Besuch beim Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München

Neuland für Military Medicine! Erstmals veröffentlichen wir an dieser Stelle einen sicherheitspolitischen Dialog, und zwar mit Frau Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Gründerin und Leiterin des Münchner Institut ISS Sicherheit und Strategie. Im Original als Podcast aufgenommen, bringen wir an dieser Stelle eine gekürzte Zusammenfassung. Die komplette Version können Sie natürlich nach-hören, am Ende des Dialogs führt ein QR-Code Sie direkt zum Podcast.

Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Gründerin und Leiterin des ISS Institut für Sicherheit und Strategie.
Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Gründerin und Leiterin des ISS Institut für Sicherheit und Strategie.
Foto: Gerlinde Groitl

In dieser Folge nimmt Prof. Dr. Gerlinde Groitl Sie mit an die Sanitätsakademie der Bundeswehr in München zu einem Gespräch mit Generalstabsarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm über den Sanitätsdienst in der Zeitenwende. Wie ist der Sanitätsdienst aufgestellt? Welche Lehren können aus dem Krieg in der Ukraine gezogen werden? Wie bereitet sich der Sanitätsdienst auf Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung vor?

Über die Intention ihres Podcasts sagt Prof Groitl: „Ganz Deutschland redet mittlerweile über Sicherheitspolitik und die Bundeswehr. Beim ISS Truppenbesuch spreche ich mit Menschen in der Bundeswehr. Dabei nehme ich bewusst Bereiche in den Blick, die in der Berichterstattung meist außen vor bleiben, obwohl sie für das große Ganze unverzichtbar sind. Der ISS Truppenbesuch nimmt die Zuhörer mit zu fundierten Hintergrundgesprächen mit interessanten militärischen Gesprächspartnern, die die Vielschichtigkeit von Streitkräften und die vielen Facetten der Wehrhaftigkeit aufzeigen. Freuen Sie sich auf spannende Einblicke in einen Bereich der Bundeswehr, der kaum im Fokus der öffentlichen Debatte steht, aber für das Funktionieren von Streitkräften essenziell ist.“

Interview mit Generalstabsarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm, Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München

Herzlich willkommen. Mein Name ist Gerlinde Groitl und ich begrüße Sie ganz herzlich zur neuen Podcast Reihe „ISS-Truppenbesuch“. ISS – das ist natürlich nicht die Internationale Raumstation, sondern das ISS ist das Institut für Sicherheit und Strategie in München und der ISS- Truppenbesuch ist eine kleine, feine, abgeschlossene Podcast Reihe, die sich mit Bundeswehr Themen beschäftigt und auf die Bereiche der Bundeswehr schaut, die ansonsten nicht im Mittelpunkt stehen.
Ich bin heute zu Gast beim Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München, Generalstabsarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm. Wir wollen uns heute über den Sanitätsdienst unter-halten und gemeinsam darauf blicken, welche Herausforderungen es für den Sanitätsdienst in der Zeitenwende gibt. Sehr geehrter Herr Gene-ralstabsarzt, vielen Dank, dass Sie Zeit haben. 

Sehr gerne. Freut mich.

Generalstabsarzt Dr. Holtherm, Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr
Generalstabsarzt Dr. Holtherm, Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr
Foto: Bundeswehr / Bernd Andres

Ich starte mal mit einer persönlichen Frage. Was hat Sie denn in den Sanitätsdienst verschlagen? Man könnte doch meinen, wenn man Arzt werden will, dann denkt man nicht zuerst an die Bundeswehr?

Das war auch genauso! Als ich mein Abitur beendete, war mir klar, ich wollte gerne Medizin studieren. Und da ich ein ganz gutes Abitur hatte, hätte ich das auch so machen können. Aber es gab die Wehrpflicht von fünfzehn Monaten. Das heißt, ich musste zur Bundeswehr oder ich hätte Zivildienst machen können. Und das war tatsächlich die entscheidende Frage ganz am Anfang meiner Karriere in der Armee. Ich habe mir überlegt, ob ich Zivildienst leisten soll und im Krankenhaus zu arbeiten, um dann schon Erfahrungen für meinen späteren Beruf zu sammeln. Zu dieser Zeit war die Hochphase des Kalten Krieges. Wir reden über das Jahr 1983 und ich wollte was Sinnvolles tun, damit der Friede in Europa gewahrt bleibt. Und ich habe mir überlegt, tue ich das besser im Zivildienst, im Krankenhaus oder als kleines Rädchen in einer Armee, die der Abschreckung dient? Und ich habe mich für Zweiteres entschieden und bin dann nicht nur fünfzehn Monate, sondern zwei Jahre zur Armee gegangen, um eine Reserveoffizier-Ausbildung machen zu können. Und tatsächlich, in dieser Zeit habe ich gesehen, wie gut es ist, als junger Mensch Verantwortung für Material und Menschen übertragen zu bekommen. Und das konnte ich dann noch verbinden mit meinem Medizinstudium. Den Studienplatz habe ich tatsächlich zur Bundeswehr mitgebracht und bin dann Sanitätsoffizier geworden.

Das war jetzt natürlich schon ein flammendes Plädoyer für die Wehrpflicht, um Talente zu gewinnen. Wir sind hier in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Verraten Sie uns doch bitte mal: Was ist die Sanitätsakademie? Ich bin mir sicher, die meisten Zuhörer kennen Sie nicht. Wie groß ist sie? Was macht man hier tagtäglich? Wie schaut die Arbeit aus?

Ja, sehr gerne. Die Sanitätsakademie ist tatsächlich eine der Traditionsdienststellen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Vor zwei Jahren durften wir schon unser sechzigjähriges Bestehen feiern. Damit sind wir wirklich mit die älteste Institution des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Und wenn jemand die Sanitätsakademie kennt, dann als Offizier-, Unteroffizier- und Feldwebelschule des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Das ist die ursprüngliche Funktion. Also hier werden alle Menschen, die Sanitäter in der Bundeswehr sind, in ihren Laufbahnlehrgängen ausgebildet, aber auch fachlich als Notfallsanitäter, Notärzte usw. Die Sanitätsakademie ist aber weit mehr. Sie ist nicht nur die Ausbildungseinrichtung des Zentralen Sanitätsdienstes, sondern sie war immer schon auch eine akademische Lehreinrichtung im Sinne von Postgraduiertenausbildung und im Sinne von Forschung und Wissenschaft. Das Suffix „Akademie“ verdienen wir nicht durch unsere Laufbahnlehrgänge. Wir sind keine Universität, sondern wir haben hier drei Ressort-Forschungsinstitute des Bundes. Die Institute für den medizinischen ABC Schutz, also für den medizinischen Schutz vor Atomwaffen, Biologischen Waffen und Chemiewaffen, wo hochrangige Forscher tatsächlich an Methoden zur Abwehr vor diesen Gefahren forschen.
Und seit dem 1. April 2025 sind wir zusätzlich noch ein Kommando für Gesundheitsschutz und Gesundheitssicherheit geworden. Als Lehre aus der Corona-Pandemie wurden der Sanitätsakademie alle amtsärztlichen Fähigkeiten, Amtsveterinär- und Amtspharmazeutischen Institute und die Zentralen Institute der Bundeswehr des Sanitätsdienstes unterstellt, die sich mit Food Security, Water Security auch im Rahmen von Landes- und Bündnisverteidigung beschäftigen, so dass wir tatsächlich sicherlich eine der wichtigen Säulen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr sind.

Über Landes- und Bündnisverteidigung werden wir auch noch reden. Ich würde aber gerne zunächst zum Einstieg ein paar Fakten über den Sanitätsdienst von Ihnen er-fragen. Wie viele Menschen dienen im Sanitätsdienst der Bundeswehr? Wie groß ist der Laden, um es mal salopp zu formulieren?

Da gibt es so eine Pi-mal-Daumen Regel. Wenn Sie sich die Bundeswehr anschauen, etwa in den Auslandskontingenten, circa zehn Prozent der Gesamtstärke der Bundeswehr sind immer Sanitätssoldaten. Und so ist es auch mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr. Die Bundeswehr hat jetzt eine ungefähre Stärke von 185.000 Soldaten. Der Sanitätsdienst hat circa 20.000 Soldaten, wobei die Anzahl der Soldatinnen bei uns besonders hoch ist, weil wir natürlich aufgrund der Heilberufe eine besondere Attraktivität auch für Frauen hatten und weiterhin auch haben. Dazu kommen noch einige Tausend zivile Mitarbeiter. Das heißt, das ist schon ein ganz schönes Päckchen, was wir haben.
Der Sanitätsdienst, das ist eine Besonderheit, stellt die gesamte Gesundheitsversorgung aller Soldaten sicher. Wir haben keine Krankenversicherung, brauchen wir auch nicht, weil wir ein eigenes System von der Prävention über die Diagnostik, ambulante und stationäre Therapie bis hin zur Rehabilitation haben. Wir sind ein integriertes Gesundheitssystem, was jetzt auch sehr viel Interesse angesichts der großen Herausforderungen im zivilen Gesundheitswesen bei der zivilen Seite hervorruft, weil wir tatsächlich zum Beispiel das Primärarztsystem schon seit Jahrzehnten praktizieren. Jeder, der bei uns krank ist und einen Arzt aufsuchen muss oder möchte, geht zunächst einmal zu seinem Truppenarzt und wird nur bei Bedarf an fachärztlichen Therapien, sowohl ambulant als auch stationär, überwiesen. Also vielleicht durchaus eine Blaupause für das zivile Gesundheitssystem.

Jetzt haben Sie den Sanitätsdienst natürlich schon als Vorbild beschrieben, selbst für das zivile Leben. Aber man hat den Eindruck in der öffentlichen Debatte, wenn über die Bundeswehr geredet wird, dann sind die Sanis eigentlich völlig außen vor. Man redet über Leopard-Panzer und über Taurus und über alles, was fliegt und fährt und brummt und explodiert. Also zuvorderst über die Waffensysteme. Wie kommt es, dass der Sanitätsdienst, obwohl er doch für jede Streitkraft wirklich ein essentieller Teil ist, so hinten runter fällt und nicht im Blickpunkt der Debatte steht?

Dazu kann ich zwei Dinge sagen. Das eine vielleicht mit einem Schmunzeln. Das mit dem Schmunzeln sage ich, weil wir so gut sind und weil der Nachholbedarf bei uns vielleicht nicht ganz so groß ist wie bei den anderen Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe, Marine oder Cyber. Natürlich haben wir auch einen riesigen Anpassungsbedarf, gerade jetzt, wo wir über neue Herausforderungen auch noch reden werden. Der Grund ist, wir sind ein funktionierendes System. Und ja, wir sind jetzt auch tatsächlich nicht im Fokus, wenn es um das Thema Abschreckung geht. Im Augenblick, bei der Bedrohung, die wir insbesondere durch Russland spüren und der wir auch ausgesetzt sind, ist es wichtig, dass man zunächst mal Waffensysteme kauft, die funktionieren und die schnell, wir reden ja oft über „Fight tonight“, in der Lage sind, auch Abschreckung zu bewirken. Denn bei all dem, was ich jetzt hier sage, ist unser Ziel eine glaubwürdige und wahrhaftige Abschreckungsfähigkeit. Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen. Das ist unser aller Ziel. Und da steht der Sanitätsdienst, was Abschreckungsfähigkeit angeht, leider nicht ganz vorne.

Das hätte mich jetzt auch gewundert. Aber Sie haben natürlich auch eine Rolle, wenn es um die Ukraine-Hilfe geht, und auch darüber werden wir noch sprechen. Sie haben eben gesagt, der Nachholbedarf ist nicht so groß wie in anderen Bereichen der Bundeswehr. Wir haben in den letzten Jahrzehnten, also nehmen wir mal die 1990er bis heute, natürlich auch eine unglaubliche Aufgabenverschiebung der Bundeswehr gesehen. Lange Zeit standen die Auslandseinsätze im Mittelpunkt, und nicht Landes- und Bündnisverteidigung. Können Sie aus dem Blickwinkel des Sanitätsdienstes sagen, was bleibende Erkenntnisse, Lehren aus der Zeit waren und welchen Handlungsbedarf Sie jetzt sehen, um sich auf Landes- und Bündnisverteidigung vorzubereiten.

Ja, das ist eine ganz wichtige und gute Frage. Der Sanitätsdienst hat sich tatsächlich, so wie Sie es ja auch angedeutet haben, in den letzten Jahrzehnten im Rahmen der internationalen Krisenmissionen und Einsätze darauf wirklich fokussiert und spezialisiert. Und zwar in einer Weise, wie ich das gerade schon dargestellt habe, dass wir sicherlich behaupten können, wir sind einer der besten Sanitätsdienste der NATO-Nationen, möglicherweise der Welt.
Uns ist es tatsächlich gelungen, die einsatzmedizinische Versorgung so sicherzustellen, dass wir eine Versorgung unserer Soldaten gewährleisten wollten und auch konnten, die im Ergebnis der Versorgung dem entspricht, als wenn ein Mensch hier in Deutschland verletzt worden wäre. Das heißt, ob ich in Afghanistan angesprengt wurde oder ob ich in Dachau auf einer Kreisstraße einen schweren Autounfall habe, sollte das Ergebnis der endgültigen Versorgung, ob in Afghanistan, in Mali oder im Landkreis Dachau, das gleiche sein. Das hat viele Ressourcen und viel Ausbildung gekostet. Das hat aber auch einen riesigen Qualitätssprung des Sanitätsdienstes nach dem Ende des Kalten Krieges mit sich gebracht. Und das ist das große Thema, was uns jetzt umtreibt. Wie können wir mit dem Qualitätsanspruch, den wir in unseren Auslandseinsätzen erreicht haben, jetzt eine medizinische, sanitätsdienstliche Versorgung auch in Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung sicherstellen, wo wir natürlich mit deutlich höheren Verwundetenzahlen rechnen müssen.

Schauen wir mal konkret auf die aktuelle Lage. Deutschland unterstützt die Ukraine unter anderem mit der Versorgung verwundeter Soldaten in Deutschland, aber eben auch bei der Ausbildung von medizinischen Fachkräften für den Einsatz an der Front in der Ukraine. Also Ukrainer kommen hierher nach Deutschland und werden ausgebildet. Was können Sie uns über diese Unterstützungsmission sagen, die ja im Rahmen von der EU-Mission stattfindet? Wie funktioniert das? Wer kommt da? Wie viele kommen da? Wie läuft die Ausbildung? Und vor allem, was können Sie sagen, weil natürlich nicht alles öffentlich ist.

Das, was ich sagen kann, sage ich gerne. Ich bin als Kommandeur der Sanitätsakademie wirklich stolz auf das, was meine Frauen und Männer hier im Rahmen der Ausbildung unserer ukrainischen Kameraden leisten. Die Sanitätsakademie ist tatsächlich seit Ende 2022 eingebunden in die Ausbildung ukrainischer Sanitäter. Das geht über unterschiedlichste Ebenen. Das beginnt bei der Laien-Ausbildung, wir nennen das Erste-Hilfe-Ausbildung, über Speziallehrgänge, Notfallsanitäter, Combat-Rescue. Das sind nun amerikanische Begriffe bis hin, das ist unser High-Level-Lehrgang, zur Ausbildung von Unfallchirurgen, spezifisch für unfallchirurgische Eingriffe bei Kriegsverletzungen. Das bedeutet ein breites Spektrum an Ausbildung. Die Ukrainer, die hierhin kommen, sind sehr dankbar für diese State-of-the-Art-Ausbildung, die wir ihnen anbieten können.
Im Umkehrschluss sage ich jetzt, wir können sehr dankbar sein als deutscher Sanitätsdienst und als Sanitätsakademie. Wir lernen wiederum sehr viel von der Erfahrung der Ukrainer, die hier zu uns kommen. Die kommen nämlich aus den Schützengräben des Donbass und gehen dorthin zurück. Die Erfahrungen, die sie aus den reellen Szenarien gewonnen haben, haben uns viele Aufschlüsse gegeben über das, wo wir noch Nachholbedarf haben. Thema Drohnen, Thema elektronische Kriegsführung, aber auch „Prolonged Field Care“. Wie versorge ich Patienten, ohne unmittelbare ärztliche oder hochqualitative sanitätsdienstliche Hilfe vor Ort zu haben, über Stunden, teilweise über Tage mit schweren Verletzungen, bevor sie tatsächlich eine hochqualifizierte sanitätsdienstliche Versorgung erhalten? Es ist also eine wirkliche Symbiose. Wir bilden sie in State-of-the-Art-Algorith-men der Notfallmedizin aus, im Wesentlichen aber auch in der psychischen Resilienz, und erhalten dafür Informationen aus erster Hand aus den Kriegsszenarien der Ukraine.

Verwundetentransport während der Informationslehrübung (ILÜ) 2025.
Verwundetentransport während der Informationslehrübung (ILÜ) 2025.
Foto: CPM

Ich würde gerne noch ein bisschen bei dem Thema bleiben. Was sind die Erkenntnisse, die man so mitnehmen kann und welche Lehren zieht man aus der Ukraine? Es gab beim Bundeswehrverband einen Bericht über die Lehren des Sanitätsdienstes und da wurde zum Beispiel berichtet, dass unsere Planungen über die Art und Weise, wie man Verwundete vom Schlachtfeld transportiert in den rückwärtigen Raum, dass die nicht deckungsgleich sind mit den Erfahrungen aus der Ukraine. Dass man weniger über den Lufttransport gehen kann und sehr viel mehr über den Landtransport. Unsere Annahme ist bisher ein Drittel Luft-, zwei Drittel Landweg. Vielleicht können Sie da noch ein paar Gedanken dazu anschließen. Was nimmt man konkret an Reformvorhaben mit? 

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir überarbeiten gerade tatsächlich komplett unsere Einsatzgrundsätze, nach denen wir in den jahrzehntelangen internationalen Krisenmissionen gehandelt haben. In den Krisenmissionen war es tatsächlich so, dass fast mit jeder Patrouille, die zum Beispiel in Afghanistan rausging, ein beweglicher Arzttrupp mit dabei war. Das heißt, ein in Notfallmedizin erfahrener Arzt war immer vorne mit dabei bei dieser Patrouille. Wir sehen jetzt aber, aufgrund des Drohnenkrieges in der Ukraine, dass es eine sogenannte Kill-Zone gibt, die vom unmittelbaren Rand der Verteidigung, das sage ich jetzt mal in der alten Terminologie, zwanzig, teilweise vierzig Kilometer umfasst, wo jede Bewegung aufgeklärt wird und man unmittelbar bedroht ist, von einer Drohne dann auch angegriffen zu werden.
Das heißt, natürlich müssen wir ganz andere Konzepte entwickeln, als uns überirdisch mit Luftfahrzeugen, Rettungshubschraubern, aber auch mit landgebundenen Transportmitteln zu bewegen. Wir müssen darüber reden, dass wir mögliche Transportoperationen in die Nacht verlagern, dass relativ viele Dinge unterirdisch passieren und dass wir solche Feldlazarette, wie wir sie zum Beispiel in Afghanistan, im ehemaligen Jugoslawien, aber auch in Mali betrieben haben, in dieser Art und Weise in solchen Szenarien nicht werden betreiben können, weil die sofort von feindlichen Drohnen oder Artillerie aufgeklärt werden.
Dann haben wir leider auch feststellen müssen, dass die Genfer Konvention, der Schutz durch das Rote Kreuz, eine Illusion ist, die eben nicht mehr beachtet wird. Im Gegenteil, es werden gezielt Sanitätseinrichtungen angegriffen, Sanitätsfahrzeuge angegriffen, weil man natürlich weiß, dass man dadurch die Kampfmoral des Gegners des Feindes schwächen kann. Wenn ein Soldat weiß, ich habe keinen, der mich versorgen kann, wenn ich verletzt bin, dann führt das nicht dazu, dass er mutig und tapfer in den Kampf geht.

Das ist natürlich auch das Problem, dass bei einer Verwundung, so habe ich es gelesen, zunächst mal die ersten zehn Minuten ganz entscheidend sind. Und dann die ersten Stunden, bis man verlegt wird und bessere medizinische Versorgung erhält. Hilft der technische Fortschritt, zumindest einiges wieder auszugleichen? Sie haben jetzt die Technik beschrieben als etwas, was die Arbeit erschwert. Es gibt eine Todeszone, man kann sich nicht frei bewegen, alles wird sofort aufgeklärt. Aber wie wird die Technik eigentlich genutzt, um die Überlebenschancen zu verbessern? Es gibt ja mittlerweile auch Drohnen, die Verwundete transportieren können.

Ja, das ist ein tolles Beispiel, weil an der Entwicklung dieser Drohne auch die Sanitätsakademie beteiligt ist. Eines dieser Drohnenmodelle ist die sogenannte „Grille“, die mit einem Fonds der EDA, der European Defence Agency, unterstützt wird. Auch ist die SanAk hier in München in einem Forschungskonsortium unter anderem mit der LMU und der TU dabei, tatsächlich unbemannte Rettungsmittel zu entwickeln. Und die Drohne fliegt bereits. Sie fliegt noch nicht mit Patienten, das hängt an Zulassungsbedingungen, aber diese Entwicklung hin zu neuen Technologien unbemannter Rettungsmittel ist massiv befördert worden durch den Ukrainekrieg. Ansonsten ist das, was Sie sagen, die unmittelbar notwendige Intervention in den ersten zehn Minuten, enorm wichtig.
Die Haupttodesursache von verwundeten Soldaten ist Verbluten. Der Tourniquet, den Sie kennen, ist tatsächlich durch die Bundeswehr auch aus Erfahrungen in Afghanistan entwickelt worden und hat wieder seinen Weg in die zivile medizinische Versorgung in Deutschland gefunden. Lange Zeit profitierten wir von den Entwicklungen im zivilen Bereich. Früher war es so, dass viele Entwicklungen in der Medizin, in der Luftfahrt aus dem Militär kamen. In den letzten Jahrzehnten war es glücklicherweise so, dass die maßgeblichen Entwicklungen im zivilen Bereich entstanden und dann vom Militär genutzt wurden. Aber der Tourniquet zum Beispiel ist ein gutes Beispiel dafür, wie notfallmedizinische Rettungsmittel oder Hilfsmittel entwickelt wurden, die ganz konkret Menschenleben retten in den ersten zehn Minuten. Dadurch, dass sie Blutungen stillen, das Algorithmen basierte Rettungsmedizin wieder deutlich mehr in den Vordergrund gerückt ist, um sicherzustellen, dass die Patienten die ersten Minuten, Stunden, möglicherweise Tage überleben.

Gott sei Dank. Insofern kann man nur hoffen, dass der Fortschritt natürlich auch weitergeht und dann schnell in die Praxis kommt. Ich würde gerne mit Blick auf die Ukraine noch ein Thema ansprechen, das nicht so oft im Fokus ist, aber vielleicht auch ganz interessant ist. Wie schaut es denn aus mit chemischen, nuklearen Gefahren in der Ukraine? Die sind ja auch nicht ganz unwichtig. Mit der ABC-Abwehr, auch den Folgen von Kontamination und ähnlichem beschäftigen Sie sich hier an der Sanitätsakademie. Was ist zu lernen?

Ja, lernen, vor allen Dingen aber auch ernsthaft fürchten. Wir wissen alle, und das sind die Zahlen, die uns geliefert werden, dass Russland eine riesige Atommacht ist. Ich glaube, die Russen verfügen sogar über mehr Nuklearsprengköpfe als die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir wissen, dass die Russen an aktiven Biowaffenprogrammen arbeiten. Wir wissen, dass die Russen an aktiven Chemiewaffenentwicklungen arbeiten. Wir wissen, dass in der Ukraine Gas eingesetzt wird. Ich sage jetzt nicht Giftgas oder Kampfgas. Es wird aber CS-Gas eingesetzt, das ist nachgewiesen. Und wenn das CS-Gas dazu eingesetzt wird, damit Soldaten aus Schützengräben fliehen müssen, weil sie nicht atmen können, weil die Atemwege gereizt sind, um dann erschossen zu werden, gilt das als Kriegseinsatz von Gas. Das passiert tatsächlich so schon in der Ukraine. Glücklicherweise sind klassische Giftgasangriffe mit Senfgas oder Chlorgas oder anderen toxischen Substanzen und auch biologische Angriffe so noch nicht offensichtlich geworden. Aber wir wissen, dass der Feind, in diesem Fall Russland, über dieses Potenzial verfügt, und forschen deshalb sehr eng an medizinischen Möglichkeiten, wie wir dort helfen können.

Worüber wir aber unbedingt noch sprechen sollten, ist die Zeitenwende in der deutschen Politik, die uns ja seit Jahren begleitet. Ich würde zuerst gerne auf das Stichwort„Drehscheibe Deutschland“ zu sprechen kommen. Wir müssen damit rechnen, sollte es zu einem Bündnisfall kommen, dass dann Deutschland nicht nur zur Drehscheibe für den Transport von Mann und Material Richtung Osten wird, sondern auch zur Patientenversorgung. Man geht von Szenarien von bis zu 1.000 Patienten pro Tag aus, die nach Deutschland kommen würden. Das klingt doch als nicht zu bewältigen.

Das klingt so, ist aber glücklicherweise nicht so! Tatsächlich haben wir in Deutschland ein sehr differenziertes ziviles Gesundheitssystem. Wenn Sie sagen, 1.000 Verwundete pro Tag sind von den Bundeswehrkrankenhäusern und von den militärischen Sanitätseinrichtungen nicht zu bewältigen, dann ist das einhundertprozentig so! Wir sind also im Falle so eines Szenars, wo eine hohe Anzahl von Verletzten und Verwundeten nach Deutschland und über Deutschland zurücktransportiert würde, massiv auf das zivile Gesundheitssystem angewiesen. Dahin gehen auch unsere Konzepte. Wir sind in sehr engem Austausch mit den Gesundheitsministerien der Länder, mit den Wissenschaftsministerien der Länder, denen oftmals die Universitätskliniken unterstehen, mit den Berufsgenossenschaftlichen Kliniken, so dass wir bei einer Bettenanzahl in Deutschland von immer noch über 400.000 Krankenhausbetten 1.000 Patienten am Tag gut versorgen können. Wir gehen davon aus, dass wir aufgrund dieser ca. 1.000 Patienten am Tag in den heißen Kampfphasen eine zusätzliche Bettenanzahl von ca. 15.000 unfallchirurgischen Betten benötigen. Wir haben diese Konzepte in Seminaren mit der zivilen Seite geteilt und wir werden im März eine spezifisch medizinische Übung durchführen, die„Medic Quadriga“, die sowohl in Litauen spielt, also sehr realitätsnah, als auch einen Transport nach Deutschland beübt. In Berlin wird es dann eine Verteilung aus einem Hub geben, wo die Patienten angelandet werden, zu Luft, zu Land und zur See, um dann auf zivile Kliniken verteilt zu werden. Wir sind da in sehr konkreten Vorbereitungen, um das Defizit, was wir haben, auszugleichen. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, Ge-samtverteidigung ist zivile Verteidigung und militärische Verteidigung. Die militärische Verteidigung steht in unserem Lastenheft. Das ist unsere Aufgabe und wir sind jetzt finanziell und auch seitens der Weisungslage unseres Ministers darauf vorbereitet und auch willens, das anzugehen, und wir sind mittendrin. Im Rahmen der Zi-vilverteidigung sind viele Anstrengungen nötig, um eine Situation zu haben, dass wir resilienter werden in diesem Bereich. Das gilt nicht nur für den Krankenhaussektor.

Und was passiert momentan insgesamt noch so, um sich auf dieses Szenario Landesverteidigung – Bündnisverteidigung vorzubereiten? Sie haben jetzt schon über Pläne gesprochen. Sind Übungen das Hauptsächliche, was man im Sanitätsdienst derzeit macht? Also insbesondere Übungen planen und durchführen?

Übung ist der neue Einsatz. Auch ein schöner Begriff, der nicht von mir stammt. Ich glaube auch unser Bundesminister Pistorius hat den mal gesagt. Und das ist tatsächlich so. Unsere Auslandseinsätze sind ja, was die Anzahl der im Auslandseinsatz befindlichen Soldaten angeht, massiv heruntergefahren worden, auch durch die Beendigung des Afghanistaneinsatzes und des Einsatzes in Mali, die unsere größten Krisenmissionen noch waren. Wir konzentrieren uns jetzt sehr auf den Aufbau der Brigade in Litauen, was ein ganz wichtiger sicherheitspolitischer Anker ist. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wird ein Großverband des deutschen Heeres langfristig in einem Partnerland der NATO und in diesem Fall an der Grenze unseres Bündnisgebietes, an der Ostflanke der NATO aufgestellt. Das ist tatsächlich ein Meilenstein, der auch unsere Kräfte sanitätsdienstlich fordert, unsere Planungen, und tatsächlich die Beteiligung des Sanitätsdienstes an Übungen und die eigene Durchführung dieser Übung, die ich angesprochen habe, die im März stattfinden wird.
Das alles läuft parallel zu der Neuentwicklung und Neuausstattung von Material, wo wir ebenfalls umdenken müssen. Ich sprach davon, dass die containerbasierten Einsatzlazarette und Einsatzrettungsstationen den Bedürfnissen eines Szenarios wie in der Ukraine nicht mehr gerecht werden. Das heißt, auch hier müssen wir neues Material beschaffen, müssen wir wieder mehr in schon vorhandener fester Infrastruktur planen, sodass wir in Gebäuden unterziehen können und dort Not-OPs einrichten, oder aber zeltbasiert, weil die schnell verlegfähig sind. Es gibt einiges zu tun.

Gibt es eigentlich genügend Equipment, um diese Transporte durchzuführen? Also Krankentransport auf der Schiene oder mit Bussen?

Die Bedarfe von uns sind klar. Wir haben Nato-Szenarien. Es gibt sogenannte„Casualty Rate Estimates“, das heißt Berechnungen, die auf realen Zahlen beruhen, die die NATO erstellt und die dann weitergegeben werden an die Bündnispartner, so dass man ungefähr weiß, worauf man sich einzustellen hat und was man sicherstellen muss. Das heißt, wir sind mit der Deutschen Bahn auch hier im Gespräch über Krankentransportzüge. Wir machen uns Gedanken über Großraumrettungsfahrzeuge. Wir machen uns Gedanken über Schiffe, die über die Ostsee Patienten verlegen können, die dann per Seetransport angelandet werden. Und nach wie vor reden wir über den klassischen Landverwundetentransport, den wir mit geschützten Fahrzeugen sicherstellen können müssen. Drohnen hatte ich schon angedeutet, aber eben auch Lufttransport von sicheren Flughäfen, dann über Deutschland. Sie haben das Wort „Drehscheibe Deutschland“ schon angesprochen, möglicherweise dann noch weiter in die Heimatländer.
Für den militärischen Transport, der notwendig ist, sind wir dabei in dem Sinne, wie ich es gerade gesagt habe, unsere Kapazitäten zu erhöhen und sicherzustellen. Aber auch hier gilt: In Deutschland, wenn wir dann aus diesen Hubs, wo die Patienten ankommen, die Patienten in die zivilen Krankenhäuser verlegen, werden wir auch auf zivilen Krankentransport angewiesen sein.

Ich würde sagen, die Operation Podcast, die war kurz und schmerzlos und erfolgreich noch dazu. Zum Schluss würde ich Sie gerne fragen, welche Vorsätze haben Sie als Kommandeur der Sanitätsakademie? Wir stehen ja noch am Anfang des neuen Jahres.

Mein größter Wunsch ist natürlich, dass wir weiterhin in Frieden und Freiheit in Deutschland leben können und dass alle unsere Anstrengungen, die wir jetzt unternehmen, um die Bundeswehr wieder verteidigungsfähig und abschreckungsfähig zu machen, erfolgreich sind. Ich glaube, wir brauchen in Deutschland eine verteidigungsbereite, eine bündnisfähige, eine abschreckungsfähige Armee. Und da hoffe ich, dass wir in diesem Jahr weitere Schritte nach vorne machen können.

Generalstabsarzt Dr. Holtherm, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Ich danke Ihnen, Frau Professor Groitl.

Den ausführlichen Podcast können Sie hier anhören:
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