Anzeige
HumanmedizinNews

Mit den Aufgaben wachsen – das Direktorat Ausbildung der Sanitätsakademie der Bundeswehr

M.Seitz, T. Gamberger

Die Sanitätsakademie der Bundeswehr bildet das Rückgrat der medizinischen Ausbildung im Sanitätsdienst. Der Beitrag gibt einen Überblick über Inhalte, Strukturen und den aktuellen Wandel der Ausbildung vor dem Hintergrund veränderter sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen und zeigt, wie die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr auf die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung ausgerichtet wird. Mehr dazu erzählt der folgende Fachbeitrag.

Unter dem kritischen Blick des Ausbilders Hauptfeldwebel Martin Rademacher trainieren zwei Unteroffizieranwärter des Sanitätsdienstes die taktische Verwundetenversorgung.
Unter dem kritischen Blick des Ausbilders Hauptfeldwebel Martin Rademacher trainieren zwei Unteroffizieranwärter des Sanitätsdienstes die taktische Verwundetenversorgung. © Bernd Andres
Foto: Bundeswehr / Bernd Andres

Der Knall ist ohrenbetäubend, das Kreischen von Metall, Glas birst, der Konvoi kommt abrupt zu Stehen. Nach einem kurzen Augenblick der Stille setzen die Schreie ein. Die Tür eines der Fahrzeuge wird aufgestoßen, ein Soldat fällt auf die Straße. War es eine Mine, eine Drohne, eine Sprengfalle? Zeit, diese Fragen zu klären, bleibt keine.

Es geht um das Leben eines Kameraden. Jetzt zählt jede Sekunde. Unter der Sicherung der übrigen Angehörigen der Einheit beginnen eine Soldatin und ein Soldat mit der Erstversorgung, die entscheidend ist, um das Leben und gegebenenfalls verletzte Gliedmaßen des Kameraden zu retten. Letzterer hat einen offenen Bruch am rechten Schienbein. Im Bereich der Leiste ist eine weitere Wunde zu erkennen. Sie blutet stark.

Glücklicherweise handelt es sich nur um eine Übung – wenngleich unter möglichst realistischen Bedingungen. Der Gefechtslärm kommt aus zwei großen Lautsprechern, die Szene ist eine entsprechend hergerichtete Halle auf dem Gelände der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München, der verletzte »Kamerad« ein lebensechter Simulator, eine Puppe, an der realitätsnah ausgebildet werden kann. Nichtsdestoweniger ist den zwei Unteroffizieranwärtern im Sanitätsdienst, die mit der Erstversorgung befasst sind, der Stress anzusehen.

Unter dem kritischen Blick ihres Ausbilders Hauptfeldwebel Martin Rademacher führen sie die lebensrettenden Sofortmaßnahmen im Rahmen der taktischen Verwundetenversorgung durch. Die beiden Soldaten gehören zu einer Ausbildungsklasse der Vierten Inspektion der Sanitätsakademie. Innerhalb von 17 Wochen sollen sie hier zu Rettungssanitätern ausgebildet werden.

Die Schulung zu Rettungssanitäter oder Rettungssanitäterin ist eines von insgesamt 103 Trainings, die in einer der sieben Ausbildungsinspektionen im Direktorat Ausbildung der Sanitätsakademie durchgeführt werden. Dazu gehören einerseits Laufbahnlehrgänge für Unteroffiziere, Feldwebel und Offiziere im Sanitätsdienst, in denen ein denkbar breites Spektrum an Wissen vermittelt wird.

Von Menschenführung, politischer Bildung und soldatischem Recht und Ordnung über medizinrechtliche Fragestellungen und Militärmedizinethik, bis hin zu Fragen der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitsschutzes erhalten die Teilnehmenden hier das Werkzeug, das sie für ihre zukünftige Aufgabe als militärische Führerinnen und Führer brauchen. Dazu gehört auch die klassische Ausbildung im Gelände und das Führen unter hoher psychischer und physischer Belastung.

Andererseits wird mit der mehrwöchigen Ausbildung etwa in militär-medizinischem Englisch, dem Training von Rettungs- und Notfallsanitätern sowie Rettungsmedizinern, Kursen in medizinischem ABC-Schutz und der Aus- und Weiterbildung im Bereich Desinfektion oder Notfall-Zahnmedizin, um nur eine geringe Auswahl zu nennen, Spezialwissen vermittelt, wie es in seiner Differenzierung und Tiefe in den Streitkräften der Bundesrepublik wohl einzigartig ist.

Abseilausbildung im Rahmen der praktischen Ausbildung im Gelände im Training Seiteneinsteiger für Stabsärzte der Bundeswehr. © Tobias Strahl
Abseilausbildung im Rahmen der praktischen Ausbildung im Gelände im Training Seiteneinsteiger für Stabsärzte der Bundeswehr.
Foto: Bundeswehr / Tobias Strahl

Das sicherheitspolitische Umfeld verändert sich und davon kann auch die Ausbildung an der Sanitätsakademie der Bundeswehr nicht unberührt bleiben. Gegenwärtig werden wir Zeugen der wohl gravierendsten Umbrüche in der globalen und europäischen Sicherheitsarchitektur seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. An der Ostflanke der Nato fordert Russland unter Wladimir Putin Europas Friedensordnung mit seiner neo-imperialistischen Politik heraus. H

ier geht es um weit mehr als das Existenzrecht der Ukraine. Russlands hybride Kriegführung zielt auf die europäischen Gesellschaften als solche. Die Bundeswehr und deren Gesundheitsversorgung, der Sanitätsdienst, sind der Garant für den Schutz der Integrität und Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und deren Gesellschaft einerseits sowie die Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber den Partnern in der Verteidigungsallianz des Nordatlantikbündnisses andererseits. Mit dem Begriff der Landes- und Bündnisverteidigung ist dieser Auftrag prägnant zusammengefasst.

Die Einsatzarmee Bundeswehr der ersten anderthalb Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts muss nun wieder vor allem Verteidigungsarmee sein. Damit verbunden ist nicht allein die Notwendigkeit des Erwerbs einer Vielzahl neuer und das Training einiger bereits bewährter Fähigkeiten, sondern auch die Schaffung einer Struktur, die diesem neuen Auftrag gerecht wird. Für die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, die Sanität, bedeutet das nichts weniger als einen fundamentalen Paradigmenwechsel.

Nach den unbestritten oft herausfordernden integrierten Einsätzen im Zuge des internationalen Krisenmanagements geht es nun um ungleich komplexere Lagebilder, wie sie sich in Russlands Krieg gegen den Nachbarn Ukraine abzeichnen. Internationale Regelwerke wie das Genfer Abkommen werden hier regelmäßig missachtet. Sanitätspersonal ist durch ständig weiterentwickelte Waffensysteme, allen voran Drohnen, allgegenwärtig bedroht und dadurch massiv in der Beweglichkeit eingeschränkt. Viel gravierender ist jedoch: Die Größenverhältnisse ändern sich – und das grundlegend.

Aus den »kleinen Rettungsketten«, wenn man so will, den Missionen im internationalen Krisenmanagement, werden die »großen Rettungsketten« der Landes- und Bündnisverteidigung. Eine deutlich höhere Zahl an Verwundeten muss mit einem ungleich höheren Einsatz an Personal und Material versorgt und transportiert werden – nötigenfalls durch halb Europa.

Die reibungslose Zusammenarbeit mit den Partnernationen in der NATO hierbei gelingt nur auf der Basis international etablierter Standards. Die ambulante und stationäre sanitätsdienstliche Versorgung aller Soldatinnen und Soldaten in der Heimat bleibt davon unberührt. Sie muss nichtsdestoweniger gewährleistet werden.

»Spieß« Kompaniefeldwebel Franziska Fiedler und Inspektionschefin Hauptmann Claudia Kling sind in der III. Inspektion der Sanitätsakademie der Bundeswehr verantwortlich für die Ausbildung von Unteroffizieren und Feldwebeln im Sanitätsdienst. © Tobias Strahl
»Spieß« Kompaniefeldwebel Franziska Fiedler und Inspektionschefin Hauptmann Claudia Kling sind in der III. Inspektion der Sanitätsakademie der Bundeswehr verantwortlich für die Ausbildung von Unteroffizieren und Feldwebeln im Sanitätsdienst.
Foto: Bundeswehr / Tobias Strahl

Der Umfang der Aufgabe ist immens. Ihre Bewältigung das, was man im Hinblick auf den Sanitätsdienst als »kriegstauglich werden« bezeichnen kann. Sie erfordert neben einem Aufwuchs des Personals, der Überarbeitung der Einsatzgrundsätze und der Neuzuordnung von Ressourcen vor allem eine Ausbildungsstruktur, die den neuen multiplen Anforderungen entspricht.

Mit der Reorganisation des Direktorats Ausbildung trägt die Sanitätsakademie dieser Entwicklung Rechnung. Bestand das Direktorat bisher aus den vier Abteilungen Alpha, Bravo, Charlie und Delta und war mit dem in Koblenz im Kommando Sanitätsdienst verorteten konzeptionellen Anteil für die Ausbildung im gesamten Sanitätsdienst der Bundeswehr vermischt, wird es in Zukunft eine Trennung in ein Direktorat Ausbildung Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (DirAusbGesVersBw) und ein Ausbildungszentrum Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (AusbZGesVersBw) geben. Beide Organisationseinheiten werden ausschließlich an der Sanitätsakademie beheimatet sein und von dort einheitlich geführt werden.

Im Direktorat einerseits werden in drei Referaten die konzeptionellen und administrativen Aufgaben sowie das übergreifende Trainingsmanagement zusammengefasst. Dabei bildet das Referat I – Grundsatz – die Schnittstelle nach Außen für alle Aspekte der Ausbildung im Sanitätsdienst. Hier werden sowohl die Weisungen und Arbeitsaufträge der übergeordneten Kommandobehörden ausgewertet und deren Umsetzung auf den Weg gebracht, als auch die Abstimmungen mit dem Bundesministerium der Verteidigung, den Teilstreitkräften, Organisationsbereichen und dem Streitkräfteamt in Arbeitsbesprechungen wahrgenommen.

Das Referat I erarbeitet somit, seiner Bezeichnung entsprechend, die Grundlagen für die sanitätsdienstliche fachliche Ausbildung und setzt die militärfachlichen Anteile um. Im Referat II – Ausbildungsmanagement – werden die im Referat I erarbeiteten Grundlagen in die Gestalt konkreter Trainings überführt.

 

Offizieranwärter im Sanitätsdienst während einer Gruppenarbeit im Fahnenjunkerlehrgang der I. Inspektion der Sanitätsakademie der Bundeswehr. © Tobias Strahl
Offizieranwärter im Sanitätsdienst während einer Gruppenarbeit im Fahnenjunkerlehrgang der I. Inspektion der Sanitätsakademie der Bundeswehr.
Foto: Bundeswehr / Tobias Strahl

Das Referat III wiederum zeichnet verantwortlich für die Digitalisierung der Ausbildung in der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr. Es beobachtet Trends, antizipiert neue Technologien und sorgt dafür, dass geeignete digitale Ansätze schnell ihren Weg in die sanitätsdienstliche Ausbildung finden.

In den drei Referaten des Direktorats gehen die bisherigen Abteilungen Bravo und Charlie auf. Mit dem Ausbildungszentrum Gesundheitsversorgung andererseits entsteht erstmals in der Geschichte der Sanität eine »echte Schule« in Analogie zu den Truppenschulen der Bundeswehr. Alle Aufgaben und Ressourcen einschließlich Planung und Steuerung sind hier verortet.

Im Ausbildungszentrum werden die Abteilungen Delta mit den sieben Ausbildungsinspektionen sowie als Kompetenzzentrum die Abteilung Alpha mit den Truppenfachlehrern vertreten sein. Gemeinsam sind Direktorat und Ausbildungszentrum zukünftig für die gesamte Ausbildung in der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr zuständig.

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4 / 2025

Für die Verfasser:

Oberstarzt Dr. Markus Seitz
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Direktorat Ausbildung
Neuherbergstraße 11
80937 München

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Verwendete Schlagwörter

AusbildungSanitätsausbildung

DEF-JOBS