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Leben oder Tod

Golden Hour auf dem Prüfstand

Jacob Frank Stössel, Sabine Schlegelmilch

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine zeigt deutlich, dass Russland auch massiv durch moralische Kriegsführung wirkt. Schutzzeichen wie das Rote Kreuz werden nicht mehr beachtet. Sanitätseinrichtungen und -fahrzeuge werden gezielt angegriffen, sodass verwundete Soldatinnen und Soldaten oft erst nach Tagen von der Front weiter transportiert werden können. Die Frage nach Leben oder Tod im Fall einer Verwundung beschäftigt erneut die Spitzen des Sanitätsdienstes.

Leben oder Tod: Der Transport Verwundeter von der Front in die Sanitätseinrichtung gestaltet sich aufgrund der zunehmenden Gefahr durch Drohnen immer schwieriger.
Der Transport Verwundeter von der Front in die Sanitätseinrichtung gestaltet sich aufgrund der zunehmenden Gefahr durch Drohnen immer schwieriger.
Foto: Bundeswehr / Patrick Grüterich

Das Thema Golden Hour beschäftigt den Sanitätsdienst der Bundeswehr seit mindestens 20 Jahren. Die Medizinische Versorgung im Krieg ist auf die Besonderheiten militärischer Szenarien fokussiert, die immer andere Rahmenbedingungen als im Frieden haben. Im Frieden können trotzdem Naturkatastrophen oder Unfälle passieren, die katastrophenmedizinische Notwendigkeiten erfordern. Die Militärmedizin ist daher stets auch Teil der Katastrophenmedizin.

„Der Anschlag auf den Breitscheidplatz hat ganz deutlich gezeigt, dass wir auch im tiefsten Frieden in der Lage sein müssen, über große Unfälle oder Naturkatastrophen hinaus medizinische Versorgungsmaßnahmen anzuwenden, um möglichst vielen Menschen ein Überleben mit dem höchsten Maß an Rehabilitationsfähigkeit zu ermöglichen“, erklärt der Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus. Und das müsse auch auf dem militärischen Schlachtfeld gelten.

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Golden Hour basiert auf Physiologie

Die Golden Hour ist letzten Endes nichts anderes als ein Versorgungsprinzip. Es beschreibt, welche physiologischen Prozesse nach Schädigungen des biologischen Systems, also des menschlichen Körpers, in definierten Zeitabständen ablaufen. Werden in diesen Zeitfenstern keine medizinischen Gegenmaßnahmen eingeleitet, entwickeln sich irreversible pathophysiologische Zustände.

Diese führen im schlechtesten Fall zum Tod, selbst wenn die Patientin oder der Patient noch lebend in eine Versorgungseinrichtung gebracht werden kann. Insofern stellt sich bei der Golden Hour immer die Frage, ob die erforderlichen Rahmenbedingungen gegeben sind, um eine verwundete Person in kürzester Zeit in eine geeignete Versorgungseinrichtung bringen zu können.

Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus ist der Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in Koblenz.
Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus ist der Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in Koblenz.
Foto: Bundeswehr / Helmut von Scheven

Die bestmögliche Versorgung erfolgt in der Regel in Kliniken, da diese über die umfassendsten medizinischen Behandlungsmöglichkeiten verfügen. Patienten mit einem Herzinfarkt werden genauso vor Ort durch den Notarzt transportfähig gemacht wie Beteiligte eines Verkehrsunfalls. Alle werden in die Klinik transportiert. In der Militärmedizin ist das grundlegend nicht anders.

Leben oder Tod – Rahmenbedingungen sind entscheidend

„Das Arbeitsumfeld des Soldaten ist das Schlachtfeld“, weiß Dr. Johannes Backus. Wenn es dort zu einer körperlichen Schädigung kommt, stelle sich die Frage nach den Möglichkeiten, mit denen der Verwundete für den Transport in die Klinik stabilisiert werden könne, erklärt der Mediziner. Das ist im Krieg nicht immer möglich. Die Golden Hour ist ein Versorgungsprinzip.

Wenn die Rahmenparameter wie Luftüberlegenheit, Kampfüberlegenheit, Ressourcenüberlegenheit stimmen, kann die Golden Hour angewendet werden. Wenn die Rahmenbedingungen nicht gegeben sind, müssen zwangsläufig andere Versorgungsprinzipien angewendet werden. Alle Versorgungsprinzipien haben aber grundsätzlich das Ziel, den Patienten zu stabilisieren.

Taktische Verwundetenversorgung im Fokus

In der taktischen Verwundetenversorgung zeigen die Erfahrungen aus der Ukraine, dass es immer abzuwägen gilt, wie die Versorgung unter verschiedenen taktischen Voraussetzungen zu leisten ist. Diese Abwägungen verfolgen das Ziel, ein bestmögliches Überleben mit möglichst geringen körperlichen Schäden herbeizuführen.

Die Militärmediziner beraten die militärische Führung im Sinne militärmedizinischer Auswirkungen von taktischen Entscheidungen. „Letzten Endes ist das auch immer eine Abwägung, was höher zu bewerten ist“, erklärt der Generalstabsarzt.

Wenn also die Rahmenbedingungen keine idealtypische Rettungskette mit Luftrettungsmitteln und dicht gestaffelten Versorgungseinrichtungen zulassen, bleibt es weiterhin das Ziel, eine möglichst stabile Rettungskette am Boden mit dem bestmöglichen Versorgungsnutzen in der Region aufzubauen. Ein kriegerisches Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung würde dabei unweigerlich höhere Ausfallraten zur Folge haben als die Einsätze zur Friedenssicherung wie in Afghanistan, Mali oder dem Kosovo, sagt Dr. Backus.

Moralische Kriegsführung in der Ukraine

Die Lage in der Ukraine ist derzeit dadurch geprägt, dass der Einsatz von Rettungsmitteln infolge von Drohneneinsätzen und der Luftüberlegenheit der russischen Armee deutlich erschwert ist. Das besonders perfide ist, dass auch moralische Kriegsführung als Wirkmittel eingesetzt wird.

Die russischen Streitkräfte gehen explizit gegen Versorgungseinrichtungen vor, egal ob diese zivil oder militärisch genutzt werden. Sie beschießen Krankenhäuser und Sanitätseinrichtungen, schicken gezielt Drohnen gegen Versorgungseinrichtungen und Sanitätsfahrzeuge. Im ersten Schritt haben die Ukrainer begonnen, zu verschleiern. 

Die Integration der modularen Sanitätseinrichtungen in vorhandene feste Infrastrukturen wie Hallen oder auch Keller ist ein Schritt um der Gefahr aus der Luft entgegen zu wirken / Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/176538 / Die Verwendung dieses Bildes für redaktionelle Zwecke ist unter Beachtung aller mitgeteilten Nutzungsbedingungen zulässig und dann auch honorarfrei. Veröffentlichung ausschließlich mit Bildrechte-Hinweis.
Die Integration der modularen Sanitätseinrichtungen in vorhandene feste Infrastrukturen wie Hallen oder auch Keller ist ein Schritt um der Gefahr aus der Luft entgegen zu wirken.
Foto: Bundeswehr / Mathias Erdmann

Es ist nicht mehr erkennbar, ob es sich um ein Sanitätsfahrzeug oder eine Sanitätseinrichtung handelt. Im zweiten Schritt wurden Behandlungseinrichtungen in fester Infrastruktur und möglichst unterirdisch eingerichtet. Im dritten Schritt wurden die Patiententransporte nur noch bei Dunkelheit durchgeführt. Das bedeutet, dass man die Golden Hour nicht in jedem Fall anwenden kann, weil sie von bestimmten Rahmenbedingungen abhängig ist.

„Qualifiziertes medizinisches Personal muss also nach vorn an die Front gebracht werden, um die ‚Prolonged Field Care‘, also die verlängerte Pflege im Feld, bis zu dem Zeitpunkt gewährleisten zu können, an dem ein Verwundetentransport möglich ist“, erklärt Generalstabsarzt Dr. Backus. Aber auch die Prolonged Field Care ist nur ein Versorgungsprinzip und abhängig von bestimmten Rahmenbedingungen. Letztendlich kommt es darauf an, flexibel handeln zu können. Und das ist immer auch eine Ressourcenfrage.

Versorgung mit Blutprodukten

Eine große Erkenntnis aus den Kriegen in der Ukraine und in Gaza ist, dass die Versorgung an der Front mit Blut und Blutprodukten entscheidend für das Überleben von verwundeten Soldatinnen und Soldaten ist. Bei Verwundungen mit hohem Blutverlust ist es enorm wichtig, einen Volumenmangelschock zu vermeiden.

Allerdings unterliegen Blut und Blutprodukte strengen Vorgaben was Transport und Lagerung betrifft. Daher gehen die Überlegungen wieder in Richtung Vollbluttransfusion. „Vollblutapplikation rettet im Krieg maßgeblich Leben!“, ist Dr. Backus überzeugt.

Das sei ein „Gamechanger“ zur Verbesserung des Überlebens auf dem Schlachtfeld nach einer potenziell lebensbedrohlichen Verletzung, weiß der Generalstabsarzt. Um sowohl Blutprodukte, als auch notwendiges Sanitätsmaterial auf das Schlachtfeld zu bringen, arbeitet der Sanitätsdienst seit zwei Jahren an verschiedenen Lösungen. Eine davon ist der Transport per Flugdrohne, sowohl von Material an die Front, aber auch von Verwundeten von der Front.

Quelle: PIZ Unterstützung

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