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HumanmedizinNews

Der neue Bereich Klinische Versorgung

A. Bell, M. Zallet

Die Bundeswehr steht in Zeiten tiefgreifender sicherheitspolitischer Veränderungen vor gewaltigen Herausforderungen – auch und besonders im Bereich der medizinischen Versorgung. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr übernimmt als Enabler in der Landes- und Bündnisverteidigung eine Schlüsselrolle. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, wurde zum 1. April 2025 das Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (Kdo GesVersBw) aufgestellt. Dieses neue Fachkommando bildet das Rückgrat der sanitätsdienstlichen Versorgung, aufgeteilt in zwei tragende Säulen: die ambulante Versorgung und die klinische Versorgung.

Klinische Versorgung: „Versorgung im OP“ - Gemeinsame Übung zwischen Klinischem Bereich und Kohäsionsregiment.
„Versorgung im OP“ - Gemeinsame Übung zwischen Klinischem Bereich und Kohäsionsregiment.
Foto: Bundeswehr / Patrick Grüterich

Insbesondere mit der Ausbringung eines gemeinsamen Kommandeurs „Klinische Versorgung“ erfährt das Zusammenwirken der Bundeswehrkrankenhäuser mit der Sanitätstruppe dabei eine fundamentale Neuausrichtung.

Was bislang in mehreren, teils getrennt geführten Bereichen organisiert war, wird nun durch diese organisatorische Klammer zu einem kohärenten und leistungsfähigen Arbeitsverbund zusammengeführt. Die fünf Bundeswehrkrankenhäuser und das Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung werden dabei in ihrer Führung, bei der Ausbildung, beim Kompetenzerhalt, bei der Übungs­planung und -durchführung und vor allem in ihrem gemeinsamen Selbstverständnis gestärkt werden.

Dieser Artikel beleuchtet den Aufbau, die Zielsetzung und die Herausforderungen des neuen Bereichs Klinische Versorgung und zeigt auf, warum diese Umstrukturierung weit mehr ist, als nur eine organisatorische Akzentuierung: Sie ist ein Paradigmenwechsel, eine strategische Antwort auf die sicherheitspolitischen Realitäten der Gegenwart.

Der neue sanitätsdienstliche „Arbeitsmuskel“

„Hier wird die klinisch fachliche Arbeit gemacht, hier liegt unsere militärische Kernkompetenz und hier schlägt im Zusammenspiel der Kräfte auch eine der beiden Herzkammern des Sanitätsdienstes!“ Mit diesen Worten beschreibt Generalstabsarzt Dr. Michael Zallet, der neue Kommandeur Klinische Versorgung, die Bedeutung seines geeinten Verantwortungsbereichs.

Diese Neuordnung ist keine Petitesse, sondern der Grundstein eines besseren intensiveren Zusammenwachsens unterschiedlicher Teilbereiche des Sanitätsdienstes, die nun erstmals unter einer Führung stehen. Was in der Vergangenheit teilweise parallel und nebeneinander lief, wird nun in einer gemeinsamen, modernen Kommandostruktur vereint. Dabei bleibt kein Stein auf dem anderen: Bestehende Strukturen werden neu gedacht, Verantwortlichkeiten neu zugewiesen und Prozesse neu aufgesetzt.

Struktur, Aufbau und Zuständigkeiten

2.1 Das neue Kommando Gesundheitsversorgung der ­Bundes­wehr

Das KdoGesVersBw gliedert sich in die zwei Führungsbereiche:

  • Ambulante Versorgung (Kommandobereich Koblenz und Diez) und
  • Klinische Versorgung (Kommandobereich Koblenz und Weißenfels)

Beide Bereiche sind unmittelbar an die Kommandoführung angebunden, mit jeweils eigenen Kommandeuren, die operativ und konzeptionell eng mit der Führungsebene zusammenarbeiten. Dieses neue Modell soll insbesondere die Durchsetzungsfähigkeit und Kohärenz der Behandlungsebenen 1, 2, 3 und 4 stärken.

2.2 Der Bereich Klinische Versorgung im Detail

Der Bereich „Klinische Versorgung“ umfasst seit 1. Juli 2025:

  • die fünf Bundeswehrkrankenhäuser in Koblenz, Ulm, Berlin, Hamburg und Westerstede und
  • das Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung (Kdo SanEinsUstg) mit seinen Sanitätsregimentern 1 bis 4, dem Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst, dem Sanitätslehrregiment sowie den Versorgungs- und Instandsetzungszentren Sanitätsmaterial.

Diese Dienststellen stehen unter der truppendienstlichen Befehlsgewalt des Kommandeurs Klinische Versorgung nach §1 Vorgesetztenverordnung (VorgV) und sind damit in einer neuen Form miteinander verbunden, die die klinische Einsatzversorgung mit der Friedensversorgung stärker verzahnen soll.

Kernaufgaben: Versorgung, Ausbildung, Einsatzbereitschaft

Die Bundeswehrkrankenhäuser sind im Grundbetrieb unverändert die tragende Säule des sanitätsdienstlichen Versorgungssystems. Hier werden Soldaten vollstationär, teilstationär und fachärztlich ambulant behandelt, es wird begutachtet, aus-, fort- und weitergebildet und in Übung gehalten. Hier greift die neue Struktur: Was bislang erst in den Auslandeinsätzen mit der Sanitätstruppe zusammengebracht wurde, aber zu Hause organisatorisch getrennt war, wird nun auch im Grundbetrieb enger zusammengeführt.

Generalstabsarzt Dr. Zallet betont: „Nur wer bereits im Grundbetrieb erfolgreich zusammenwirkt, sich kennt und weiß, auf wen man sich wie verlassen kann, wird auch in Krise oder Krieg effizienter und effektiver zusammenarbeiten können.“

Genau diese Philosophie liegt der neuen Struktur zugrunde. Es gilt, die Arbeit beider Bereiche gegenseitig tiefer zu integrieren. Das bedeutet, dass Ärzte, Pflegepersonal und andere Fachkräfte der Bundeswehrkrankenhäuser und ihrer Kohäsionsregimenter künftig vermehrt gemeinsam arbeiten und üben werden.

Aus den Regimentern kommt das Personal zum Kompetenzerhalt in das zugeordnete Bundeswehrkrankenhaus, aus dem Bundeswehrkrankenhaus wird vermehrt abgestellt zur gemeinsamen Übungsplanung und Übungsteilhabe in das zugeordnete Regiment. Von der Philosophie und einem gemeinsamen Mindset wird dies mittelfristig auch in der soll-organisatorischen Dienstpostenzuordnung mit transparenter F- und V-Dienstpostenhinterlegung erkennbar werden.

Zu den Schwesterbereichen der ambulanten Versorgung und der Sanitätsakademie werden ebenfalls die Beziehungen intensiviert und Synergien gesucht. Hierbei geht es in der modernen Medizin und im Prozess der Wiederherstellung der Gesundheit von Soldatinnen und Soldaten um einen integrierten Versorgungsansatz und damit um die bessere Vernetzung der BwKrhs auch mit den SanUstgZ.

In Zusammenarbeit mit der Sanitätsakademie wird es unter anderem um die Weiterentwicklung der Individualausbildung und der Team-Trainings gehen. Daneben sollen Synergieeffekte in der Personalentwicklung auch auf dem Sektor der klinischen Forschung und Entwicklung gezielt erschlossen werden.

„Triage“: Eine wichtige Aufgabe ist die Sichtung und Priorisierung der Verletzten/Verwunde- ten. (Abb.: Bundeswehr/Patrick Grüterich)
„Triage“: Eine wichtige Aufgabe ist die Sichtung und Priorisierung der Verletzten/Verwunde- ten.
Foto: Bundeswehr / Patrick Grüterich

Die große Herausforderung: Reorganisation

Parallel zum Tagesgeschäft steht ein großer Kraftakt bevor: Die umfassende Reorganisation der dem KdoGesVersBw unterstellten Dienststellen. Ziel ist es, die gesamte medizinische Versorgung der Bundeswehr – klinisch, ambulant, forschungsbezogen und präventiv – zukunftssicher und resilient aufzustellen.

Die Planungen sind ehrgeizig:
• Schrittweise Einnahme der Zielstruktur der Bundeswehrkrankenhäuser,
• an die veränderten Aufgaben angepasster Umbau der Dienststellen in Weißenfels und Diez und
• Umgliederung der Regimenter zur verbesserten Wahrnehmung der Kohäsionsbeziehungen mit den Landstreitkräften und den Bundeswehrkrankenhäusern (optimierte externe und interne Kohäsion).

Mindset-Wechsel: Vom Friedensbetrieb zur Einsatzorientierung

Eines der zentralen Anliegen des Kommandeurs Klinische Versorgung ist der Mindset-Wechsel. Die Zeitenwende verlangt ein Umdenken unseres Personals: Der Fokus verlagert sich vom rein zivilmedizinischen Alltag hin zu einer einsatzorientierten Gesamtversorgung jedes Einzelnen im Falle der Landes- und Bündnisverteidigung.

Generalstabsarzt Dr. Zallet macht deutlich: „Jede Person in meinem Verantwortungsbereich hat zwei Funktionen – eine klinische und eine militärische.

Beide zusammen wirken sich als Ganzes erst im Einsatz aus.“ Diese Haltung muss aber bereits im Friedensdienstbetrieb verstanden und gelebt werden. Dazu gehört auch die klare Kommunikation über Einsatzverpflichtungen, Personalzuweisungen und Übungsbeteiligungen. Nur wer diese Realität annimmt, wird den Anforderungen an einen Sanitätsdienst der Zukunft gewachsen sein.

Die Rolle des Personals: Verantwortung und Mitgestaltung

Die Reorganisation wird nur dann gelingen, wenn sie von den Menschen getragen wird, die sie betrifft. Generalstabsarzt Dr. Zallet ruft alle Soldatinnen, Soldaten sowie zivilen Mitarbeitenden in seinem Bereich dazu auf, aktiv an der Neugestaltung dieser Struktur mitzuwirken. „Ich kann nur ermuntern, sich dieser Struktur jetzt zu stellen. Wir hatten kein ‚Wünsch-Dir-Was‘, aber wir haben jetzt die Chance, aus dem Erreichten das Beste zu machen – nur gemeinsam sind wir stark.“

Perspektive: Dienstposten, Kohäsion und Zukunftsfähigkeit

Ein zentrales Ziel der Umstrukturierung ist es auch, zusätzliche Dienstposten für die Truppe, für unsere Effektoren in allen Bereichen der Leistungserbringung bereit zu stellen – und das in erheblichem Umfang.

Über 3.000 Dienstposten sollen im Kontext der Freigabe des erweiterten Planungsumfangs der Streitkräfte für den Sanitätsdienst gewonnen werden, die 2.000 Dienstposten der bereits zugebilligten Überplanung sind hierin schon eingerechnet. Langfristig, so die Hoffnung, wird dies auch durch den neuen Wehrdienst flankiert werden, mit dem die personelle Basis insgesamt verbreitert werden soll.

Fazit: Eine Struktur für die Zukunft

Mit dem neuen Kommando Gesundheitsversorgung und dem darin verankerten Bereich Klinische Versorgung stellt sich die Bundeswehr den Herausforderungen der sicherheitspolitischen Realität.

Die Bündelung der Kräfte unter einer klaren Führung, die strategische Verzahnung von Klinik und Truppe sowie der Mindset-Wechsel zur gemeinsamen Einsatzbefähigung unter den Bedingungen eines „Fight tonight“ sind elementare Schritte auf dem Weg zur Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr insgesamt.

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 03 / 2025

Für die Verfasser:
Oberstarzt Dr. Andreas Bell
Kommando Gesundheitsversorgung
Von-Kuhl-Str. 50
56070 Koblenz

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