Anzeige

Interview mit Generalstabsarzt Dr. Jürgen Meyer

Kommandeur der ambulanten Versorgung und stellvertretender Kommandeur Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr

„Spätestens ab 2027 wird auch die zivil-militärische Zusammenarbeit ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld von mir werden.“ Mit der Neuausrichtung der Gesundheitsversorgung gewinnt die ambulante Versorgung innerhalb der Bundeswehr weiter an Bedeutung. Im Interview erläutert Generalarzt Dr. Jürgen Meyer, welche Verantwortung sein Kommando für die truppenärztliche Versorgung, die sanitätsdienstliche Unterstützung der Streitkräfte und die künftige Verzahnung mit zivilen Partnern trägt.

Generalstabsarzt Dr. Jürgen Meyer.
Generalstabsarzt Dr. Jürgen Meyer.
Foto: Bundeswehr / Clemens Braun
Herr Generalarzt, Sie sind der Kommandeur der ambulanten Versorgung und stellvertretender Kommandeur Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in Koblenz. Können Sie kurz Ihren Verantwortungsbereich und Ihr Aufgabenportfolio benennen?

Als Kommandeur Ambulante Versorgung verantworte ich drei zentrale Bereiche: die truppenärztliche und truppenzahnärztliche Versorgung, die sanitätsdienstliche Unterstützung der Behandlungsebene 1 sowie die Sportmedizin und ambulante Rehabilitation. Spätestens ab 2027 wird auch die zivil-militärische Zusammenarbeit ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld von mir werden.

Die Bestandteile der ambulanten Versorgung bilden mit der gesetzlich verankerten unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung das Fundament der medizinischen und zahnmedizinischen Versorgung unserer Streitkräfte. Das reicht weit über eine haus- oder zahnärztliche Versorgung hinaus. Wir haben ein in sich geschlossenes Gesundheitssystem mit einer eigenständigen Finanzierung, Steuerung und Leistungserbringung, in dem Behandlung und Begutachtung aus einer Hand geleistet werden.

Für die Bundeswehr ist dieses System unverzichtbar, weil es den Rahmen für die wesentliche Leistung der ambulanten Versorgung bildet: durch Förderung, Schutz, Erhalt und Wieder-herstellung der Gesundheit der Soldaten die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte zu erhöhen und auf hohem Niveau zu halten. Die sanitätsdienstliche Unterstützung der Ebene 1, im Einsatz sowie bei der Übungsunterstützung und Ausbildung, ist gleichermaßen essentiell für die Auftragserfüllung. Ob Rettungsstation, Rettungstrupp oder Beweglicher Arzttrupp – diese Kräfte, sind „Key Enabler“.

Es ist für die Truppe unverzichtbar, sich bei Verwundung, Verletzung oder Erkrankung gut und schnell medizinisch versorgt zu wissen. Das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf ist unser Kompetenzzentrum für Sportmedizin und Rehabilitation. Es betreut unter anderem die Spitzensportler der Bundeswehr. In der Rehabilitation steht der Leitgedanke „Return to Duty“ im Mittelpunkt. Gerade im Hinblick auf einsatzbedingte körperliche Belastungen und der Schwerpunktsetzung „Landes- und Bündnisverteidigung“ wird dieser Bereich zukünftig deutlich ausgebaut werden.

Darüber hinaus gehört das Multinational Medical Coordination Centre – Europe (MMCC-E) in meinen Verantwortungsbereich. Hier erfolgt die Koordination sanitätsdienstlicher Abläufe und Verfahren über die nationalen Grenzen hinaus, sowohl für die EU als auch für die NATO. Eine solche Integrationsleistung ist angesichts der Rückbesinnung auf die Landes- und vor allem die Bündnisverteidigung von erheblicher Bedeutung.

Dies zeigen allein die 19 Nationen, die dem MMCC-E bisher beigetreten sind sowie das Interesse weiterer Nationen. Bei den jährlich stattfindenden internationalen Übungen der Serie „Casualty Move“ unter Leitung des MMCC-E wird besonders deutlich, wie viel wir voneinander lernen können und wie wichtig hier ein Abgleich der Verfahren ist. Eine möglichst hohe sanitätsdienstliche Interoperabilität zu erreichen, steht hier im Mittelpunkt.

Der Zentrale Sanitätsdienst hat in den letzten 24 Monaten gravierende Veränderungen erfahren. Können Sie uns die Schwerpunkte dieser Veränderungen aufzeigen und die Auswirkungen auf die ambulante Gesundheitsversorgung darstellen?

Die Umstrukturierung des Sanitätsdienstes ist Teil der umfassenden Neuausrichtung der Bundeswehr im Zuge der sicherheitspolitischen „Zeitenwende“. Ziel ist es, die Durchhaltefähigkeit im Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung deutlich zu erhöhen. Mit der Aufstellung des Unterstützungskommandos sowie des Kommandos Gesundheitsversorgung wurden neue Führungsstrukturen geschaffen. Im Unterstützungsbereich haben sich dadurch Synergien ergeben, von denen auch der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr profitiert.

Im neuen Organisationsbereich konzentriert sich das Kommando Gesundheitsversorgung einerseits auf die Aufgaben eines Fachkommandos und führt andererseits zugleich die unter-stellten Kräfte des Zentralen Sanitätsdienstes truppen- und fachdienstlich. Das ist herausfordernd. Wir haben aber seit der Aufstellung des Kommandos bewiesen, dass wir der Aufgabe gerecht werden.

Für unsere direkt nachgeordnete Ebene, bei uns 3. Ebene genannt, sind wir mit den Planungen neuer Strukturen fertig. Die Erarbeitung der Planungen für die 4. Ebene ist bereits weit vorangeschritten. Jetzt kommt es darauf an, die Reorganisation für die Ebene der sanitätsdienstlichen Versorgung in der Fläche sowie der Unterstützung für die Truppe in eindeutigen Kohäsionsbeziehungen umzusetzen.

Wie sehen Sie in der neuen Struktur die Rolle der ambulanten Versorgung? Welche Aufgaben verbleiben in Diez, und was wird künftig in Ihrem Kommando in Koblenz verantwortet?

In der neuen Struktur bleibt die truppendienstliche Führung der regionalen sanitätsdienstlichen Einrichtungen beim Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung in Diez.

Das Kommando Gesundheitsversorgung in Koblenz bündelt in der ambulanten Versorgung die fachlichen Aspekte, in enger Abstimmung mit der Militärärztlichen Beratung der Abteilung Einsatz und Gesundheitsversorgung im Unterstützungskommando. Hier sind insbesondere die Fachabteilungen des Kommandos für die Sicherstellung der medizinischen Standards, der Qualitätssicherung und die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen verantwortlich.

Dazu gehören auch die Aspekte der Heilfürsorge, die zuvor im Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung in Diez angesiedelt waren. Damit wird auch deutlich, dass eine gute Abstimmung zwischen den Ebenen notwendig ist, um truppen- und fachdienstliche Aufgaben zusammenzuführen.

Gibt es Überlegungen, fachliche Aufgaben zu bündeln und die Sanitätsversorgungs- und -Unterstützungszentren von bürokratischem Mehraufwand zu entlasten?

Unterhalb der Sanitätsunterstützungszentren sollen die sanitätsdienstlichen Dienststellen in ihrer Eigenverantwortung gestärkt werden. Ziel ist es, Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung dort zusammenzuführen, wo sie wirksam wahrgenommen werden können. Das heißt auch, dass Patientenversorgung und sanitätsdienstliche Unterstützung wieder mehr zusammenrücken.

Dort, wo es besonders darauf ankommt, soll dies in einer klaren Zuordnung zu den Verbänden, die es zu unterstützen gilt, organisiert werden. Die Digitalisierung standardisierter Prozesse und klar definierte Entscheidungsbefugnisse werden die Verteidigungsfähigkeit dieser Elemente zukünftig weiter verbessern.

Ein Schwerpunkt liegt beim Ausbau und der Neuausrichtung der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Dies gilt nicht nur für meinen Verantwortungsbereich, sondern ist letztlich für die militärische Gesundheitsversorgung in weiten Bereichen entscheidend. Allerdings werden die Sanitätsunterstützungszentren in diesem Feld zukünftig eine stärkere und zentrale Rolle spielen. Durch engere Kooperation mit zivilen Leistungserbringern können Kapazitäten flexibler genutzt und ggf. entstehende Versorgungsengpässe ausgeglichen werden.

Wie werden künftig die großen Bereiche Rehabilitation und Begutachtung abgebildet sein?

Das Thema Rehabilitation hat für uns angesichts der sicherheitspolitischen Entwicklungen und der damit verbundenen Erfordernisse einen deutlich höheren Stellenwert erlangt. Zukünftig wird dies stärker in den öffentlichen Fokus gerückt werden müssen. Unser Zentrum für Sportmedizin wird in diesem Zusammenhang weiter ausgebaut und trägt künftig auch den Begriff „Rehabilitation“ im Namen. Darüber hinaus arbeiten wir an vielfältigen Maßnahmen. Beispielsweise verfolgen wir das Ziel, dass Facharztzentren durchgehend als Reha-Stützpunkte aufgestellt werden. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit („Return to duty“) inter-disziplinär und interprofessionell zu denken ist.

Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.
Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.

Im Bereich der Begutachtung auf Auslandsdienstverwendungsfähigkeit wurde ein neues, jetzt dreistufiges Modell etabliert: Inland, Europa plus und weltweit. Diese Differenzierung trägt unterschiedlichsten klimatischen, infektiologischen und infrastrukturellen Bedingungen Rechnung. Neu ist auch, dass die Ausweitung eines standardisierten Begutachtungsverfahrens bis in die Reserve erfolgt ist. Damit wird eine einheitliche Begutachtung innerhalb der Bundeswehr sichergestellt. Das ist neben der Rehabilitation die zweite Säule der Facharztzentren, aus denen die Truppenärzte komplementiert werden.

Im Zusammenhang mit dem neuen Wehrdienst bzw. dem personellen Aufwuchs der Bundeswehr wird der Umfang der Begutachtungsaufgabe deutlich steigen. Dies wird uns besonders in der Phase fordern, in der mein Kommandobereich erst anfängt, vom eigenen Aufwuchs zu profitieren.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr bringt jahrzehntelange Erfahrung in der Notfall- und Einsatzmedizin ein. Die enge Zusammenarbeit mit dem zivilen Gesundheitssystem ist entscheidend, um auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben. Gibt es neue Kooperationsmodelle mit dem zivilen Gesundheitssystem?

Wie schon erwähnt, erfordert die sicherheitspolitische Lage eine enge Verzahnung mit dem zivilen Gesundheitssystem. Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung gehen von hohen Verwundetenzahlen aus. Das ist nur mit einem engen Schulterschluss des zivilen und militärischen Gesundheitssystem zu leisten.

Für die Weiterversorgung von Verwundeten in Deutschland setzen wir auf sogenannte Cluster. Im stationären Sektor werden in den Clustern regionale Netzwerke aus Bundeswehrkrankenhäusern, Berufsgenossenschaftlichen Kliniken und Universitätskliniken gebildet, die im Krisenfall abgestimmt zusammenarbeiten. Die notwendigen Koordinationsleistungen erfolgen vorwiegend durch den Kommandeur Klinische Versorgung, der ebenfalls hier im Kommando Gesundheitsversorgung beheimatet ist. Die kurzen Wege garantieren eine hervorragende Abstimmung und ein stetes gemeinsames Vorgehen.

Bezogen auf meinen Verantwortungsbereich initiieren und intensivieren wir Gespräche auch mit Kassenärztlichen Vereinigungen und Ärztekammern, um im Ernstfall ambulante Versorgungsstrukturen ergänzen und als wichtigen Schritt nach der stationären Behandlung einbinden zu können. Ziel ist ein insgesamt resilientes Gesamtsystem, das militärische und zivile Kapazitäten effektiv kombiniert.

Wie sehen Sie die Rolle Ihres Verantwortungsbereiches in Hinblick auf das Unterstützungskommando der Bundeswehr und der Integration des Sanitätsdienstes? Wo sind die Schnittstellen, und wo die Abgrenzungen der Verantwortungsbereiche?

Im fachlichen Bereich sind wir vor allem für die Leistungssteuerung und -erbringung in der ambulanten Versorgung verantwortlich. Das Unterstützungskommando der Bundeswehr bildet hier ergänzend die Aufgaben der Grundlagenarbeit ab (z.B. konzeptionelle und querschnittlichen Dokumente / Weisungen/ Vorgaben mit Regelungscharakter). Im Bereich der Einsatzplanung- und Führung liegen diese Aufgaben ebenfalls im Unterstützungskommando der Bundeswehr mit seiner Abteilung Einsatz und Gesundheitsversorgung.

Diese beinhaltet auch das Medical Component Command (MedCC). In meiner Verantwortung liegt, die Kräfte der ambulanten Versorgung für diese Einsatze bereitzustellen, auszubilden und einsatzbereit zu halten. Wenn wir auf die zivil-militärische Zusammenarbeit schauen, so liegt hier in meinem Verantwortungsbereich spätesten ab 2027 die konkrete Umsetzung der Aufgabe, d.h. die Führung und Ausbildung der Reservedienstleistungen und der Ausbau bereits existierender zivil-militärischer Netzwerke mit Fokus auf den ambulanten und rehabilitativen Sektor. Im Unterstützungskommando der Bundeswehr werden dazu die Grundlagen in Form von Weisungen und Abstimmungen mit den Teilstreitkräften und dem BMVg gelegt.

Ich könnte die Reihe der Beispiele noch fortführen. Allen gemeinsam wäre, dass stets ein Teil der Aufgaben im Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr liegt, ein anderer Teil im Unterstützungskommando der Bundeswehr. Konsequenterweise kann daher nur im engen Zusammenwirken der beiden Kommandos die Gesamtaufgabe der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr optimal erfüllt werden. Dies gilt es durch klare Definition der Schnittstellen, aber vor allem durch kontinuierliche Pflege einer vertrauensvollen und kameradschaftlichen Zusammenarbeit im Sinne unserer Patienten zu erreichen.

Abschließend möchte ich betonen, wie stolz ich auf die Leistung der Frauen und Männer bin, die ich im Kommandobereich Ambulante Versorgung führen darf. Tagtäglich sind sie unter teilweise schwierigen Bedingungen hochengagiert im Einsatz. Ich freue mich daher sehr, dass auch die ambulante Versorgung deutlich im Aufwuchs der Bundeswehr bedacht wird. Hier haben wir einen hohen Nachholbedarf. Es wird noch ein wenig Zeit brauchen, bis wir die neuen Dienstposten, die wir bekommen, auch adäquat besetzt haben. Es ist aber absehbar, dass das passieren wird und zu einer Entlastung führen wird. Bis dahin gilt es, mit der Konzentration auf das Wesentliche das Niveau zu halten, das zurecht zur hohen Anerkennung des zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr geführt hat.

Herr Generalarzt, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen für die vor Ihnen liegenden Herausforderungen viel Erfolg und das nötige Soldatenglück.

Herzlichen Dank.

 

Das Interview führte Generalarzt a. D. Dr. Andreas Hölscher, CPM Verlag GmbH.

 

Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!

EN: Subscribe to our WhatsApp channel to receive the latest news directly on your mobile phone. Simply scan the QR code or click on this link.

DE: Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code scannen oder auf diesen Link klicken.

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Regelmäßiger Check-up und Dokumentation der Leistungsfähigkeit sind Teil des Reha-Prozesses Bundeswehr/Claudia Seidenschwanz
HumanmedizinNews

DOC-Intervallrehabilitation

Vorrangiges Ziel einer medizinischen Rehabilitationseinrichtung ist, neben der Verbesserung des Gesundheitszustandes der Rehabilitanden, deren Wiedereingliederung ins Berufsleben zu unterstützen. Die Berücksichtigung von Verhaltensweisen, Einstellungen und…
Mehr

DEF-JOBS

Index