Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Neuausrichtung Deutschlands gewinnt die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig bringen steigende Fehlzeiten, insbesondere infolge psychischer Erkrankungen sowie Anforderungen an die Arbeitgeberattraktivität neue Herausforderungen mit sich. Resilienz erweist sich hierbei als zentraler Faktor für die Sicherstellung der individuellen Leistungsfähigkeit und der organisationalen Durchhaltefähigkeit.

Modellprojekt „Gesunde Lebensführung“
Im SUZ COC wurde ein Ansatz implementiert, der Bewegung, Ernährung, Sucht- und Stressprävention mit Maßnahmen der Verhaltens- und Verhältnisprävention der klassischen betrieblichen Gesundheitsförderung verknüpft. Die Qualifizierung interner Multiplikatoren in den jeweiligen Teilbereichen der Säule Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) aus dem BGM der Bw soll der Fragmentierung durch Insellösungen entgegenwirken. Dieser Ansatz wurde zwischen 2023 und 2025 sowohl im Taktischen Luftwaffengeschwader 33 (TaktLwG 33) in Büchel als auch beim Zentrum Operative Kommunikation (ZOpKomBw) in Mayen getestet. Die erste Säule des von Oberstarzt Dr. Thomas Emser entwickelten Modells spielte hierbei eine zentrale Rolle.
Parallel dazu wurde am Standort Idar-Oberstein durch die mehrjährige Kampferfahrung ukrainischer Soldaten, die an der Artillerieschule Idar-Oberstein ausgebildet wurden, verdeutlicht, dass die Notwendigkeit verlässlicher Präventionsprogramme besteht. Aus dem Modellprojekt sind die ersten Ansätze entstanden, um ein skalierbares Ausbildungssystem zu entwickeln. Viele Nationen hatten bereits vor Beginn der Kampfhandlungen in der Ukraine die Relevanz des Resilienztrainings erkannt. Das internationale Präventions- und Trainingsprogramm U.S. Army Comprehensive Soldier Fitness Program (CSF) [4] belegt die Bedeutung protektiver Faktoren für eine positive Entwicklung. Innerhalb der Bundeswehr gibt es bereits Programme wie das Stärken- und Ressourcentraining [10], deren flächendeckende Implementierung jedoch bislang ausblieb. Ergänzend bestehen spezifische Trainingskonzepte im Bereich der psychologischen Einsatzfähigkeit (PEF) [12], insbesondere für Spezialkräfte, zur Förderung von Hardiness und Teamorientierung.
Die Erfahrungen aus dem Modellprojekt zeigten, dass die nachhaltige Umsetzung von Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) vor allem durch unzureichende Gesundheitskompetenz auf allen Ebenen, fehlende Qualifikation des Durchführungspersonals sowie unterschiedliche Akzeptanz auf der Führungsebene erschwert wird. Vor diesem Hintergrund entwickelten das SUZ COC, das Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw) und das Bundeswehr-Dienstleistungszentrum Veitshöchheim (BwDLZ VHH) gemeinsam ein multiplikatorgestütztes Ausbildungssystem. Hierbei wurden bisherige Informationen und neue Ideen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Die Konzeption erfolgte interdisziplinär unter Einbindung von Dienststellenleitern, Truppenärzten, Psychologen, Sportwissenschaftlern sowie Beauftragten BGM (Bea BGM) und BGM-K.
Konzeption des Ausbildungssystems
Das Qualifizierungskonzept ist modular und dreistufig aufgebaut (s. Abbildung 1). Stets praxisorientiert und ohne PowerPoint-Frontalunterricht ausgerichtet, ist es erlebnisorientiert konzipiert. Daher ist es hochkomplex und bedarf geisteswacher, agiler Ausbilder.
BGM-Basis-Multiplikator (16 UE)
Die erste Ebene, der „BGM-Basis-Multiplikator“ (BBM) mit integriertem Resilienz-Training, umfasst 16 Unterrichtseinheiten (UE). Dieser wird vorzugsweise als Blockveranstaltung, alternativ modular durchgeführt. Die Ausbildung erfolgt im Tandem-Prinzip durch mindestens zwei qualifizierte Ausbilder und ist konsequent praxisorientiert ausgerichtet. Inhaltlich gliedert sie sich in vier Themenfelder mit jeweils theoretischen und praktischen Anteilen: BGM (inkl. betrieblicher Gesundheitsförderung, Arbeits- und Gesundheitsschutz (AGS), Führung und Organisation (FuO) sowie Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM), Resilienz (individuell, Team, Führung, Organisation), agiles und wertschätzendes Führen sowie Fehlzeitenmanagement.
Die Ausbildung ist zielgruppenadaptiv und richtet sich an alle Dienstgradgruppen. Sie vermittelt anwendungsorientiertes Grundlagenwissen, fördert Gesundheitskompetenz sowie soziale Fähigkeiten und reduziert die Umsetzungshürden im Dienstalltag. Der erfolgreiche Abschluss wird durch ein Zertifikat bestätigt, das sich inhaltlich am Leitfaden Prävention der gesetzlichen Krankenversicherung (§ 20 SGB V) sowie an den Vorgaben des BGM der Bundeswehr (Zentrale Regelung A-849/1, nicht öffentlich zugänglich) orientiert [3].
BGM-Basis-Multiplikatoren-Ausbilder (40 UE)
Die zweite Ebene, der „BGM-Basis-Multiplikatoren-Ausbilder“ (BBMA), umfasst 40 Unterrichtseinheiten (UE), die im Rahmen des Trainings „Gesundheitsprävention“ (Trainingsnummer 904770) am BiZBw zu erwerben sind. Sie baut inhaltlich auf der ersten Stufe auf, ohne dass diese zeitlich angerechnet wird. Auch hier erfolgt die Durchführung im Tandem-Prinzip mit mindestens einem Ausbilder und einem Master-Ausbilder. Die Ausbildung vertieft die vier definierten Themenfelder und lässt sich hinsichtlich des Umfangs und der Schwerpunktsetzung flexibel gestalten. Sie richtet sich an besonders geeignete Multiplikatoren und schließt mit einer Lehrprobe im Rahmen einer BGM-Basis-Multiplikatoren-Schulung ab. Mit dem erfolgreichen Abschluss wird die Befähigung zur eigenständigen Durchführung der Basisausbildung in den jeweiligen Fachbereichen (einzelnen Modulen) oder im Gesamtkonzept zertifiziert.
BGM-Basis-Multiplikatoren-Master-Ausbilder (80 UE)
Die höchste Qualifikationsstufe bildet der „BGM-Basis-Multiplikatoren-Master-Ausbilder“ (BBMMA) mit insgesamt 80 UE, die teilweise über bestehende Formate, wie das Training „Stressprophylaxe“ (Trainingsnummer 905250) am BiZBw, abgebildet werden können. Zwingende Voraussetzung für diese Stufe ist die vorherige Qualifikation als Ausbilder. Die ebenfalls praxisorientierte Ausbildung vertieft die Inhalte der vier Themenfelder auf konzeptioneller und didaktischer Ebene. Sie richtet sich an besonders qualifiziertes Personal und schließt mit einer Lehrprobe sowie einer schriftlichen Ausarbeitung ab. Der erfolgreiche Abschluss berechtigt zur Durchführung sowohl der Basis- als auch der Ausbilderqualifikation in allen Themenfeldern. Ergänzend wird empfohlen, die Qualifikation durch das Stärken- und Ressourcentraining [10] oder entsprechende Programme des BiZBw zu erweitern, um die Qualität und Standardisierung der Maßnahmen weiter zu erhöhen.
Ergänzende Ausbildung (24 UE)
Um der Rolle des Master-Ausbilders vollumfänglich gerecht zu werden, benötigen Teilnehmende eine Qualifikation zum Resilienz-Trainer. Diese nach § 20 SGB V zertifizierte Ausbildung wird derzeit noch extern auf dem zivilen Markt eingekauft, einheitlich bei einem Anbieter sowie unter kontinuierlicher Absprache und Anpassung der Ausbildungsinhalte. Dabei wurde das LOOVANZ-Modell ausgewählt, das auf den klassischen sieben Resilienzfaktoren (Lösungsorientierung, Optimismus, Opferrolle verlassen, Verantwortungsübernahme, Akzeptanz, Netzwerkorientierung, Zukunftsplanung) basiert und vom Entwickler Dr. Henry Kauffeldt wissenschaftlich evaluiert wurde [9].
Künftig soll dieser externe Einkauf nach Möglichkeit durch eine von zwei Optionen ersetzt werden: Option 1 sieht die Nutzung des Stärken- und Ressourcentrainings von Frau Dr. Krick an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) vor, während Option 2 die Implementierung eines eigenen, adäquaten Trainings direkt am BiZBw umfasst.
Qualitätssicherung
Zur nachhaltigen Sicherung des Qualitätsstandards ist eine regelmäßige Fortbildung für alle Ausbilder sowie Master-Ausbilder im Umfang von 30 UE innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren vorgesehen. Hierzu können weiterführende Trainings des BiZBw besucht oder die seit 2026 etablierte, erstmals vom SUZ COC ausgerichtete und nun einmal jährlich stattfindende Arbeitstagung Resilienz genutzt werden, die nachhaltig am BiZBw fest verortet ist.
Nachhaltigkeit
In der Vergangenheit zeigte sich insbesondere bei der Qualifizierung von BGM-K und Bea BGM häufig die Problematik, dass Trainings stark personengebunden waren.
Nach dem Ausscheiden der entsprechenden Akteure konnten die Maßnahmen trotz institutioneller Verankerung aus verschiedenen Gründen häufig nicht fortgeführt werden. Um diesem strukturellen Defizit entgegenzuwirken, wurde das vorliegende Multiplikatoren-System zwar fest an das BiZBw geknüpft, jedoch bewusst von einzelnen Akteuren entkoppelt. Das System trägt sich durch seine Konzeption selbst und sorgt für einen stetigen Nachschub an Ausbildern sowie Master-Ausbildern. Eine verpflichtende Einführung dieser Ausbildung für BGM-K (als Master-Ausbilder) und Bea BGM (als Ausbilder) würde diesen Effekt weiter verstärken. Damit wäre für diesen Personenkreis eine hochwertige Qualifizierung mit direktem, nachhaltigem Mehrwert für die Truppe sichergestellt. Des Weiteren sollte darüber nachgedacht werden, zumindest das Basis-Modul in der allgemeinen Grundausbildung sowie die Ausbilderschulung an den Unteroffizier- und Offiziersschulen verpflichtend in die Ausbildung zu integrieren.
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