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Neuer Wehrdienst im Sanitätsdienst

Die Bundeswehr hat sich in den letzten Jahren einer Vielzahl neuer Herausforderungen, sowohl im Inland als auch im Ausland, stellen müssen. Durch geopolitische Spannungen, verbunden mit der Notwendigkeit, die Bundeswehr für den Schutz Deutschlands und seiner Verbündeten zu stärken und nicht zuletzt auch durch den Angriffskrieg Russlands in die Ukraine, seit dem Jahr 2022, wuchs die Erkenntnis, einer notwendige „Zeitenwende Deutschlands“. Die hieraus entwickelte Reform des „Neuen Wehrdienstes“ soll zu einer weitreichenden Steigerung der personellen Einsatzbereitschaft einschließlich eines seit Aufstellung der Bundeswehr nicht mehr dagewesenen Aufwuchses der Streitkräfte führen. Beim „Neuen Wehrdienst“ handelt es sich nicht um eine klassische Wehrpflicht, sondern es wird weiterhin auf Freiwilligkeit gesetzt.

Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr stehen in Formation bei einem feierlichen Gelöbnis. Sie tragen den grauen Dienstanzug mit dem blauen Barett und dem Abzeichen des Sanitätsdienstes, während ein Soldat im Vordergrund salutiert.
Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr stehen in Formation bei einem feierlichen Gelöbnis. Sie tragen den grauen Dienstanzug mit dem blauen Barett und dem Abzeichen des Sanitätsdienstes, während ein Soldat im Vordergrund salutiert.
Foto: Sebastian Wilke

Bedeutung für den Sanitätsdienst

Ziel des „Neuen Wehrdienst“ für den Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr ist die Gruppe der Mannschaftssoldaten mit einer Verpflichtungszeit von 12 bis 23 Monaten, welche in einer weiterführenden Ausbildung sanitätsdienstlich qualifiziert werden sollen. Diese sollen dann zusätzlich im Krisen- oder Einsatzfall als Reservedienstleistende im Bereich des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr eingesetzt werden können. Zum anderen eröffnet sich damit auch ein Pool für die Gewinnung von Soldaten auf Zeit mit einer Verpflichtungszeit von mehr als 24 Monaten für eine sanitätsdienstliche Laufbahn mit medizinischen Fachqualifikationen als Assistenzpersonal oder in einer Approbation.

Änderungen in der Ausbildung

Um dem Prinzip des „Neuen Wehrdienstes“ gerecht zu werden, sind Änderungen in der Ausbildung notwendig. Bis zum Ende des Jahres 2025 lag der Fokus vor allem auf der allgemeinmilitärischen Grundbefähigung sanitätsdienstlichen Personals, welche die Rekruten auf die Grundsätze des Militärs und eine Tätigkeit im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr vorbereiten sollte. Ab 2026 erfolgte eine Anpassung auf eine streitkräftegemeinsame Grundausbildung. Diese Anpassung der Grundausbildung soll das erwartete erhöhte Rekrutenaufkommen sowie das Ausbildungsangebot quantitativ, regional und saisonal miteinander in Einklang bringen und die Grundlage für innovative Ansätze zur Stärkung der Ausbildungskapazitäten legen.

Die Dauer der Grundausbildung mit insgesamt drei Monaten bleibt bestehen. Zukünftig heißt diese „Heimatschutzausbildung Streitkräfte“ (HSA SK) und soll die Rekruten, wie bisher, dazu befähigen die freiheitliche demokratische Grundordnung als Staatsbürgerin bzw. Staatsbürger in Uniform im Betrieb Inland, im Einsatz sowie im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung im und außer Dienst zu schützen. Direkt an die HSA SK anschließend, wird es eine Heimatschutzausbildung Streitkräfte Fortgeschritten (HSA SK F) geben. Diese soll die bereits in der HSA SK gewonnenen Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und den Rekruten zusätzlich dazu befähigen, Objekte zu bewachen bzw. zu sichern und die Sicherungskräfte bei der Überwachung, Sicherung, und Verteidigung zu unterstützen. Alles auch unter dem zusätzlichen Aspekt der Bedrohung durch ABC- sowie Drohnenangriffe.

Warum eine streitkräftegemeinsame Grundausbildung 

Ziel der streitkräftegemeinsamen Grundausbildung ist es, allen Soldaten die gleichen Grundlagen, wie Verhalten im Einsatz, Umgang mit Waffen, militärische Ordnung und Disziplin und nicht zuletzt bei Maßnahmen zur Ersten Hilfe sowie zur Selbst-und Kameradenhilfe an die Hand zu geben. Eine gemeinsame Ausbildung dient der Harmonisierung der Streitkräfte im Sinne eines streitkräftegemeinsamen Selbstverständnisses und des gemeinsamen Auftrages der Landes- und Bündnisverteidigung.

Sanitätsspezifische Ausbildung

Nach der streitkräftegemeinsamen Grundausbildung werden die Mannschaften im Sanitätsdienst in die sanitätsspezifische Ausbildung eingesteuert. Je nach Spezifizierung der Ausbildung können diese Soldaten in den unterschiedlichen Bereichen des Sanitätsdienstes eingesetzt werden. Das ausgebildete Personal stellt hierbei eine wichtige Unterstützungsfunktion im medizinischen Bereich der Bundeswehr dar. Die Hauptaufgabe liegt hierbei in dem Zusammenspiel von einfacher Unterstützung und fachnaher Tätigkeit – jedoch ohne die volle Verantwortung von examiniertem Personal.

Allgemeine Grundausbildung im Sanitätsregiment 2
Allgemeine Grundausbildung im Sanitätsregiment 2
Foto: Patrick Grüterich

Die Soldaten arbeiten grundsätzlich immer unter der Anleitung von Fachpersonal. Generell ist die sanitätsdienstliche Spezialisierung der Mannschaftssoldaten nur ab einer Verpflichtungsdauer ab zwölf Monaten vorgesehen, darunter liegende Verwendungszeiten werden querschnittlich ohne zusätzliche Qualifizierungen eingesetzt. Die fachlichen Qualifizierungen im Sanitätsdienst für die Mannschaftslaufbahn besteht derzeit aus fünf Qualifikationen. Konzepte für die Einführung weiterer Qualifizierungen, über die bereits bestehenden fünf Qualifizierungen hinaus, z.B. zum Sanitätssoldat Rettungsdienst, befinden sich aktuell in der Erarbeitung bzw. Einführung.

  1. Helfer im Pflege- und Funktionsdienst

Helfer im Pflege- und Funktionsdienst sind Soldaten, welche nicht nur in Sanitätseinrichtungen der Bundeswehr, sondern vornehmlich in Bundeswehrkrankenhäusern im Bereich der Grundpflege von Patienten eingesetzt werden. Die Durchführung einfacher Pflegemaßnahmen auf Weisung von Ärzten und examinierten Pflegekräften gehören dabei zu ihren Hauptaufgaben. Des Weiteren wirken sie bei Therapiemaßnahmen mit und sorgen in ihrem Verantwortungsbereich für Sauberkeit und Hygiene. Diese Aufgaben nehmen sie sowohl im Routinedienst in Deutschland als auch in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr wahr.

  1. Helfer ABC-Abwehr

Helfer der ABC-Abwehr werden in der Vorbereitung kontaminierter Verletzter sowie Verwundeter und im Rahmen der Verwundetendekontamination eingesetzt. Sie handeln selbständig und verantwortungsbewusst auf Anordnung ihrer Vorgesetzten.

  1. Laborhelfer

Die Soldaten, welche als Laborhelfer eingesetzt werden, führen überwiegend im Rahmen lebensmittelchemischer und pharmazeutischer Untersuchungen sowie unter Anleitung, einfache chemische und chemisch-physikalische Untersuchungen durch und erstellen einfache Reagenzien. Darüber hinaus führen sie unter Anleitung Reinigungs- und Pflegemaßnahmen an Laborgeräten durch und kennen die Anwendungsweise und Zweckbestimmung einzelner Laborgerätschaften.

  1. Sanitätsmaterialsoldat

Die Sanitätsmaterialsoldaten sind im Bereich der Sanitätsmateriallogistik im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig. Zu ihren Ihre Tätigkeiten gehören dabei nicht nur Pflege- und Wartungs-arbeiten an Medizinprodukten. Zusätzlich unterstützen sie entscheidungsverantwortliche im Rahmen der Beschaffung und Lagerung sowie dem Nachweis von Sanitätsmaterial und Gerät (z.B. Arzneimittel, Verbandmaterial, Medizinprodukte) und über-nehmen Straßentransporte von Sanitätsmaterial.

  1. Sanitätssoldat

Die Soldaten mit der Bezeichnung Sanitätssoldat und Sanitätssoldatin üben im Zuge ihrer Wahrnehmung unterstützende Fachtätigkeiten aus. Dabei erfüllen sie überwiegend praxisbezogene Aufgaben eines qualifizierten Helfers aber auch die eines Spezialisten/einer Spezialistin in ausgewählten Verwendungen. Sie unterstützen insbesondere ihre Vorgesetzten bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben in einem definierten Fachbereich.

Herausforderungen

Jede Neuerung hat ihre Herausforderungen. Dies trifft auch auf die Etablierung des „Neuen Wehrdienst“ im Bereich des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zu.

  1. Freiwilligkeit

Noch setzt der „Neue Wehrdienst“ auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Herausforderung dabei ist jedoch, dass auch im zivilen Bereich medizinisches Personal extrem gefragt ist. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr steht somit in einer aktiven Konkurrenz mit dem zivilen Arbeitsmarkt.

  1. Verpflichtungsdauer

Viele Freiwillige verpflichten sich lediglich für eine kurze Zeit und wechseln nach ihrer teils medizinischen Ausbildung zurück in den zivilen Sektor. Aufgabe des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr ist somit, Wege zu finden, um Menschen langfristig im eigenen Bereich zu binden.

  1. Integration von Reservedienstleistenden

Die Erhöhung der Zahl der Reservisten im Sanitätsdienst der Bundeswehr steht vor der Herausforderung, dass die entsprechenden Reservedienstleistenden meist auch in zivilen medizinischen Einrichtungen tätig und somit nicht immer für Übungsvorhaben mit der Truppe verfügbar sind. Ein starker Sanitätsdienst benötigt eine starke Reserve, welche schnell mobilisierbar, verlässlich verfügbar und einsatzbereit ist. Die Soldaten der Reserve sind ein essentieller Teil des Heimatschutzes.

  1. Attraktivität

Die medizinische Ausbildung bei der Bundeswehr ist durch ein gutes Gehalt abgedeckt. Dennoch schrecken sehr viele medizinische Fachkräfte vor einer Verpflichtung bei der Bundeswehr zurück. Als Gründe werden hierfür nicht nur die lange Verpflichtungszeit, sondern auch regelmäßige Versetzungen, Auslandseinsätze und teils auch die militärischen Hierarchien gesehen.

  1. Infrastruktur

Eine der größten Herausforderungen zur Durchführung des neuen Wehrdienstes sind die infrastrukturellen Gegebenheiten. Viele Kasernen bzw. Standorte wurden in den letzten Jahrzehnten verkleinert oder geschlossen. Eine kurzfristige Alternative zur Deckung des derzeitigen Infrastrukturbedarfes ist die Nutzung von speziellen „Containerlösungen“ als Unterkunfts-, Büro- und Ausbildungsgebäude, welche den festen Bestands-bauten in nichts nachstehen. Aber auch die beste Planung trifft auf nicht planbare Aspekte, wie beispielsweise Bürokratie oder überraschende Gegebenheiten vor Ort, was die Truppe wiederum vor neue Herausforderungen stellt.

Langfristig ist die Aufstellung neuer und die Erweiterung vorhandener Grundausbildungseinheiten in 2027 geplant. Neu aufzustellende Grundausbildungseinheiten wird es demnach an den Standorten Koblenz und Dornstadt geben, während am Standort Weißenfels eine Erweiterung der bereits vorhandenen Grundausbildungseinheiten geplant ist. Am Standort Rheine wird es beides geben. Neben der Schaffung von Unterbringungskapazitäten gehören zu den infrastrukturellen Herausforderungen auch andere Rahmenbedingungen wie Mobilität am Standort, sanitätsdienstliche ärztliche- sowie zahnärztliche Versorgung, Truppenküchen, Sportplätze und nicht zu vergessen Standortschießanlagen. All diese Rahmenbedingungen gilt es zusätzlich zu meistern.

  1. Personal

Doch nicht nur infrastrukturell steht der Sanitätsdienst der Bundeswehr vor Herausforderungen. Auch personell müssen einige Hürden genommen werden. Um den Aufwuchs der Bundeswehr und damit verbunden den Anstieg an Rekruten gewährleisten zu können, ist eine Stärkung der Stäbe aller Sanitätsregimenter, einschließlich der Führungsbereiche, sowie eine Stärkung des notwendigen Ausbildungspersonals notwendig. Dieser zusätzliche Personalaufwuchs ist mit einem zusätzlichen Dienstpostenaufwuchs verbunden. Beides braucht Zeit und ist nicht von heute auf morgen realisierbar.

  1. Material

Wenn man auf die materiellen Herausforderungen des neuen Wehrdienstes schaut, geht es um alles, was physisch vorhanden sein muss: Ausrüstung, Fahrzeuge, medizinisches Material usw. Mit Blick auf die steigenden Zahlen neu einzuplanender Rekruten, steigt auch der Bedarf an Uniformen, Schutzausrüstung, Waffen und Munition, Fahrzeugen und IT. Um diese Herausforderung schnellst- und bestmöglich zu meistern, müssen langwierige Beschaffungsprozesse verschlankt und ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Fazit

Der „Neue Wehrdienst“ bietet der Bundeswehr, insbesondere dem Sanitätsdienst, eine Vielzahl von Chancen, wie vor allem der Gewinn neuen medizinischen Fachpersonals sowie deren langfristigen Bindung in der Reserve. Darüber hinaus bietet die Reform die Chance, den Sanitätsdienst weiterzuentwickeln und an die modernen Anforderungen der Bundeswehr und der internationalen Sicherheitslage anzupassen. Der Erfolg dieser Reform wird entscheidend davon abhängen, wie gut es gelingt, die notwendigen Ressourcen bereitzustellen und die Ausbildung sowie die Integration der Rekruten in den laufenden Betrieb effizient zu gestalten.

Der „Neue Wehrdienst“ wird funktionieren. Hierfür müssen Material, Infrastruktur und Personal gleichzeitig wachsen. Auch wenn die Hürden groß sind, das bereits vorhandene Personal des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, welches über eine hohes Fähigkeitsspektrum verfügt, zeigt eine hohe Motivation sowie ein hohes Engagement über alle Status- und Dienstgradgruppen hinweg, um jede Hürde mit viel Kampfgeist und Durchhaltevermögen zu meistern.

Verfasser
Oberstleutnant Susanne Remus
Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung Sachsen-Anhalt-Kaserne
Zeitzer Straße 06667 Weißenfels

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/26

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