Schmerzen in der Brust, Engegefühl, Atemnot, Schweißausbrüche, Übelkeit, Todesangst. Es sind die Symptome eines lebensbedrohlichen Herzinfarkts. Bildlich gesprochen schien die transatlantische Partnerschaft zuletzt auf dem Weg dahin. Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus 2025 galt als Hochrisikofaktor. Schon im Februar 2025 spürten die Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) bei der Rede von US-Vizepräsident J. D. Vance über europäische Demokratiedefizite einen heftigen Stich in der Brust.
Bald darauf sorgte der Rauswurf des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus dem Weißen Haus für Beklemmung. Rund um den NATO-Gipfel im Juni gaben die Europäer alles für den US-Präsidenten. Nur keinen hohen Blutdruck riskieren!
Das neue Ziel, künftig fünf Prozent des BIP in die Verteidigung zu investieren, sorgte für Entspannung. Doch manchem blieb bei all den „Daddy“-Schmeicheleien die Luft weg. Der russisch-amerikanische „Friedensgipfel“ in Alaska im August mit dem gar nicht friedenswilligen Wladimir Putin trieb europäischen Staats- und Regierungschefs die Schweißperlen auf die Stirn.
Schließlich eskalierte Moskau ungerührt die Drohnen- und Raketenangriffe auf die Ukraine und traktiert den Rest Europas mit hybriden Angriffen. Regelrecht übel wurde vielen im November 2025 angesichts des überraschenden 28-Punkte-Plans zu einem möglichen Waffenstillstand in der Ukraine, der einen Ausverkauf ukrainischer und europäischer Sicherheitsinteressen befürchten ließ. Spätestens als Donald Trump im Januar 2026 mit der Annexion Grönlands drohte, schien das Ende nah.
Zwar wurde das Schlimmste abgewendet, aber über den Berg ist der transatlantische Patient noch nicht. Nicht umsonst kreiste die MSC 2026 um die Zukunft der atlantischen Allianz. Doch woran krankt das Verhältnis? Besteht Aussicht auf Heilung? Tatsächlich sind bei genauem Hinsehen die Dinge gar nicht so klar, wie es zunächst scheinen mag.
So wie bei einer lebensbedrohlichen Krankheit eine Zweit-oder Drittmeinung geboten ist, sollten auch in der Politik bewusst Annahmen hinterfragt, Diagnosen geprüft und unterschiedliche Therapiepläne diskutiert werde. Ein Gedankenanstoß in drei Punkten:
Us versus US?
Die Donald J. Trump-Administration setzt das transatlantische Verhältnis einem Stresstest aus. Erstens hält Präsident Trump, anders als seine Amtsvorgänger seit 1945, die von den USA mit ihren Partnern gestaltete liberale internationale Ordnung nicht für schützenswert. Nach seiner Interpretation benachteiligen die etablierten Strukturen die USA und ihre Bürger, weil Kosten und Nutzen des Systems in keinem plausiblen Verhältnis stünden.
Er will den Status quo verändern, während Europa nach wie vor dem Ideal einer regelbasierten, liberalen Ordnung anhängt. Zweitens sehen wichtige Mitglieder der Administration die Europäer als Schwächlinge, Trittbrettfahrer und Konkurrenten.
Die Trump-Regierung unterstützt, anders als ihre Vorgänger, Europa weder bei der Konsensbildung noch stimmt sie sich routinemäßig ab. Stattdessen wird Europa mal ignoriert und vor vollendete Tatsachen gestellt (z.B. Ukraine-Verhandlungen), mal unter Druck gesetzt (z.B. Handelspolitik), mal gespalten (z.B. Austausch zwischen Regierungen statt mit der EU). Drittens bevorzugt der US-Präsident eine Politik der Disruption, was der prozessorientierten europäischen Handlungslogik völlig widerspricht.
Dennoch wäre es fatal, einer vereinfachten „Europa gegen die USA“-Formel auf den Leim zu gehen. Ausgerechnet der Titel des diesjährigen Munich Security Reports („under destruction“) und das MSC-Konferenzmotto des „Elefanten im Raum“ (was unweigerlich an Donald Trump und das Symboltier der Republikaner erinnert) deuteten eben dies an.
Das bediente das hierzulande ohnehin gängige Narrativ, Trumps Politik der Abrissbirne zerstöre die internationale Ordnung und Europa müsse dem geschlossen entgegentreten. Doch erstens war die globale Ordnung bereits ernsthaft beschädigt, u.a. durch Russland, China und den Iran. Zweitens war auch die liberale internationale Ordnung problembehaftet, weil ihren Stützen Überdehnung und Demokratiedefizite drohten und sie Gegnern der Freiheit Chancen bot. Drittens gibt es in allen westlichen Demokratien Eliten- und Politikkritik wie in den USA.
Statt sich an Donald Trump abzuarbeiten und die Vergangenheit zu idealisieren, wäre die europäische Politik gut beraten, nach einer normativ wünschenswerten und machtpolitisch durchsetzbaren Ordnungsvision für die Zukunft zu suchen. Dabei sollte im Mittelpunkt stehen, wofür Regierungen demokratischer Staaten verantwortlich sind, nämlich die Sicherheit, den Wohlstand, das Recht und die Freiheit ihrer Bürger zu schützen.
Die internationale Souveränitätsverflechtung, die Ausgestaltung der Globalisierung sowie Elemente der Sicherheits-, Handels- oder Migrationspolitik der letzten Jahre folgten nach Sicht signifikanter Wähleranteile weder ihrem Wohl noch ihrem Willen.
Statt vereinfacht „den Populismus“ als Gefahr für die Demokratie und die internationale Ordnung zu werten, sollte man die tieferliegenden Ursachen ergründen. Tatsächlich stehen die USA und Europa einander näher als viele glauben mögen, da die politische Konfliktlinie nicht zwischen den USA und Europa, sondern innerhalb der transatlantischen Gemeinschaft verläuft.
Us without the US?
Die Antwort auf „America First“ müsse ein beherztes „Europe United“ sein, so lautet eine aus Trumps erster Amtszeit bekannte Formel. Europa müsse „strategisch autonom“ werden. Längst gilt nicht mehr amerikanischer „Isolationismus“ als größtes Risiko, sondern Aktivismus. Die Trump-Administration justiert den weltpolitischen Kurs der USA neu, baut Partnerschaften um, übt Druck aus, verschiebt Prioritäten und akzeptiert Risiken (z.B. Venezuela, Iran).
Nicht ein Rückzug der USA, sondern was sie in Europa und der Welt tun (können), prägt nun die Debatte. Insofern geht es um mehr als eine unabhängigere Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit gegen Russland: digitale Souveränität, technologische Eigenständigkeit, Europäisierung der Rüstung, kurzum: Unabhängigkeit von den USA.
Handlungs- und Verteidigungsfähigkeit zu organisieren, ist für Deutschland und Europa existenziell. Aber wie? Regelmäßig wird „mehr Europa“ unreflektiert mit „mehr EU“ gleichgesetzt. Das ist ein Fehler. Die EU ist nicht als Verteidigungs-Anker konzipiert. Erst nach dem Kalten Krieg begann die Integration, der Fokus lag auf der begrenzten Friedensschaffung und -sicherung. Zwar gibt es eine militärische Solidaritätsklausel, doch sie ist kaum mit Leben gefüllt.
Dazu kommen Legitimationsprobleme, etwa das Demokratiedefizit oder das Beugen der Regeln unter dem Druck von Krisen (z.B. gemeinsame Schulden). Eine Abkehr vom Mehrheitsprinzip in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist weder realistisch noch wünschenswert. Überambitionierte Debatten über eine europäische Armee oder neue supranationale Integration perpetuieren eher die Schwäche Europas, als real Fähigkeiten zu verbessern. Würde die EU massiv Bürokratie abbauen und so den Wettbewerbs- und Innovationsturbo zünden, wäre viel mehr gewonnen.
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!


