Migräne ist eine der häufigsten primären Kopfschmerzerkrankungen und zeichnet sich durch eine erhebliche klinische Variabilität aus. Neben der klassischen Migräne mit oder ohne Aura existieren zahlreiche Sonderformen, deren Erkennung im klinischen Alltag erschwert ist. Die vestibuläre Migräne stellt eine häufige, jedoch unterdiagnostizierte Manifestation dar und ist durch das Auftreten vestibulärer Symptome in zeitlichem Zusammenhang mit migränetypischen Beschwerden gekennzeichnet.
Besonders herausfordernd ist die diagnostische Einordnung bei Patienten mit langjährig bekannter Migräne, bei denen sich der Symptomcharakter verändert. Neu auftretender Schwindel oder fokal-neurologisch anmutende Symptome führen häufig zu einer umfangreichen apparativen Diagnostik und nicht selten zu Unsicherheiten im ambulanten Management. Ziel dieses Case Reports ist es, anhand eines exemplarischen klinischen Verlaufs die diagnostischen Herausforderungen, therapeutischen Entscheidungsprozesse sowie mögliche Fallstricke im ambulanten Setting darzustellen und praxisrelevante Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Fallbeschreibung
Anamnese
Ein 37-jähriger männlicher Soldat stellte sich mit seit dem Morgen bestehendem ausgeprägtem Schwankschwindel und Gangunsicherheit vor. Begleitend bestanden holozephale, pulsierende Kopfschmerzen mit einer Intensität von 8/10 (NRS), Photophobie und Phonophobie sowie ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis. Zusätzlich berichtete der Patient über diffuse Kribbelparästhesien im Kopfbereich. Körperliche Aktivität führte zu einer deutlichen Zunahme der Beschwerden. Eine Selbstmedikation mit Ibuprofen 600 mg am Vorabend hatte keine relevante Symptomlinderung erbracht.
Im vorliegenden Fall rechtfertigten die Kombination aus neuartiger Symptomatik, hochintensivem Kopfschmerz und zentral imponierendem Schwindel eine zeitnahe neurobildgebende Diagnostik. Die initiale Durchführung einer kranialen CT zum Ausschluss intrakranieller Blutungen entspricht den Empfehlungen internationaler Leitlinien für die Notfallabklärung akuter Kopfschmerzsyndrome. In der Zusammenschau der Befunde konnte eine sekundäre Genese ausgeschlossen und die Symptomatik der migränösen Beschwerdebilder zugeordnet werden. Die vestibuläre Migräne ist eine der häufigsten Ursachen rezidivierender Schwindelattacken, wird jedoch nach wie vor häufig nicht oder verspätet diagnostiziert. Epidemiologische Studien gehen davon aus, dass etwa 7–10 % der Migränepatienten im Krankheitsverlauf vestibuläre Symptome entwickeln. Die Prävalenz in der Gesamtbevölkerung wird in Studien mit 1 % bis 2,7% angegeben. Die Abwesenheit von diagnostischen Markern wird in der Literatur diskutiert. Während die Messung myogener Potentiale (VEMP) indifferente Studienergebnisse zeigt, imponieren Testergebnisse zur Wahrnehmung der visuellen vertikalen (sVV) hingegen abweichend zur Kontrollgruppe. Daraus ergibt sich das zentrale diagnostische Problem, dass derzeit keine gesicherten spezifischen Testungen oder apparativen Marker zur Diagnostik der vestibulären Migräne zur Verfügung stehen. Die Diagnose basiert primär auf klinischen Kriterien, wie sie in der ICHD-3 sowie in den Konsensuspapieren der Bárány-Gesellschaft definiert sind (Abbildung 2) Entscheidend sind hierbei die zeitliche Assoziation vestibulärer Symptome mit migränetypischen Beschwerden sowie der Ausschluss alternativer vestibulärer Erkrankungen.
Ein weiterer zentraler Aspekt dieses Falles ist die Veränderung des Migränephänotyps über die Zeit. Migräne wird heute zunehmend als dynamische neurologische Erkrankung verstanden, deren klinische Manifestation sich im Verlauf ändern kann.
Das Auftreten neuer Symptome bedeutet hierbei nicht zwangsläufig das Vorliegen einer neuen Erkrankung, erfordert jedoch stets eine erneute diagnostische Reevaluation, um sekundäre Ursachen sicher auszuschließen. Gerade bei Patienten mit langjähriger Migräneanamnese können atypische Verläufe zu erheblicher Verunsicherung führen.
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