Triagierten bestätigt werden.

Das RZ-SEE- Personal stellte sich darauf ein, 22 Verletzte in mehreren Wellen aufzunehmen. Die Transportzeiten von der Ebene ROLE1 zur Ebene ROLE2 unterscheiden sich jedoch im maritimen Raum stark von den landgebundenen, da die Anflugzeiten der angeforderten Hubschrauber je nach Ort der Stationierung erheblich variieren und insbesondere die Übergabe der schwerverletzten Patienten (bspw. stabilisiert und intubiert) zwischen seegehenden Einheiten und Hubschraubern deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt.

Trotz dieser hoch komplexen Lage werden die zwei T1- Triagierte über den entlastenden Verwundetentransport an den zivilen Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr Kiel für die Weiterversorgung am UKSH-Kiel sowie die 22 T1- T3- Triagierten an FRANKFURT reibungslos übergeben. Die Koordination des Flugbetriebs erfolgte auch hier ausschließlich über die OPZ FRANKFURT.

Das RZ-SEE wurde im Zuge des Übungsverlaufs gezielt an seine Grenzen gebracht: Die Bettenstation ist voll, der Allgemeinzustand einiger Patienten verschlechtert sich und Operationen laufen ununterbrochen. Wird ein durchgehender 24/7- Betrieb (inkl. Materialverbrauch) wie in ROLE2SEA erforderlich, so sind sämtliche Ressourcen alsbald verbraucht und die Verfügbarkeit der ROLE2 für den maritimen Verband wird erheblich eingeschränkt.

Nach enger Abstimmung mit dem Klinischen Direktor des RZ-SEE entschied die Verbandsführung in den nächstgelegenen geeigneten Hafen einzulaufen, in dem vorversorgte Patienten an das zivile Gesundheitssystem (Host Nation Support) mit verfügbaren Kapazitäten übergeben werden können.

Über die sich bewährte Kommunikationslinie vom ARCC über das Havariekommando zu den regionalen Leitstellen wurde der Hafenbereich Rostock zur Übergabe der Patienten von See an Land identifiziert. Dort wurden alle Patienten durch den zivilen Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr Rostock übernommen und zur Weiterversorgung in der nächsthöheren Behandlungsebene ROLE3 an die Universitätsmedizin und das Südstadtklinikum abgegeben.

Schluss

Zur Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten ergibt jede intensive Übung wertvolle Erkenntnisse oder bestätigt ältere Erfahrungen erneut. Schon geringer Seegang macht den Bootstransfer Verwundeter unrealistisch – für zügige Verlegungen ist der verbandsinterne Lufttransport essentiell. Der Kräfteansatz des RZ-See hat sich bewährt, auch wenn gerade der pflegerische Bereich bei hohen Patientenzahlen und längerem Verbleib an Bord schnell an die Grenzen geführt wird.

Der Vorhalt an Verbrauchsmaterial ist gut, die Durchhaltefähigkeit wird aber entscheidend unterstützt durch die Materialaufbereitung (kein Einmalinstrumentarium!) und die Sauerstoffproduktion an Bord. Die Marine prüft, ob das notfalldiagnostische Spektrum durch ein kompaktes CT-Gerät sinnvoll erweitert werden kann – das war in der Einführungsphase der RZ-See vor mehr als 20 Jahren technisch noch nicht realisierbar.

Im Sinne der Vorbereitung auf den Verteidigungsfall hat ROLE2SEA erstmalig und umfassend die enge und gleichzeitig essenzielle Verzahnung zwischen der sanitätsdienstlichen Versorgung in See, der Koordination mit externen Strukturen und anderen Marineeinheiten sowie der Kooperation mit den militärischen Organisationsbereichen und dem zivilen Gesundheitssystem an Land aufgezeigt. Hier leistet das Unterstützungskommando durch Impulse zur Weiterentwicklung und Koordinierung der Gesundheitsversorgung in der Gesamtverteidigung derzeit wichtige Grundlagenarbeit.

Die Deutsche Marine und die Marinen der Bündnispartner stellen sich darauf ein, dass die dargestellten Verfahren im Ernstfall so genutzt werden müssen, um die Rettungskette von See an Land zu realisieren. Die Übungsserie ROLE2SEA der Deutschen Marine wird perspektivisch in einem multinationalen Kontext mit noch mehr Realitätsnähe stattfinden müssen, um die sanitätsdienstliche Versorgung im Rahmen maritimer Operationen zu verstärken und weiterzuentwickeln sowie deren Durchhaltefähigkeit zu erhöhen.

Denn ohne den anderen wird es nicht gehen.

Für die Verfasser:

Flottillenarzt Dr. Nadine Achilles
Marinekommando Abt. Marinesanitätsdienst
Dezernatsleiterin Einsatzplanung/ Einsatzführung
Kopernikusstraße 1
18057 Rostock

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