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Tragtiere im militärischen Einsatz

Michaela Schneider, H. Merz

Wenn Fahrzeuge und Hubschrauber nicht mehr weiterkommen, übernehmen sie: In Bad Reichenhall betreibt die Bundeswehr ihre letzte Tragtier-Einheit – unverzichtbar für Transporte im extremen Gelände.

Tragtiere des Einsatz- und Ausbildungszentrums für Tragtierwesen 230 im Einsatz im Hochgebirge
Tragtiere des Einsatz- und Ausbildungszentrums für Tragtierwesen 230 im Einsatz im Hochgebirge
Foto: Eins-/AusbZ TrgTWes 230)

In Deutschland gibt es nur noch eine Dienststelle in der Bundeswehr, die Tragtiere hält und im militärischen Einsatz verwendet. Diese Dienststelle ist das Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230 (Eins-/AusbZ TrgTWes 230) mit Sitz in Bad Reichenhall. Das Eins-/AusbZ TrgTWes 230 ist eine selbstständige Brigadeeinheit der Gebirgsjägerbrigade 23 und hat den Auftrag Teile einer Brigade, eines Gefechtsverbandes oder andere Truppenteile beim Transport von Versorgungsgütern, Waffen, Gerät und Ausrüstung aller Art zu unterstützen.

Vor allem, wenn Truppenteile im schwierigen bis extremen oder schwer zugänglichen Gelände z. B. im Hochgebirge und bei extremen Klima- und Wetterbedingungen eingesetzt sind und geländegängige Kraftfahrzeuge oder Hubschrauber nicht mehr einsetzbar sind, übernimmt das Eins-/AusbZ TrgTWes 230 Transporte aller Art mit seinen Tragtieren

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Als Tragtiere werden am Eins-/AusbZ TrgTWes 230 überwiegend Maultiere eingesetzt. Maultiere – umgangssprachlich auch „Mulis“ (vom lateinischen „Mulus“) genannt – sind Hybriden der Kreuzung aus Eselhengst und Pferdestute und vereinen die Eigenschaften beider Elterntiere. Die Größe, Statur und Kraft stammen vom Pferd, die Trittsicherheit, Ausdauer und Genügsamkeit vom Esel; alles unerlässliche Eigenschaften für ein Tragtier im militärischen Einsatz. Vom äußeren Erscheinungsbild können Maultiere erheblich variieren, je nachdem welche Elterntiere miteinander verpaart wurden.

Am Eins-/AusbZ TrgTWes 230 werden vorwiegend kräftig gebaute und größere Maultiere angekauft und für den Einsatz als Tragtier ausgebildet, da sie höhere Gewichte tragen können. Maultiere sind als Hybriden unfruchtbar. Das hat zur Folge, dass mit leistungsfähigen und für den Dienst gut geeigneten Maultieren nicht weiter gezüchtet werden kann und für eine Remontierung stets neue Verpaarungen zwischen Pferden und Eseln erfolgen müssen. Die Remontierung der benötigten Trag- und Reittiere erfolgt ausschließlich durch den Ankauf geeigneter Tiere. Eine eigene Zucht – wie im Bereich der Diensthunde in der Bundeswehr bereits eingeführt – existiert nicht. Da der Markt für Maultiere in Deutschland sehr überschaubar ist, wird ein Großteil der benötigten Maultiere im Ausland erworben. Am Eins-/AusbZ TrgTWes 230 werden neben den ca. 40 Maultieren auch acht Haflinger und seit 2022 sechs Esel gehalten. Esel stammen aus trockenen Klimazonen und sind für ihre Genügsamkeit, Widerstandsfähigkeit und Trittsicherheit im Gelände bekannt. Aufgrund ihrer kleineren und schmaleren Statur können Esel nur mit geringeren Traglasten als Maultiere beladen werden. Haflinger sind robuste, kräftige Kleinpferde, mit einer für Pferde hohen Trittsicherheit, die aufgrund ihres kooperativen Wesens und ihrer Leistungsbereitschaft gerne verwendet werden.

Die Traglast der Haflinger liegt zwischen derjenigen von Maultieren und Eseln. Während in der Bundeswehr Maultiere und Esel als reine Tragtiere eingesetzt werden, haben Haflinger einen zweiten Aufgabenbereich. Sie werden als Reittier zum Verbringen von Kräften im berittenen Einsatz bei Erkundung, Aufklärung und Überwachung von Räumen eingesetzt. Hier wird neben dem kräfteschonenden Überwinden weiter Strecken ein weiterer Vorteil der Tiere genutzt, der nahezu lautlose und unauffällige Einsatz im Gelände.

Schweizer Patrouillenreiter mit angepassten, multispektralen Tarndecken für die Reittiere
Schweizer Patrouillenreiter mit angepassten, multispektralen Tarndecken für die Reittiere
Foto: Schweizer Armee

Der Einsatz von allen Tragtieren – unabhängig davon, ob es sich dabei um Maultiere, Esel oder Haflinger handelt – erfolgt immer im Team von Tragtier und Tragtierführer/in. So wird jedes Tragtier auf einem Marsch von einem/r Tragtierführer/in geführt. Im Gegensatz zum Diensthundewesen, wo jeder Diensthund einem eigenen Diensthundeführer/in zugeteilt ist, sind Tragtiere so ausgebildet, dass sie von jedem/r Tragtierführer/in der Einheit geführt werden können. Alle als Tragtiere eingesetzten Tiere (Maultiere, Esel, Pferde) sind Herdentiere und werden daher in Gruppen gehalten und mindestens zu zweit eingesetzt. Am Eins-/AusbZ TrgTWes 230 besteht ein Tragtierzug aus drei Tragtiergruppen, wobei eine Tragtiergruppe wiederum aus sechs Tragtieren besteht. Die Marsch- und Transportleistung von Tragtieren ist von verschiedenen Faktoren abhängig, wie z. B. der Größe und dem individuellen Trainings- und Ausbildungsstand der Tiere, der Traglast sowie der Geländebeschaffenheit.

Beim militärischen Einsatz von gut trainierten Maultieren wird mit einer Marschgeschwindigkeit von 6 km/h in der Ebene gerechnet und einer Tagesstrecke von bis zu 50 km. Dabei können die am Eins-/AusbZ TrgTWes 230 gehaltenen Maultiere mit einer Nutzlast von 80 bis 110 kg beladen werden. Im Gegensatz zu vielen technischen Mittel, die bei schlechten Witterungs- und Sichtbedingungen (z. B. extremen Temperaturen, Niederschlägen oder Nebel) nur noch bedingt oder gar nicht nutzbar sind, erweisen sich Maultiere auch unter solchen Bedingungen einsatzfähig und in der Lage ihren Auftrag zu erfüllen. Die besondere Leistungsfähigkeit von Maultieren zeigt sich vor allem im Mittel- und Hochgebirge. Hier sind die Tiere in der Lage auf nahezu allen für Menschen geeigneten Wegen zu gehen und Hindernisse auf der Strecke, z. B. Stufen oder Felsbrocken, ohne Hilfsmittel zu überwinden oder zu umgehen. Am Berg marschieren Maultiere mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 4 km/h und können 400 bis 500 Höhenmeter in der Stunde überwinden. Damit liegt die Marschgeschwindigkeit im Gebirge nur geringfügig unter der Marschgeschwindigkeit in der Ebene.

Neben Deutschland verfügen im angrenzenden Ausland sowohl Österreich als auch die Schweiz über die Fähigkeit der tragtierbasierten logistischen Versorgung. In Österreich werden am Tragtierzentrum in Hochfilzen und in der Schweiz am Kompetenzzentrum für Veterinärdienst und Armeetiere in Schönbühl Reit- und Tragtiere gehalten. Zwischen diesen drei tragtierhaltenden Dienststellen gibt es einen engen Erfahrungsaustausch und Kooperationen in der Ausbildung.

Seit Jahren nehmen z. B. Hufbeschlagschmiede des Eins-/AusbZ TrgTWes 230 an den Ausbildungskursen der Schweizer Hufbeschlagschmiede teil. Auch soll in Kooperation zwischen dem Eins-/AusbZ TrgTWes 230 und dem Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere der Schweizer Armee anhand eines strukturierten Zusammenarbeitsplans die Verbesserung der Interoperabilität auf supranationaler Stufe mit ausgewählten Partnern im Tragtierwesen, z. B. im Rahmen eines internationalen Symposiums („Alpenländerkonferenz 2026“), gestärkt werden.

Aufgrund der an den Dienststellen vorhandenen Fachexpertise fällt auch die Weiterentwicklung und Erprobung von Einsatzverfahren und Material im Tragtierwesen in das Aufgabengebiet der Dienststellen. Aktuell wurde in der Schweiz eine Multispektraltarndecke für Schweizer Patrouillenreiter entwickelt, um die thermale Signatur des Pferdes zu reduzieren. Die Verwendung einer dem Reittier anpassbaren, multispektralen Tarndecke soll es bei der berittenen Raumüberwachung ermöglichen im thermalen Spektrum unerkannt zu bleiben.

Am Eins-/AusbZ TrgTWes 230 wurden in den letzten zwei Jahren unterschiedliche ehemalig und derzeit genutzte Militärtragsättel sowie marktverfügbare Trag-/Packsattelmodelle hinsichtlich ihrer Passform und ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile im militärischen Einsatz im Rahmen eines wehrmedizinischen Sonderforschungsvorhabens untersucht. Dazu wurden die Passgenauigkeit der Tragsättel sowie die Gewichtsverteilung unter den unterschiedlichen Tragsätteln mit Hilfe von Sattelmessdruckplatten untersucht. Aktuell findet die Auswertung der umfangreichen Messdaten statt, so dass Anfang nächsten Jahres mit den Ergebnissen der Studie gerechnet werden kann.

Aufgrund der besonderen Fähigkeiten von Tragtieren sind diese seit vielen Jahrzehnten ein unverzichtbares Hilfsmittel beim militärischen Einsatz in zahlreichen Ländern und werden dies auch in Zukunft – trotz ständig fortschreitender Neuentwicklungen im technischen Bereich – bleiben.

Für die Verfasser:

Oberfeldveterinär Dr. Michaela Schneider
Tierschutzbeauftragte der Bundeswehr
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Neuherbergstrasse 11
80937 München

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