HumanmedizinNews

Präventivmedizinische Forschung für Resilienz und Einsatzfähigkeit

M. Hoffmann

Das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) ist das führende Kompetenzzentrum für präventivmedizinische Forschung und evidenzbasierte Beratung im militärischen Kontext. Als Ressortforschungseinrichtung des Bundes wird die Orientierung der wehrmedizinischen Forschung vom aktuellen sowie künftigen Bedarf von Führung und Truppe der Bundeswehr bestimmt. Getreu dem Leitspruch „Resilient im Einsatz. Gesund im Leben.“ ist das Institutsziel: Gesunde, leistungsstarke, belastbare Soldatinnen und Soldaten. Durch eine enge Vernetzung mit nationalen und internationalen wissenschaftlichen und militärischen Partnern entwickelt das InstPrävMedBw innovative und nachhaltig wirksame Strategien, um die Gesundheit, Resilienz und damit die mentale sowie körperliche Einsatzfähigkeit des militärischen Personals zu fördern.

 

Präventivmedizin: Forschung am InstPrävMedBw - der Mensch im Fokus.
Forschung am InstPrävMedBw - der Mensch im Fokus.
Fotos: Bundeswehr

Unsere Welt, ob politisch, klimatisch oder technologisch, befindet sich aktuell in einer Phase der Zeitenwende. Mit Blick auf diese Veränderungen schafft das InstPrävMedBw wissenschaftsbasierte Voraussetzungen für Anpassungen und nachhaltige Verbesserungen der körperlichen sowie mentalen Belastbarkeiten von militärischem Personal.

Anzeige

Durch interdisziplinäre Forschungsansätze, gepaart mit moderner Technologie und zukunftsweisender IT-Unterstützung, werden verlässliche, wissenschaftlich valide Antworten auf relevante aktuelle und zukünftige Fragestellungen der Präventivmedizin erarbeitet. Ziel hierbei ist es, einer der international zuverlässigen Vorreiter in militärmedizinischer Forschung zu sein und zu bleiben.

Universitäre Anbindung an die Universitätsmedizin Mainz

Das InstPrävMedBw hat sich im Rahmen zivil-militärischer Zusammenarbeit an die Universitätsmedizin Mainz angebunden. Die Dienststellenleiterin hat dabei die Lehrverantwortung zu verschiedenen Querschnittsfächern wie Umwelt- und Präventivmedizin beim Medizincampus Koblenz übernommen.

Organisation

Das InstPrävMedBw ist in der Krahnenberg-Kaserne in Andernach beheimatet; eine Außenstelle befindet sich in der Rhein-Kaserne in Koblenz. Rund 220 zivile und militärische Mitarbeitende decken alle Aufgabenbereiche ab.

Fachexpertise, Datenmanagement und Forschung für die Bundeswehr

Unter dem bereits erwähnten Leitspruch betreibt das InstPrävMedBw sowohl präventivmedizinische Ressortforschung als auch Archivierung und Datenanalyse von aktuell rund 40 Millionen Gesundheitsakten. Dieser Datenschatz bildet die Grundlage für wissenschaftliche Analysen, deren Ergebnisse als Beratungs- und Entscheidungsgrundlagen für die militärische Führung und die Truppe eingesetzt werden.

Die Ressortforschung im InstPrävMedBw ist darauf ausgerichtet, wissenschaftliche Methoden nachhaltig zu entwickeln, die Anwendung in der Truppe zu unterstützen und die Ergebnisse in Publikationen der internationalen Fachwelt zu präsentieren.

Resilienzforschung für jedes Klima.
Resilienzforschung für jedes Klima.
Fotos: Bundeswehr

Nationale und internationale wissenschaftliche Netzwerke

Seit Oktober 2022 intensiviert das InstPrävMedBw seine wissenschaftliche Netzwerkbildung umfassend. Kooperationen bestehen u. a. mit den Universitäten und Hochschulen in Mainz, ­Gießen, Köln, Frankfurt, Würzburg, Hamburg und dem Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) Mainz sowie mit: TNO (Niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung), TGTF (Training Medicine & Training Physiology der Royal Netherlands Army), Walter Reed Army Institute of Research, USA, University of Ottawa, Kanada, und Norwegian Armed Forces Joint Medical Service, Norwegen. Feder­führend ­initiierte das InstPrävMedBw im Jahr 2023 das „Ex­per­ten­kältenetzwerk“, das relevante Stakeholder des Geschäfts­bereichs des Bundesministeriums der Verteidigung aus Wissenschaft, Truppe und Sanitätsdienst zum regelmäßigen Austausch zusammenbringt.

Ressortforschung am InstPrävMedBw

Präventivmedizinische Forschung ist für den Erhalt gesunder und physisch wie psychisch belastbarer Soldatinnen und Soldaten unabdingbar. Gleichzeitig ist der Dienstherr zur Fürsorge gegenüber militärischem Personal verpflichtet.
Nachfolgend einige Forschungsbeispiele:

Resilienz-Biomarker

Humane Messparameter (physiologische, biomechanische, molekulare Biomarker) unter Belastungssituationen können individuelle Hinweise auf Gesundheitszustände und Krankheitsrisiken liefern. Diese Überlegungen fließen in eine Studie des InstPrävMedBw mit der Universität Gießen ein. Dabei sollen relevante molekulare Biomarker als Indikatoren für Belastung, Überlastung und Gesundheitsrisiken in Querschnittsstudien identifiziert und im Hinblick auf den Faktor Resilienz bewertet werden.

Resilienzforschung

Bei Konfrontationen spielen sich im Menschen komplexe Prozesse ab. Die Resilienzforschung konnte bisher kein wissenschaftlich relevantes individuelles Merkmal für „Resilienzstärke“ identifizieren. Das LIR Mainz misst die psychische Gesundheit in Korrelation zu Stressor-Expositionen. Unsere gemeinsame Forschung zielt auf die Messbarkeit des Erfolges präventivmedizinischer Maßnahmen. Ein militärischer Einsatz ist für Soldatinnen und Soldaten eine Extremsituation mit enormen körperlichen und psychischen Belastungen.

Angesichts der Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung sind Maßnahmen zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen unerlässlich. Ein Forschungsschwerpunkt des InstPrävMedBw liegt auf der Evaluation von Wirksamkeit und Akzeptanz solcher Resilienzförderungsmaßnahmen. Dabei werden bundeswehreigene Trainings- und Ausbildungskonzepte sowie die der NATO-Partner betrachtet.

Eines davon ist das Operational Resilience Training (ORT), das ukrainisches Sanitätspersonal in Deutschland und Norwegen im Rahmen von EUMAM absolviert. Das ORT ist eine Entwicklung von Forscherinnen und Forschern aus den USA sowie Norwegen und hat die Vermittlung von einsatztauglichen Resilienztechniken zum Ziel. In einer Kooperation mit den beteiligten NATO-Partnern evaluiert das InstPrävMedBw die Resilienzeffekte, die auch für das Personal der Bundeswehr relevant sind. Erste Ergebnisse: ORT stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Resilienz und wird bei den Teilnehmenden gut akzeptiert.

Gesundheitsmonitoring

Das InstPrävMedBw untersuchte und veröffentlichte die „Auswirkungen von Adipositas und arterieller Hypertonie auf die individuelle Verwendungsfähigkeit“ von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Grundlage der Analyse waren 41.761 Datensätze der Allgemeinen Verwendungsfähigkeitsuntersuchung auf Individuelle Grundfertigkeiten (AVU-IGF). Diese Gesundheitsdaten wurden mit Ergebnissen der zivilen Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA)-Studie des Robert Koch-Institutes (RKI) verglichen. Die Studie zeigt die AVU-IGF als wichtige Datenquelle für die Gesundheitsplanung in der Bundeswehr.

Der Influenzasurvey des InstPrävMedBw – angelehnt an die Berichterstattung des RKI – sowie ein Vergleich mit zivilen Daten des RKI, erfolgen gemeinsam mit der Kommandoebene im Sanitätsdienst der Bundeswehr, mit Sanitätsversorgungszentren und mit der Abteilung Mikrobiologie des Bundeswehrzentralkrankenhauses (BwZKrhs).

Dry Air Comfort (DAC)-Körperkühlsystem im Fahrzeug Caracal.
Dry Air Comfort (DAC)-Körperkühlsystem im Fahrzeug Caracal.
Foto: Bundeswehr

Übergewichtsbedingte Erkrankungen mit Auswirkungen auf Einsatzbereitschaft und Gesundheit häufen sich auch in der Bundeswehr. Zwei international publizierte Studien des InstPrävMedBw mit dem Bundeswehrkrankenhaus und der Universität Hamburg analysierten über 100.000 zum Teil gepaarte Gesundheitsdaten von Soldatinnen und Soldaten. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung präventivmedizinischer Forschung, insbesondere im Hinblick auf gesundheitliche Risikofaktoren von militärischem Personal.

Kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit

Narkose und kognitive Leistung (NAKOL)
Nach einer Vollnarkose kann es zu einem temporären kognitiven Defizit kommen. Meist sind die Symptome reversibel, benötigen jedoch Zeit zur „Ausheilung“. Es stellt sich für die Bundeswehr die Frage: Inwieweit und wie lange ist die Einsatzfähigkeit von Soldatinnen und Soldaten nach einer Vollnarkose eingeschränkt und welches Risiko (z. B. im Umgang mit Waffen) ist damit, auch im Hinblick auf kurze Regenerationszeiten in Kampfeinsätzen, verbunden.

Das InstPrävMedBw untersucht gemeinsam mit dem BwZKrhs Patienten und Patientinnen nach Vollnarkosen auf kognitive Einschränkungen. Die Ergebnisse der Studie bilden die wissenschaftliche Grundlage für den Umgang mit Vollnarkosen im militärischen Kontext.

Marsch-Last-Test
Das InstPrävMedBw untersucht in einer Studienreihe die physiologische Beanspruchung und Ermüdung bei Fußmärschen unter realitätsnahen Bedingungen. Hierzu werden bei mehrphasigen Marschtests auf einem Laufband in einer Umweltsimulationskammer leistungs-, thermo- und ernährungsphysiologische sowie kognitive Parameter erfasst, um die Auswirkungen auf Beanspruchung und Ermüdung der Soldatinnen und Soldaten in verschiedenen Szenarien zu vergleichen. Als Besonderheit wird erstmalig die Impedanz-Kardiographie, eine nichtinvasive Messung hämodynamischer Parameter des Herzens, unter militärischen Belastungsbedingungen erprobt.

Hitze- und Kälteprävention
Mit dem im InstPrävMedBw entwickelten DAC-Körperkühlsystem (Dry Air Comfort) verfügt die Bundeswehr über eine effiziente Körperkühlmethode. In einem Forschungsprojekt wird untersucht, ob das DAC-System auch bei extrem klimaexponierten Soldatinnen und Soldaten eingesetzt werden kann.

Hierbei soll das bisherige präventivmedizinische Anwendungsgebiet Entwärmung durch die Möglichkeit der Erwärmung erweitert werden. Mit Hilfe eines selbst entwickelten Adapters wird die Klimaanlage des offenen Luftlandefahrzeugs „Caracal“ für die Erwärmung von Fahrzeuginsassen genutzt. Das System kann durch den Einsatz des DAC-Systems die Soldatinnen und Soldaten zwischen + 50°C und – 20°C bei ihrem Auftrag unterstützen. Die Ergebnisse der Untersuchungen kommen unmittelbar der Truppe zu Gute.

Weitere wissenschaftliche Themenfelder

Ernährungsmedizin
Das Sanitätsunterstützungszentrum Cochem etablierte eine Ernährungsberatung zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Basierend auf gemessenen Präventionseffekten wäre eine breite Einführung einer Ernährungsberatung mit einem Benefit für die gesamte Bundeswehr verbunden. Hierzu erschien eine gemeinsame Publikation mit dem InstPrävMedBw in 2025.

Die hier exemplarisch aufgeführten Beispiele präventivmedizinischer Forschung werden im InstPrävMedBw durch weitere ­Themenfelder wie gendersensible Medizin, Epidemiologie, ­Arbeitsmedizin, Suchtprävention, Gesundheitssystemforschung, Karzinomrezidivprävention und Umweltmedizin wissenschaftlich ergänzt.

Wiege der Bundeswehr – Ein Ort deutscher Demokratiegeschichte

Die Institutsleiterin ist für den Standort Andernach auch in der Funktion als Standortälteste verantwortlich. Das ist insofern einmalig, da in der Krahnenberg-Kaserne ein historisches Denkmal, die „Wiege der Bundeswehr“, verortet ist. Am 20. Januar 1956 eröffnete Bundeskanzler Konrad Adenauer in Andernach den ersten Standort der neu gegründeten Bundeswehr. Eine noch existierende Baracke, die sogenannte „Wiege der Bundeswehr“, steht in der Krahnenberg-Kaserne unter Denkmalschutz und beherbergt unter anderem Videoaufnahmen von Zeitzeugen.

Seit 2022 ist die „Wiege der Bundeswehr“ ein „Ort der deutschen Demokratiegeschichte“.

Aus Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2025

Für die Verfasser:

Oberstarzt PD Dr. med. habil. Manuela Andrea Hoffmann
Leiterin
Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr
Krahnenberg-Kaserne
Aktienstr. 87
56626 Andernach

Beitrag teilen

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

DEF-JOBS

Index