Europas Sicherheitslage wandelt sich – hybride Bedrohungen nehmen zu. Wie die Bundeswehr, insbesondere das Zentrale Institut des Sanitätsdienstes in München, in der Ausbildung darauf reagiert und sich zur „Force Combat Readiness“ neu ausrichtet, zeigt dieser Beitrag.
Analytische Fähigkeiten der Züge Gesundheitsschutz und der Untersuchungs-einrichtungen des Sanitätsdienstes
Die Neuausrichtung der Streitkräfte erforderte auch erhebliche Anpassungen in den Einsatzgrundsätzen der Überwachungs- und Untersuchungseinrichtungen des Sanitätsdienstes, um den Gesundheitsschutz und den gesundheitlichen Verbraucherschutz sicherzustellen. Bereits im Fähigkeitsprofil 2018 wurden die Grundlagen hierfür gelegt und die Fähigkeiten in Zügen Gesundheitsschutz (ZgGesSch) zusammengefasst, die eng verzahnt mit der Basis Inland agieren. Die analytischen Fähigkeiten werden auf drei Ebenen verteilt und mit unterschiedlichen Zielrichtungen ausgebracht, um sowohl Schnelligkeit als auch analytische Tiefe zu gewährleisten.
In der ersten Ebene werden hochmobile Probenahmetrupps eingesetzt. Diese sind zur Probenahme und sehr schnellen Untersuchung im Felde (Ebene 1) befähigt, der so genannten „Vor-Ort“-Analytik. Diese umfasst neben chemisch-physikalischen Parametern wie Leitfähigkeit, pH-Wert, Trübung, Stickstoffverbindungen und Chlorid auch gesundheitsrelevante Parameter wie Schnelltests für chemische Kampfstoffe, Cyanid, Arsen oder andere Sabotagegifte wie Ricin. Zur weitergehenden Laboruntersuchung verfügen die ZgGesSch mit dem lebensmittelchemischen Laborcontainer über ein mobiles Feldlabor.
Die Ebene 2 konzentriert sich v.a. auf Parameter, die im Zusammenhang mit Kampfhandlungen und Sabotageakten von Bedeutung sind und nicht immer standardmäßig von der zivilen Überwachung abgedeckt werden, wie z.B. Sprengstoffrückstände oder Radioaktivität. Auf die ZInstSanBw (Ebene 3) der Basis Inland kann dabei jederzeit für unterstützende Untersuchungsfähigkeiten im reach-back zurückgegriffen werden. Damit alle erforderlichen Komponenten, d. h. fachliche Kompetenzen, soldatische und körperliche Fähigkeiten im Ernstfall nahtlos ineinandergreifen können, ist sowohl eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung der Ausbildung als auch die Schaffung eines einheitlichen Mindsets notwendig.
Zur Festigung des Mindsets und der Fähigkeiten werden regelmäßige Übungsvorhaben zur praktischen Erprobung zwingend benötigt und sind aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Dies stellt sicher, dass die Soldatinnen und Soldaten — auch auf fachlicher Ebene — ihre „Kriegstüchtigkeit“ weiter steigern und verstetigen.
Neuausrichtung der Ausbildung
Um die Einsatzbereitschaft des Fachpersonals unter den veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen zu gewährleisten, hat das ZInstSanBw München die Ausbildungsinhalte gezielt angepasst und erweitert. Neben der Überarbeitung bestehender Lehrgänge wurde bereits im Oktober 2024 ein neuer Pilotlehrgang „CBRNE-Probenahme“ (CBRNE: Chemical, Biological, Radiological, Nuclear, Explosive) eingeführt, der mittlerweile mehrfach erfolgreich durchgeführt wurde.
Der Lehrgang wird durch die Laborgruppe Chemie der Gifte/Kampfstoffanalytik (CGK) des ZInstSanBw München durchgeführt und richtet sich an interdisziplinäre Probenahmeteams, bestehend aus je einem Sanitätsstabsoffizier Apotheker, einem Sanitätsstabsoffizier Veterinär, zwei Sanitätsfeldwebel je einem Chemisch-Technischer-Assistent und einem Medizinischen Technologen für Veterinärmedizin. Im Rahmen des Trainings wurden die Probenahmeteams in die Besonderheiten der Probenahme potenziell hoch kontaminierter Proben eingewiesen, um Handlungssicherheit in der fachspezifischen Tätigkeit, als auch in militärischen Lagen zu erlangen. Ziel des Lehrganges ist es, dass die Probenahmetrupps sicher in verschiedenen einsatznahen LV/BV-Szenarien agieren, CBRNE-Kontamination von Wasser und Lebensmitteln schnell und sicher detektieren und die Lage entsprechend beurteilen.
Neben der Durchführung von Vor-Ort-Analytik liegt ein Schwerpunkt auf dem korrekten Ablauf der Probenahme, einschließlich Dekontamination unter feldmäßigen Bedingungen. Unterstützt wird die Ausbildung durch infanteristische Anteile der Heerestruppe, u. a. des 2./Panzergrenadierlehrbataillon 92, wodurch die Teilnehmenden ihre Aufgaben in einem Gefechtsverbund, unter realitätsnahen Gefechtssituation wahrnehmen und militärisches Verhalten in einer Bedrohungslage trainieren. Der Lehrgang wurde 2025 in weiteren Durchgängen gemeinsam mit dem ZInstSanBw Kiel fortgeführt und inhaltlich vertieft. Die Evaluation der Teilnehmenden belegen eine deutlich gesteigerte Handlungssicherheit und ein verbessertes Zusammenspiel der Fachdisziplinen im LV/BV-Szenar.
Ergänzend dazu wurde der Einweisungslehrgang in die Aufgaben des Labortrupps Lebensmittelchemie/Ökochemie erstmals nicht am Standort Garching/München, sondern im Sanitätslehrregiment in Feldkirchen durchgeführt. Hintergrund war die Refokussierung auf notwendige Fähigkeiten im Rahmen LV/BV – insbesondere das eigenständige Verlegen, das Auf- und Abbauen sowie die Inbetriebnahme des mobilen Einsatzlabors. Der gesamte Ablauf des „First Entry“ wurde dabei praxisnah abgebildet: vom Aufstellen der Container, über den Aufbau des Typ-2-Zeltes, bis hin zur Inbetriebnahme der Laborgeräte. Im nächsten Jahr soll nach Zulauf der regenerierten Laborcontainer der Schwerpunkt weiterhin auf der schnellen Verlegbarkeit, sowie auf der Ausbildung neuer, beschleunigter Analysenmethoden liegen.
Mindset
Nichtsdestotrotz beginnt die Vorbereitung auf LV/BV im Kopf – mit der Einsicht, dass sich die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben und niemand vorhersehen kann, welche Anforderungen im Ernstfall an jede und jeden Einzelnen gestellt werden. Kriegstüchtigkeit bedeutet daher mehr als das Beherrschen fachlicher Analyseverfahren: Sie verlangt physische Belastbarkeit, geistige Widerstandsfähigkeit, Flexibilität, sowie die Bereitschaft, unter ungewissen und dynamischen Bedingungen zu bestehen.
Diese Haltung – das „Fight Tonight“-Prinzip – beschreibt die Fähigkeit und den Willen, jederzeit einsatzbereit zu sein und wird am ZInstSanBw München großgeschrieben. Für alle Mitarbeitenden – unabhängig von Rang oder Aufgabenbereich – bedeutet dies, ein gemeinsames Verständnis ihrer jeweiligen Rolle im LV/BV-Kontext zu entwickeln und zu leben. Nur wenn alle am selben Strang ziehen, kann die Refokussierung auf LV/BV erfolgreich sein.
Ein Baustein zur Förderung dieses Mindsets ist z.B. die Integration des funktionalen Fitnesstrainings (Functional Fitness/CrossFit®) in den Dienstsport. Dieses Trainingskonzept hat sich in zahlreichen Streitkräften, bei Polizei und Rettungsdiensten etabliert. Es ist darauf ausgerichtet, gezielt die körperliche Leistungsfähigkeit unter unvorhersehbaren Bedingungen zu steigern. Funktionale Bewegungen bilden typische militärische Belastungen realitätsnah ab und fördern Kraft, Ausdauer und Koordination gleichermaßen. Studien belegen zudem eine hohe Trainingsadhärenz durch die psychosozialen Effekte.
Am ZInstSanBw München wird funktionales Fitnesstraining mittlerweile regelmäßig im Rahmen des Dienstsports angeboten. Die Teilnahmezahlen und Motivation der Soldatinnen und Soldaten konnten seit der Einführung deutlich gesteigert werden. Besonders hervorzuheben ist die große Beteiligung der Dienststelle an der Durchführung des „Good Friday Battle (GFB)“, einem sogenannten Hero Workout zu Ehren der im Karfreitagsgefecht gefallenen Soldaten – ein Ausdruck gelebter Kameradschaft und gemeinsamer Werteorientierung. Darüber hinaus ist das Institut aktuell Bestandteil einer 12-wöchigen Studie der Universität der Bundeswehr München zur Wirksamkeit des funktionalem Kettlebell Trainings auf verschiedene Leistungsparameter, wie z.B. dem Soldaten-Grundfitness-Test (SGT).
Damit wird deutlich: Die Entwicklung von physischer Leistungsfähigkeit und mentaler Stärke sind keine getrennten Bereiche, sondern Bestandteile eines einheitlichen Mindsets. Dies zu festigen und unter Realbedingungen zu erproben, ist Aufgabe der regelmäßig durchgeführten Übungsvorhaben.
Übung
Die Soldatinnen und Soldaten des ZInstSanBw München üben deshalb den Aufbau und Betrieb der mobilen Laborfähigkeit regelmäßig unter LV/BV-Rahmenbedingungen. Zusammen und mit Unterstützung der 3. Kompanie des Sanitätslehrregiment Feldkirchen (3./SanLehrRgt) verlegte eine Teilgruppe des ZInstSanBw im Herbst 2024 nach Wildflecken auf den Truppenübungsplatz. Der Schwerpunkt der Übung lag in der Erprobung der Verlegefähigkeit und in der Beschleunigung der Herstellung der Betriebsfähigkeit.
Unter erschwerten Bedingungen – Nachtbetrieb, Zeitdruck, Schlafdefizit und LV/BV-Rahmenlage – wurden Verlegung, Auf- und Abbau sowie der Betrieb des lebensmittelchemischen Laborcontainers beübt. Hierbei zeigte sich, dass die Modifikation mit einem luftgestützten Zelt Typ II zudem eine noch schnellere Verlegbarkeit der analytischen Fähigkeiten ermöglicht. In Folge fanden zwei weitere Übungsplatzaufenthalte in Grafenwöhr (2025) statt. Bei der Übung im Herbst 2025 reagierte die 3./SanLehrRgt gemeinsam mit der Laborgruppe Zentrale Methodenentwicklung / Mobile Analytik auf die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg und integrierte das mobile Labor in eine feste Infrastruktur, um sich vor Aufklärung und Drohnenangriffen zu schützen. Zudem wurde die Probenahme bei Dunkelheit unter Verwendung von Nachtsichtgeräte beübt.
Neben den fachlichen Inhalten wurden separate militärische Ausbildungsabschnitte durchgeführt (u. a. Handgranatenwurf, Gruppengefechtsschießen, Waldkampfbahn). In Grafenwöhr war darüber hinaus das Schießen mit Panzerabwehrwaffen (Panzerfaust 3) Bestandteil der Ausbildung, ein Blick über den fachlichen Tellerrand, der allgemeine militärische Grundfertigkeiten vertiefte.
Das Feedback hierzu ist eindeutig: Durch die regelmäßige Teilnahme an Übungen konnten Verfahrensabläufe trainiert und manifestiert werden, sowie die Handlungsfähigkeit und -sicherheit der eingesetzten Trupps merklich gesteigert werden. Diese Übungen bestätigen, dass die schnelle Verlegbarkeit und die Fähigkeit, unter schwierigen Rahmenbedingungen analytisch zu arbeiten, keine theoretischen Zielgrößen bleiben müssen, sondern praktisch realisiert werden können.
Anwendung in der Praxis – Bewältigung der Sabotage in Köln-Wahn
Wie wichtig Einsatzbereitschaft und Handlungsfähigkeit unter realen Bedingungen sind, zeigte sich im Sommer 2024, als es im Bereich der Bundeswehr mehrfach zu Sabotage-Alarmen kam. Nach eindeutigen Hinweisen auf eine mögliche Manipulation der Trinkwasserversorgung im Pumpenhaus der Luftwaffenkaserne Köln-Wahn wurden unverzüglich Probenahme-Teams des ZInstSanBw München alarmiert und an die betroffenen Standorte in Marsch gesetzt.
Das eingesetzte Personal war hochmotiviert und unmittelbar einsatzfähig, als die Meldung über die mutmaßlichen Sabotageakte in Köln und Mechernich ohne Vorwarnung eintraf. Innerhalb von weniger als einer Stunde waren aufgrund der Fähigkeiten der Außenstelle Koblenz des ZInstSanBw München Kräfte vor Ort und konnten ohne Verzögerung mit der Probenahme und mobilen Analytik beginnen. Der Komplexität der Lage geschuldet, erfolgte die Untersuchung von Teilproben an mehreren Instituten des Sanitätsdienstes.
Die Ergebnisse bestätigten nicht nur die Funktionsfähigkeit der erprobten Verfahren, sondern auch den hohen Ausbildungsstand der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten. Die Erfahrungen aus diesem Einsatz fließen unmittelbar in die laufende Weiterentwicklung der Ausbildungs- und Übungskonzepte ein und belegen, dass sich das ZInstSanBw München mit seiner Neuausrichtung auf dem richtigen Weg befindet. Im Rahmen von Food Defense, des sog. Lebensmittelproduktschutzes spielt das wehrpharmazeutische Schwerpunktinstitut in München mit seinen analytischen Fähigkeiten – einschließlich der mobilen Komponenten – eine zentrale Rolle innerhalb eines komplex verzahnten Verbraucherschutzsystems. Sowohl auf ziviler als auch auf militärischer Ebene tragen zahlreiche weitere Akteure dazu bei, die Sicherheit der gesamten Nahrungskette zu gewährleisten.
Gleichwohl lassen sich Anschläge auf einzelne Teilbereiche oder Akteure vermutlich nicht vollständig verhindern. Insbesondere der mögliche Einsatz komplexer Substanzgemische durch staatliche oder staatlich unterstützte Akteure stellt eine wachsende Herausforderung dar. In solchen Lagen bilden die hochmobilen Probenahme-Teams der ZInstSanBw derzeit das wesentliche „Waffensystem“ für schnelle, fachlich fundierte und lageangepasste Reaktionen – und damit einen entscheidenden Beitrag zur Force Combat Readiness des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
Literatur bei der Verfasserin.
Für die Verfasser:
Oberstabsapotheker Dr. Nicole Meier
Zentrales Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr München
Ingolstädter Landstraße 102
85748 Garching
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