Wundinfektion – NATO fördert Artilysin-Technologie

A. Follmann, A. Müller, Constantin Halim, Lukas Ullmann

Wundinfektionen sind im Ukraine-Krieg wieder zu einem der gravierendsten medizinischen Probleme für Streitkräfte geworden. Aufgrund des bekannten Problems resistenter Keime versagen zunehmend auch klassische Antibiotika. NATOs Innovationsprogramm DIANA hat das Liechtensteiner Unternehmen Lysando mit seiner Artilysin-Technologie in seine Fördergruppe aufgenommen.

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So stellt sich Lysando die Applikation der Artilysin-Technologie vor: als Spray.
So stellt sich Lysando die Applikation der Artilysin-Technologie vor: als Spray.
Grafik: Lysando

Wenn eine Wunde im Gefecht nicht sofort und vollständig behandelt werden kann, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Pathogene Bakterien besiedeln das Gewebe, bilden Biofilme und können im schlimmsten Fall resistent gegen klassische Antibiotika sein. Besonders der aus dem Irak-Krieg bekannte Erreger Acinetobacter baumannii gilt heute als nahezu unbehandelbar mit Standardmitteln.

Die bisherige Antwort der Militärmedizin war konsequente Wundsterilisation, also das vollständige Abtöten aller Bakterien im Wundbereich. Das Problem dabei: Die Haut des Menschen lebt in Symbiose mit zahlreichen bakteriellen Spezies, die schützende Funktionen übernehmen und das Wachstum gefährlicher Keime aktiv unterdrücken.

Wer alle Bakterien abtötet, zerstört auch diesen natürlichen Schutzwall. In der Folge schließen sich Wunden nicht; Amputationen werden wahrscheinlicher.

Artilysin – Eine mögliche Lösung

Genau hier will die Artilysin-Technologie von Lysando ansetzen. Artilysine sind designte antimikrobielle Enzyme, die gezielt zwischen pathogenen und symbiotischen Bakterien unterscheiden – eine Art biologische Freund-Feind-Kennung. Anstatt die Wunde zu sterilisieren, eliminieren sie selektiv schädliche Erreger, während die schützende Mikrobiota der Haut erhalten bleibt.

Ursprung ist ein Ansatz zur Bekämpfung von Bakterien, der beispielsweise in Georgien und Polen Tradition hat: Bakteriophagen (Viren) nisten sich in für sie passende Bakterien ein und zerstören diese mittels der angesprochenen Enzyme von innen. Die Forschung hat mittlerweile Hunderte Phagen und die von ihnen angegriffenen Bakterien katalogisiert. Lysando will diese Enzyme synthetisch herstellen und via Spray in Wunden einbringen.

Da Artilysine enzymatisch wirken und nicht auf den Stoffwechsel der Bakterien angewiesen sind, können sie auch sogenannte persistente Keime angreifen, gegen die klassische Antibiotika wirkungslos bleiben. Bisher wurde keine Resistenzbildung gegen Artilysine beobachtet.

NATO fördert die Entwicklung

Der Defence Innovation Accelerator for the North Atlantic (DIANA) hat Lysando in sein 2026er Gruppe aufgenommen – aus 3.680 Bewerbungen wurden 150 Unternehmen ausgewählt, darunter 15 im Bereich Human Resilience und Biotechnologie.

So vielversprechend der Ansatz ist, so offen sind noch mehrere Fragen. Artilysine sind bisher nicht in groß angelegten klinischen Studien unter Feldbedingungen erprobt – die Datenlage basiert überwiegend auf Laborstudien und begrenzten Anwendungsberichten. Die Selektivität der Enzyme, also ihre Fähigkeit, verlässlich zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, muss über ein breites Spektrum an Erregern und Wundtypen belegt werden.

Auch die Stabilität der Enzyme unter extremen Bedingungen – Hitze, Kälte, Staub, Druck im Feldeinsatz – ist eine offene Frage. Schließlich ist die regulatorische Zulassung für militärmedizinische Produkte ein langwieriger Prozess, der zwischen Labor und Gefechtsfeld oft Jahre liegt.

Forschung bezüglich der Wiedereinführung der Phagentherapie in die Militärmedizin gibt es schon länger. Der Ansatz, nicht die Phagen selbst, sondern nur deren synthetisch hergestellten Enzyme einzusetzen, ist relativ neu. Die DIANA-Förderung ist ein bedeutsames Signal und könnte tatsächlich helfen, ein fertiges und feldtaugliches Produkt zu entwickeln.

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