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Der Arbeitskreis „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“ in der DGWMP e.V

Geschichte bewahren, Ethik diskutieren, Zukunft gestalten: Der Arbeitskreis „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“ ist seit 1967 ein Forum für Forschung, Austausch und kritische Reflexion innerhalb der Wehrmedizin. Der Beitrag beleuchtet seine Entstehung, seine Aufgaben und die Rolle historischer wie ethischer Fragestellungen für das berufliche Selbstverständnis des Sanitätsdienstes.

Bild aus einem Vortrag von A. Müllerschön und R. Vollmuth, Koblenz 2021.
Bild aus einem Vortrag von A. Müllerschön und R. Vollmuth, Koblenz 2021.
Foto: wikimedia commons

„Pueri enim sumus in collo gigantis: quia videre possumus quic quid gigas videt, & aliquantum plus“ („Wir sind wie Zwerge auf den Schultern eines Riesen, und so können wir alles sehen, was der Riese sieht, und ein klein wenig mehr.“) Diese Metapher wird dem mittelalterlichen Philosophen Bernhard von Chartres (frühes 12. Jahrhundert) zugeschrieben und ist hier der „Chirurgia magna“ (der „Großen Chirurgie“) des spätmittelalterlichen Chirurgen Guy de Chauliac (* um 1298, † 1368) entlehnt.

Er war einer der bedeutendsten Chirurgen seiner Zeit und seine wirkungsmächtigen Werke mit ihren landessprachigen Übersetzungen spielten in der chirurgischen Literatur bis ins 17. Jahrhundert eine dominierende Rolle. Und wenn man den Sinn und Zweck historischer Forschung und Wissensvermittlung auf einen kurzen Nenner bringen möchte, trifft dieses Bild den Kern der Sache sehr gut.

Historisches Wissen gibt uns den Hintergrund und eine Plattform (also gewissermaßen die Schultern des Riesen), um Entwicklungen und Zusammenhänge in Geschichte und Gegenwart zu verstehen, Schlüsse für die Zukunft und deren Gestaltung zu ziehen sowie auf dem Boden historischer Fakten und Zusammenhänge zu definieren, was wir für uns als traditionsbegründend anerkennen.

Die Geschichte und Zielsetzungen des Arbeitskreises

Der Arbeitskreis „Geschichte der Wehrmedizin“ wurde 1967 von einigen interessierten aktiven und ehemaligen Sanitätsoffizieren mit Oberstabsarzt d. R. Dr. Joachim Heinrich Balde an der Spitze in der 1954 als „Vereinigung ehemaliger Sanitätsoffiziere (VeSO)“ gegründeten und 1957 umbenannten „Vereinigung deutscher Sanitätsoffiziere (VdSO)“ ins Leben gerufen.

Er bildete den ersten Arbeitskreis in der Gesellschaft, dem weitere folgen sollten – 1968 zunächst der Arbeitskreis „Zahnärzte“ und 1969 der Arbeitskreis „Apotheker“, um nur wenige Beispiele aus der Anfangszeit zu nennen. Die Arbeitskreisgründungen waren Ausdruck eines neuen Verständnisses, das alle in der Gesellschaft etablierten Fachdisziplinen und Approbationen integrierte und auch die wissenschaftliche Orientierung der Vereinigung stärker in den Vordergrund rückte.

Diese Neuausrichtung von einer Ehemaligen-Vereinigung beziehungsweise einem Interessenverband hin zu einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft fand im November 1968 ihren Niederschlag in der Änderung des Namens in „Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie – Vereinigung deutscher Sanitätsoffiziere e.V. (VdSO)“.

Im Jahre 1973 erfolgte schließlich eine erneute Namensänderung in „Deutsche Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie (DGWMP) – Vereinigung deutscher Sanitätsoffiziere e.V. (VdSO)“.

Der Namensteil „Vereinigung deutscher Sanitätsoffiziere e.V. (VdSO)“ wurde schließlich mit Beschluss der Hauptversammlung vom Oktober 2018 in Würzburg gestrichen: Hieraus resultierte die heutige Bezeichnung „Deutsche Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie (DGWMP) e.V.“ – für eine Fachgesellschaft, die nicht nur Sanitätsoffizieren der verschiedenen Approbationen, sondern auch den Angehörigen weiterer Laufbahn- und Tätigkeitsgruppen eine Heimat gibt.

Eines der wesentlichen ursprünglichen Ziele des Arbeitskreises „Geschichte der Wehrmedizin“ – dies zeigen auch die Berichte aus den ersten Jahren des Bestehens des AK in den publizistischen Organen der VdSO – bestand darin, Quellen, Zeitzeugenberichte und anderes Material zur Wehrmedizin zu sammeln, um in Zusammenarbeit mit dem gleichnamigen Arbeitskreis der renommierten „Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e.V.“ einen Sanitätsbericht für den Zweiten Weltkrieg zu erarbeiten.

Zwar konnte dieses ambitionierte Ziel, wie sich bereits nach wenigen Jahren herausstellte, nicht verwirklicht werden. Dennoch entwickelte sich der Arbeitskreis in den folgenden Jahrzehnten zu einem – über lange Zeit dem einzigen – Forum militärmedizingeschichtlicher Forschung und vor allem der Wissensvermittlung, des Austauschs und der Diskussion mit historisch Interessierten und Zeitzeugen.

Erweiterung zum Arbeitskreis „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte neben der Medizingeschichte auch die Ethik der Medizin als eigen-ständiges Fach einen bedeutenden Aufschwung, der sich Anfang der 2000er Jahre in der Etablierung des universitären Querschnittsfaches Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (GTE) niederschlug. Dieser Entwicklung trug auch unser Arbeitskreis Rechnung und im Jahr 2010 erfolgte auf Initiative des damaligen Vorsitzenden Prof. Dr. Wolfgang G. Locher die thematische Erweiterung zum Arbeitskreis „Geschichte und Ethik der Wehrmedizin“.

Unser Bestreben ist es, durch die beiden eng verwandten Disziplinen synergetisch einen Beitrag zu leisten, sowohl auf historische als auch auf aktuelle Probleme und Fragestellungen im sanitätsdienstlich-wehrmedizinischen Bereich Antworten geben zu können und das berufliche Selbstverständnis zu definieren.

Die Organisationsform des Arbeitskreises und die Inhalte der AK-Sitzungen

Die Sitzungen des Arbeitskreises finden alljährlich im Rahmen des Jahreskongresses der „Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e.V.“ statt. Neben aktuellen Berichten umfasst das Programm fachliche Vorträge aus unterschiedlichen Bereichen der Geschichte und Ethik der Medizin.

Eine feste, institutionalisierte Mitgliedschaft im Arbeitskreis ist nicht vor-gesehen, sondern das Programm und auch die Mitwirkung als Referent stehen allen Mitgliedern der DGWMP beziehungsweise Kongressteilnehmern offen.

Der Kreis unserer Referenten ist vielfältig und umfasst sowohl professionelle Medizin- und Militärhistoriker sowie Vertreter anderer, verwandter Fachdisziplinen als auch Promovenden, meist aus dem Kreis der Sanitätsoffizieranwärter, und versierte Hobbyforscher aus allen Approbationen, Tätigkeits- und Laufbahngruppen.

Geschichtsschreibung umfasst auch die jüngste Vergangenheit: Das Bild aus einem Vortrag von V. Hartmann (Warnemünde 2020) zeigt die Übergabe von Hilfsgütern vom Einsatzgruppenversorger „Berlin“ auf einen Bundeswehr-Lkw vor Banda Aceh.
Geschichtsschreibung umfasst auch die jüngste Vergangenheit: Das Bild aus einem Vortrag von V. Hartmann (Warnemünde 2020) zeigt die Übergabe von Hilfsgütern vom Einsatzgruppenversorger „Berlin“ auf einen Bundeswehr-Lkw vor Banda Aceh.
Foto: Bundeswehr / Dr. Volker Hartmann

Thematisch und inhaltlich wie auch im Hinblick auf den Berichtszeitraum sind die Veranstaltungen und Vorträge im Rahmen der Arbeitskreis-Sitzungen weit gefächert.

So reicht das Spektrum von biografischen Studien und Darstellungen von vielen für die Militärmedizin wichtigen Protagonisten und deren Arbeitsgebieten und Verdiensten (etwa dem Kriegschirurgen und Schriftsteller Curt Emmrich alias Peter Bamm, dem Röntgenpionier Walther Stechow, den Mikrobiologen Robert Koch und Louis Pasteur und anderen), über institutionsgeschichtliche Beiträge beispielsweise aus den Bereichen der militärärztlichen Ausbildung und des Lazarettwesens, bis hin zu Betrachtungen über die Militärmedizin und den Sanitätsdienst in verschiedenen Kriegen, unterschiedliche Aspekte des Marinesanitätswesens und anderes mehr.

Schwerpunkt ist dabei die deutsche Militärmedizingeschichte; verwandte Themen aus dem europäischen Raum oder aus Übersee finden ebenfalls ihren Platz.

Zeitlich bewegen sich die Vorträge von den Anfängen der sanitätsdienstlichen Versorgung, über die Zeit der Aufklärung mit ihren wichtigen Impulsen und selbstverständlich über das Zeitalter der Weltkriege, bis hin zur Geschichte des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in der jüngsten Vergangenheit.

Wenngleich in den historischen Vorträgen (das heißt an konkreten Beispielen) vielfach ethische Fragestellungen angeschnitten und vertieft werden, streben wir für die nächsten Jahre an, den Bereich Ethik auch durch einschlägige Beiträge deutlich zu stärken.
Fragen und Anregungen sowie Vortragsanmeldungen für die Sitzungen des Arbeitskreises richten Sie bitte an den Arbeitskreisvorsitzenden.

Verfasser
Oberstarzt Prof. Dr. med. dent. Ralf Vollmuth
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Zeppelinstraße 127/128
14471 Potsdam

 

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