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Defektprothetik – selten, anspruchsvoll und unverzichtbar für die Wehrzahnmedizin der Zukunft

Warum diese spezialisierte Disziplin im militärischen Kontext eine besondere Relevanz hat

Basierend auf Erkenntnissen aus vergangenen und aktuellen bewaffneten Konflikten ist in einem Szenario wie der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) für Deutschland mit einem hohen Aufkommen an Kopf- und vor allem Gesichtsverwundungen zu rechnen. Dies spiegelt sich in den Verwundungsmustern aus Auslandseinsätzen sowie in den Kriegsstatistiken der vergangenen zwei Jahrzehnte wider. Am besten ist die Datenlage hierzu bislang für die Konflikte in Afghanistan und im Irak dokumentiert: Etwa 31 Prozent aller Verwundungen waren mit Kopf- und Gesichtsverwundungen verbunden. Der ukrainische Neurochirurg Prof. Dr. Andrji Sirko berichtete 2024 in einem Online-Vortrag für das Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Ulm, dass im Ukraine-Konflikt etwa 35 Prozent der Verwundungen den Kopf-, Gesichts- und Halsbereich betreffen.

Kriegsverwundung: Ein im Krieg verwundeter 27-jähriger Soldat mit
Verlust des Oberkiefers und damit einhergehendem Verlust der vertikalen
Relation und der Lippenkontu
Kriegsverwundung: Ein im Krieg verwundeter 27-jähriger Soldat mit Verlust des Oberkiefers und damit einhergehendem Verlust der vertikalen Relation und der Lippenkontu
Foto: BwKrhs Ulm, Klinik VII Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie und Klinik VIII Radiologie und Neuroradiologie

Obgleich wir Soldaten grundsätzlich durch unsere persönliche Schutzausrüstung geschützt sind, bleibt ein wichtiger Teil des Körpers, das Gesicht, höchst vulnerabel. Der Gefechtshelm der Bundeswehr bietet ballistischen Schutz gegen Splitter und Projektile im Schädelbereich, eine Brille schützt die Augen – der übrige Gesichtsbereich bleibt jedoch ungeschützt. Folglich ist sowohl bei Soldaten als insbesondere auch bei der ungeschützten Zivilbevölkerung mit einem hohen Prozentsatz an Kopf-, Gesichts- und Halsverwundungen zu rechnen, da bei Terroranschlägen sowie in militärischen Konflikten und Kriegen Waffen verwendet werden, die eben diese typischen Verwundungsmuster hervorrufen.

Klinische, funktionelle und psychologische Bedeutung

Das stomatognathe System – Ober- und Unterkiefer, Kiefergelenke, Zähne, Kaumuskulatur und Speicheldrüsen – wird in seiner Funktionalität wesentlich durch die Zähne bestimmt. Diese dienen nicht nur der Zerkleinerung der Nahrung. Fehlstellungen, Verfärbungen und fehlende Zähne beeinflussen das ästhetische Erscheinungsbild maßgeblich negativ. Insbesondere fehlende Frontzähne behindern die Phonetik, während der Seitenzahnbereich als Stützzone die vertikale Gesichtsrelation sichert. Bereits Teilverluste führen zu funktionellen Einbußen in Kaufunktion, Sprache und Mimik. Ein entstelltes Gesicht und fehlende Zähne kann man im gesellschaftlichen Miteinander schwer verbergen. Selbstwertverlust, Scham und Stigmatisierung führen zu sozialer Isolation und haben damit private wie berufliche Konsequenzen. Eine adäquate Rehabilitation muss daher das Ziel haben, Funktion und Erscheinungsbild gleichermaßen zu rekonstruieren und wiederherzustellen.

Rekonstruktion und Team

 Die Behandlung kraniofazial Verwundeter ist eine anspruchsvolle interprofessionelle Aufgabe eines Kopfzentrums, wobei alle Disziplinen, in der Hauptsache jedoch die Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Zahnmedizin mit Defektprothetik, ein spezialisiertes zahntechnisches Labor sowie psychologische Betreuung ineinandergreifen müssen, damit ein bestmögliches Ergebnis erzielt werden kann. Die „Defektprothetik“ ist eine Disziplin der großen Prothetik und muss im gesamten Kontext der Prothetik und Implantatprothetik betrachtet werden.

Zur Ausübung ist eine curriculare prothetische und implantatprothetische Fortbildung eine solide Grundlage, um darauf aufbauend defektprothetisch tätig zu werden. Die Defektprothetik umfasst die Wiederherstellung verloren gegangener oraler Strukturen – nach Unfällen, Tumoroperationen, Kriegsverwundungen oder durch angeborene Fehlbildungen – und kommt dort zum Tragen, wo fehlende Strukturen plastisch-chirurgisch nicht mehr vollständig autolog wiederhergestellt werden können und einer alloplastischen Rekonstruktion bedürfen.

Die Besonderheit dabei ist, dass nicht nur Zähne ersetzt werden, sondern dabei auch nicht mehr deckbare Verluste z.B. des Kieferknochens oder der Schleimhaut rekonstruiert werden. Solche defektdeckenden Prothesen, sogenannte Obturatoren, sorgen, beispielsweise im Oberkiefer für einen prothetischen Verschluss zu den Kiefer- und Nasenhöhlen, sodass Nahrungsaufnahme, Feuchtigkeitsregulierung der Schleimhäute und Sprechen wieder möglich werden.

Großvolumige Defekte können oftmals unter Einbeziehung des noch zur Verfügung stehenden Restzahnbestandes mit magnet- oder stegverankerten Prothesen aus Silikon gedeckt werden. Gleichwertig hierzu eröffnen osseointegrierte Implantate weitere Verankerungsmöglichkeiten. Obwohl die defektprothetische Rehabilitation zeitlich am Ende der Therapie steht, ist es therapie- und ergebnisrelevant, chirurgische und prothetische Schritte zu einem sehr frühen Zeitpunkt aufeinander abzustimmen.

Kriegsverwundung: Ein im Krieg verwundeter 27-jähriger Soldat mit
Verlust des Oberkiefers und damit einhergehendem Verlust der vertikalen
Relation und der Lippenkontur.
Kriegsverwundung: Ein im Krieg verwundeter 27-jähriger Soldat mit Verlust des Oberkiefers und damit einhergehendem Verlust der vertikalen Relation und der Lippenkontur.
Foto: BwKrhs Ulm, Klinik VII Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie und Klinik VIII Radiologie und Neuroradiologie

Die hochspezialisierte Versorgung dieser Patienten ist herausfordernd und zeitaufwändig. Die oftmals massiv entstellten Patienten sind schwer traumatisiert, was eine besonders behutsame Behandlung erfordert. Die zu schließenden Defekte sind so individuell, dass jeder Patient eine ausschließlich auf ihn abgestimmte Vorgehensweise benötigt, wobei es vorkommt, dass sich trotz akribischer Planung intraoperativ unvorhergesehene Änderungen ergeben, die bei der Anfertigung der Defektprothetik äußerst flexibles Handeln erfordern. Dies wird im folgenden Case-Report anschaulich beschrieben. Wie in den übrigen operativen Fächern sichern zivile Indikationen, z.B. nach Unfällen und Tumoroperationen, die Fähigkeitserhaltung, um im Bedarfsfall der LV/BV die erforderlichen Kompetenzen sicher vorzuhalten.

Eigene Lage

Die Defektprothetik ist in Deutschland offensichtlich bisher weder in der zivilen Krankenhauslandschaft noch an den Universitätskliniken ausreichend ausgebracht. Auf der gemeinsamen Pressekonferenz der wissenschaftlich zahnmedizinischen Fachgesellschaften DGPro, DGZ und DGZMK im Juni 2024 wurde deutlich angesprochen, dass nur wenige universitäre Zentren in Deutschland innerhalb der zahnmedizinischen Prothetik auf die Rehabilitation kiefer-gesichtsversehrter Patienten spezialisiert sind. Herr Dr. Horst-Uwe Klapper, Oberarzt des Bereiches Chirurgische Prothetik und Epithetik am Universitätsklinikum Leipzig AöR, berichtete, dass Betroffene für die einzelnen Therapieschritte teils weite Anfahrtswege auf sich nehmen müssen. Auch im Sanitätsdienst stellt die Defektprothetik bislang einen noch nicht abgebildeten, jedoch einsatzrelevanten Bestandteil der Versorgung dar.

Obturator: Eine Defektprothese für den Oberkiefer, die eine Mund-Antrum-
Verbindung verschließt.
Obturator: Eine Defektprothese für den Oberkiefer, die eine Mund-Antrum- Verbindung verschließt.
Foto: BwKrhs Ulm, Abteilung Zahnmedizin

Schlussfolgerung

Aus wehrmedizinischer Sicht ist die Defektprothetik unabdingbar. Sie muss daher im Sanitätsdienst der Bundeswehr aufgebaut und gestärkt werden – insbesondere an den BwKrhs und auf jeden Fall in den Kopfzentren. Die erstmalige systematische Beschreibung dieser Fähigkeitslücke durch die Abteilung Zahnmedizin des BwKrhs Ulm, unter der Führung des Leitenden Ärztlichen Direktors und Kommandeurs, Herrn Generalarzt Prof. Dr. Friemert, bildet die Grundlage für eine zielgerichtete Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen innerhalb des Sanitätsdienstes. Ziel ist, in Ulm die Kernkompetenz aufzubauen und sie anschließend innerhalb des Systems weiterzutragen. Als ersten Schritt in diese Richtung hat der Kommandeur des Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, Herr Generalstabsarzt Dr. Backus, der Abteilung Zahnmedizin des BwKrhs Ulm im Oktober 2025 den Auftrag erteilt, ein Kompetenzzentrum für Prothetik und Defektprothetik aufzubauen.

Fazit

Die medizinische und sanitätsdienstliche Bedeutung einer defektprothetischen Versorgung begründet sich durch die Verwundungsmuster in bewaffneten Konflikten. Ziel ist eine Wiederherstellung der Versehrten im Sinne einer restitio ad integrum. Ein zahnmedizinischer Spezialist für Defektprothetik ist in einem BwKrhs mit Kopfzentrum unerlässlich, um den hohen Anforderungen der militärischen Traumaversorgung gerecht zu werden. Das Vorhalten dieser Kompetenz und die „Versorgung aus einer Hand“ zur verzugslosen individuellen Genesung, umfassenden Rehabilitation und damit umgehenden Reintegration der Versehrten in das berufliche wie gesellschaftlich-soziale Leben, für Soldaten bestenfalls zurück in eine Verwendungsfähigkeit, liegt auf der Hand. In Deutschland ist bislang keine curriculare Fortbildung für Defektprothetik etabliert, daher ist es unser Ziel unsere Erfahrung zu teilen und im BwKrhs Ulm eine defektprothetische Fortbildung zu implementieren, um strukturiert Wissen zu vermitteln, damit langfristig ausreichende personelle Kapazitäten für den Bedarfsfall sichergestellt werden können.

 

Für die Verfasser:
Dr. Kerstin Kladny
Oberstarzt
Ärztlicher Direktor Abteilung Zahnmedizin
Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Oberer Eselsberg 40
89081 Ulm

 

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 02/26

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