Interview mit dem Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr, Generalstabsarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm
Herr Generalarzt, Sie sind seit dem 15. Dezember 2021 Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Können Sie kurz Ihren Verantwortungsbereich und Ihr Aufgabenportfolio beschreiben?
Ja, ich bin tatsächlich jetzt schon seit vier Jahren Kommandeur unserer Sanitätsakademie und der Verantwortungsbereich und auch das Aufgabenportfolio haben sich während meiner Zeit als Kommandeur schon sehr verändert. Unsere traditionsreiche Akademie ist seit nunmehr 62 Jahren natürlich allen bekannt als Offizier- und Unteroffizierschule des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
Aber die Sanitätsakademie war immer schon viel mehr als das. Als ich im Dezember 2021 das Kommando übernahm, war die Sanitätsakademie eben nicht nur die Offizier- und Unteroffizierschule, sondern auch in Teilen Ausbildungskommando für den gesamten Sanitätsdienst der Bundeswehr.
Diese Teile werden im Direktorat Ausbildung und Lehre verantwortet, aber auch das Fachmedienzentrum und die zentrale Lehrgangssteuerung sind für alle Lehrgangsanteile des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zuständig. Zusätzlich ist die Sanitätsakademie das wissenschaftliche Kompetenzzentrum im Sinne von Wissenschaftsmanagement.
Im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr auf ihren Auftrag zur Landes- und Bündnisverteidigung wurde der Unterstellungsbereich der Sanitätsakademie als Einziger deutlich vergrößert, und damit natürlich auch die Führungsspanne. Können Sie das für die Leser etwas konkretisieren?
Ja, wenn man die Führungsspanne rein räumlich sieht, trifft das sicherlich zu, aber mir ist durchaus bewusst, dass die SanAkBw natürlich von der Quantität weit, z.B. hinter einer Heeresdivision aufgestellt ist. Aber, das muss ich betonen, seit der Umstrukturierung ist die Sanitätsakademie um mehr als 100 Prozent an Personal und natürlich auch ganz wesentlich an Material aufgewachsen.
Ich habe nun unterstellte Dienststellen, wie gerade schon gesagt, in Schleswig-Holstein, in Brandenburg, in Berlin, in Rheinland-Pfalz und noch eine zusätzliche in Bayern, so dass meine Aufgaben der Dienstaufsicht, die ich als Kommandeur wahrnehmen muss und auch wahrnehmen darf, natürlich jetzt deutlich aufwendiger werden, als das früher im Norden Münchens an einem Platz möglich war.
Aber besonders auch auf den Stab der Sanitätsakademie kommen durch die Unterstellung der genannten Dienststellen umfangreiche Zusatzaufgaben zu, so dass in der zukünftigen Struktur auch ein darauf ausgerichteter Aufwuchs des Akademiestabes angestrebt werden muss.
Wie sehen Sie in der neuen Struktur die Rolle der Ausbildung? Welche Aufgaben verbleiben in München, und was wird in Zukunft vom vorgesetzten Kommando Gesundheitsversorgung in Koblenz verantwortet?
Das ist ein Thema, das mehrere Ebenen abdeckt. Zunächst einmal ist die Sanitätsakademie jetzt mit der neuen Struktur noch in der Planung. Die wird in enger Abstimmung mit dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr und dem Unterstützungskommando jetzt in die Endphase gehen.
Aber es ist entschieden, dass die Sanitätsakademie zukünftig Ausbildung und Lehre aus einer Hand verantwortet. Das heißt auch konzeptionelle, planerische und steuernde Elemente, die bislang im Kommando Sanitätsdienst im Rahmen der Ausbildung in der Unterabteilung IX 2 wahrgenommen wurden, sind nun in die Sanitätsakademie eingegliedert worden. Das bedeutet für uns größere Verantwortung, aber auch einen größeren Gestaltungsspielraum für die zukünftig im Schwerpunkt auf Landes- und Bündnisverteidigung auszurichtende Ausbildung.
Im Moment ist die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht in vollem Gange. Was würde sie unter personellen und infrastrukturellen Gesichtspunkten für die Sanitätsakademie bedeuten?
Ab nächstem Jahr wird der neue Wehrdienst gelten. Wir erwarten nicht nur, wir wünschen uns auch, dass diese Angebote von vielen jungen Frauen und Männern wahrgenommen werden. Das heißt aber, dass wir zunächst in der Unteroffizier- und Feldwebelausbildung, aber auch in der Offiziersausbildung mit deutlich höheren Auszubildendenzahlen zu tun haben werden.
Wir merken das jetzt bereits in der Feldwebelausbildung, wo wir noch aus der Corona-Pandemie nachhängende Ausbildungsnotwendigkeiten nachholen. Das ist eines der Hauptthemen, die uns im Augenblick beschäftigen, nämlich dass wir die notwendigen Ressourcen sowohl personell als auch infrastrukturell dann zur Verfügung haben, die für die Weiterentwicklung und auch für die quantitative Ausdehnung unserer Truppen-, Fach- und Laufbahnausbildung benötigt werden.
Ein Markenzeichen der Sanitätsakademie ist ihre internationale Vernetzung. Ich weiß, dass Ihnen dies besonders am Herzen liegt. Wo steht die Sanitätsakademie heute im internationalen Vergleich?
Internationalisierung ist für mich ein zentraler Punkt. Wir werden niemals allein im Einsatz sein. Wir sind eine Bündnisverteidigungsarmee, wir sind eine Bündniseinsatzarmee. Und deshalb ist mir gerade der enge Kontakt zu sanitätsdienstlich vergleichbaren Nationen, ich nenne jetzt hier die Niederlande, die USA, Frankreich, Israel und neuerdings auch Japan, und natürlich auch die enge Abstimmung mit unseren österreichischen und schweizerischen Kameraden, sehr wichtig. Wir tun das auf unterschiedlichsten Ebenen.
Wir schreiben gemeinsame Ausbildungskonzepte, wir trainieren zusammen, aber was mir sehr wichtig ist, wir bringen die jungen Sanitätsoffizier Anwärterinnen und Anwärter im frühen Stadium ihre Ausbildung schon zusammen. Wir haben, in den letzten Jahren unter anderem, sowohl mit französischen SanOA als auch mit japanischen SanOA Seminare konzipiert, in denen wissenschaftliche Poster erstellt werden.
Diese Seminare finden im Wechsel in Deutschland an der Sanitätsakademie und dann in den Folgejahren in Frankreich, bzw. Japan statt. Die teilnehmenden jungen Offizieranwärterinnen und -anwärter sind bislang vollauf begeistert von diesem Kooperationsformat.
Wir haben weiterhin wissenschaftlichen Austausch von Forschern zwischen unseren Ressortforschungsinstituten an der Sanitätsakademie sowohl mit Frankreich als auch mit den USA und mit Japan etabliert. Bei diesen Kooperationen ist nicht nur der wissenschaftliche Teil, sondern auch der Anteil des kulturellen Kennenlernens und Austausches zwischen den Teilnehmenden aus den Partnernationen wichtig.
“Train as you fight, fight as you train“, das ist für mich im Zusammenhang der Internationalisierung eine „Conditio sine qua non“ und ich freue mich, sagen zu können, dass die Sanitätsakademie der Bundeswehr im praktischen „Doing“ ein Vorreiter dieser gewünschten und notwendigen Internationalisierung ist.
Sie sind seit dem Februar 2024 als ständiger Gast in den Expertenrat „Gesundheit und Resilienz“ im Bundeskanzleramt berufen. Vorher waren Sie von März 2020 bis Dezember 2021 Leiter der Abteilung 6 Gesundheitsschutz, Gesundheitssicherheit, Nachhaltigkeit im Bundesministerium für Gesundheit. Während dieser Verwendung übernahmen Sie auch die Aufgabe als Leiter des „Krisenstabes CORONA-Pandemie“ des Gesundheitsministeriums und leiteten gemeinsam mit dem Abteilungsleiter Öffentliche Sicherheit des Bundesministeriums des Inneren den ressortübergreifenden „Gemeinsamen Krisenstab BMI-BMG COVID 19“ auf ministerieller Abteilungsleiterebene. Und gegenüber der Europäischen Union waren Sie in dieser Zeit als Chief Medical Officer der Bundesrepublik Deutschland benannt, eine für einen deutschen Sanitätsoffizier ungewöhnliche wie einmalige Verwendung. Was waren Ihre Erfahrungen und wie können Sie Ihre erworbenen Kenntnisse und Kontakte gewinnbringend für den Sanitätsdienst der Bundeswehr einbringen?
Die Tatsache, dass ich während der Corona-Pandemie als Abteilungsleiter und Leiter des Krisenstabes im Bundesministerium für Gesundheit tätig werden durfte, habe ich mir nicht aussuchen können, sondern ich bin tatsächlich vom damaligen Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, aktiv angesprochen und angeworben worden.
Ich habe das als sehr große Ehre empfunden und habe natürlich dann auch versucht, die Fähigkeiten, die ich als Sanitätsoffizier erwerben durfte, dort einzubringen. Es ist bekannt, dass ich über eine ausgewiesene Fachexpertise auf dem Gebiet der Infektiologie, der Epidemiologie und Public Health verfüge. Ich muss allerdings sagen, dass die Tätigkeit als Abteilungsleiter und Leiter des Corona Krisenstabes in der damaligen Lage im BMG für mich trotz aller guten Voraussetzungen sehr herausfordernd war.
Ich habe im BMG durch die Führungskultur, die wir in der Bundeswehr insgesamt pflegen, das heißt durch wertschätzende, von gegenseitigem Respekt geprägte Führung im Sinne der Auftragstaktik, viel Vertrauen und Gefolgschaft erfahren dürfen. Ich hatte ein kleines, hochleistungsfähiges Team um mich herum im Krisenstab, der noch durch weitere Sanitätsoffiziere und Sanitätsoffizierinnen ergänzt wurde. Dafür bin ich dem Sanitätsdienst heute noch sehr dankbar, dass ich dort großzügig durch weiteres militärisches Personal unterstützt wurde. Soldatinnen und Soldaten haben Fähigkeiten, die im Zivilen nicht in dem Ausmaß vorhanden sind, was z. B. die Strukturierung von Krisenstäben oder stabsmäßige Abläufe von Handlungsketten betrifft.
Aber auch das zivile Personal meiner Abteilung ist bis an die Leistungsgrenze gegangen. Was die Vernetzung angeht, versuche ich meine im BMG und darüber hinaus geknüpften Kontakte, die man als Leiter eines Krisenstabs nun mal zwangsläufig gewonnen hat, zu halten und gewinnbringend für den Sanitätsdienst der Bundeswehr einzusetzen.
Ich glaube, das gelingt in Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Kommando Gesundheitsversorgung und dem Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr auch sehr gut, weil wir natürlich wichtige Punkte, z. B. zum Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz, zum Gesundheitssichersicherstellungsgesetz, aber auch zu Änderungen in der Notfallversorgung immer wieder mit dem Gesundheitsministerium abstimmen müssen. Da, wo nötig und möglich, bemühe ich mich dann auch, katalysierend die Gespräche und auch die Verhandlungen zu begleiten.
Herr Generalarzt, zum Schluss noch eine persönliche Frage. Was wünscht sich der Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr für die vor uns liegenden Zeiten?
Mir ist bewusst, dass Erfolg immer viele Väter und auch Mütter hat und deshalb bin ich meinem gesamten Team in der Sanitätsakademie, aber auch dem Sanitätsdienst insgesamt sehr dankbar für die gute Zusammenarbeit und, für die Unterstützung, zur Erreichung unseres gemeinsamen Ziels, die Gesundheit der Soldatinnen und Soldaten sowohl in der Prävention als auch in der Diagnostik und Therapie, aber auch in der Rehabilitation sicherzustellen.
Wir leben in herausfordernden Zeiten, und das nicht nur auf die große sicherheitspolitische Lage bezogen, sondern auch auf die Umstrukturierungen der Bundeswehr, die mit Härten und auch Einschnitten verbunden sein werden. Ich hoffe und wünsche mir auch weiterhin eine so gute Unterstützung durch meine Kameradinnen und Kameraden und bin sicher, wenn wir das hinbekommen, wenn wir wertschätzend und kameradschaftlich weiterhin miteinander umgehen, werden wir nicht nur die Sanitätsakademie, sondern den Sanitätsdienst der Bundeswehr insgesamt in eine gute Zukunft führen.








