Oberstapotheker Dr. Ullrich Kindling berichtet über seine langjährige Tätigkeit in der Sanitätsmaterialbeschaffung beim BAAINBw. Seit 2014 ist er dort tätig und hat insbesondere die Herausforderungen durch den Ebola-Ausbruch, die Corona-Pandemie und die sicherheitspolitische Zeitenwende seit 2022 erlebt.

Herr Oberstapotheker, Sie sind als Gruppenleiter U7 im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr bereits seit sehr langer Zeit verantwortlich für die Beschaffung von Sanitätsmaterial. Sind Sie der Uniformträger mit der längsten Stehzeit im BAAINBw?
Tatsächlich bin ich seit Anfang September 2014 ununterbrochen im Beschaffungsamt tätig. Es gibt aber vereinzelt Soldaten, die noch ein paar Tage länger dort Ihren Dienst verrichten. Die meisten werden dabei, wie ich übrigens auch, verschiedene Aufgabenstellungen bearbeitet haben.
Meine Gruppe besteht aus vier Referaten, die ursprünglich von der Einwegspritze, über die Ausstattung der Dienststellen im Grundbetrieb bis hin zu den container- und zeltgestützten Behandlungssystemen für Einsatz sowie Landes- und Bündnisverteidigung ein enorm breites Spektrum abzudecken hatte.
Aktuell geben wir einige Bereiche mit handelsüblichem und marktverfügbarem Sanitätsmaterial wie z.B. Arzneimitteln oder auch den Geräten für die Truppenärzte und Bundeswehrkrankenhäuser an die neu aufwachsende Beschaffungsorganisation im Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr ab. Ziel ist, dass wir uns voll und ganz auf die zeitgerechte Bereitstellung der sanitätsdienstlichen Ausrüstung für Landes- und Bündnisverteidigung konzentrieren können.
In Ihrer BAAINBw-Gruppe arbeiten zivile Mitarbeitende Hand in Hand mit Uniformierten. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit dieser doch unterschiedlich geprägten
Gruppen?
Nun ich glaube, in den ersten Jahren war es für beide Seiten ein kleiner Kulturschock, als die Soldaten in größerem Umfang ab 2012 ihren Dienst im BAAINBw angetreten haben. Mit der Nutzung kam ein Aufgabengebiet in die Dienststelle, das bis dahin weniger gut bekannt war.
Von Anfang an mussten beide Seiten voneinander lernen. Das militärische Personal musste sich intensiv mit den rechtlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzen, die beispielsweise durch das Wettbewerbsrecht und das Vergaberecht vorgegeben werden. Es gab IT-Systeme, die nur hier im BAAINBw genutzt werden. Und es gab eine Vielzahl von internen Zuständigkeiten zuzuordnen, die nutzbringende Serviceleistungen für die Projekte zur Verfügung stellen, wie die Gruppe ZA 2, die sich um Fragen der Finanzwirtschaft kümmert.
Umgekehrt waren den zivilen Kräften bestimmte militärische Rahmenbedingungen und Nutzungsaspekte nur wenig bekannt. Also, was ist die Rettungskette und auf welchen Prinzipien beruht diese? Wie geht die Truppe mit dem Material um? Wie lagert sie es, wie transportiert sie es, wie wartet sie es, wie setzt sei es instand, wie hält sie sich daran in Übung und so weiter?
Diese Gesichtspunkte galt es vor allem auch bei Ausschreibungen zu berücksichtigen, da sich hieraus wichtige Rahmenparameter mit Auswirkungen beispielsweise auf die sinnvolle Bildung von Ausschreibungslosen ableiteten. Auch der Rollout von SASPF nach ein paar Jahren brachte in vielen Fällen einen Wissensvorsprung für die Soldaten mit sich.
Ich denke das voneinander Lernen ist sehr gut gelungen und hat maßgeblich zur gegenseitigen Akzeptanz beigetragen.
In Ihrer langen Zeit im Beschaffungsamt gab es sicher eine ganze Reihe von Highlights. Welche Ereignisse sind Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?
Nun chronologisch war das erste einschneidende Erlebnis für mich als damals frisch ins Amt versetzter oberster Rüster für Sanitätsmaterial der Ebola-Ausbruch in Westafrika. Genauso intensiv waren wir danach gefordert während der Corona-Pandemie. Und dann natürlich die Zeitenwende, die uns bis heute das Maximum dessen abverlangt, was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten für die Beschaffung von Sanitätsmaterial leisten können. Dazu gehört regelmäßig auch die Prüfung, ob und wie wir die Ukraine mit Sanitätsmaterial unterstützen können.
Wie haben Sie die Entwicklung innerhalb des BAAINBw seit dem Ausrufen der Zeitenwende im Februar 2022 erlebt?
Der Beschaffungsbereich war durch die Zeitenwende ganz besonders gefordert. Zunächst standen die Maßnahmen im Zusammenhang mit dem ersten Sondervermögen von 100 Milliarden Euro im Vordergrund. Auch meine Gruppe hatte für mehrere Projekte Haushaltsmittel aus dem Sondervermögen zugewiesen bekommen. Das Luftlanderettungszentrum, leicht hat sich in diesem Rahmen zu einem der Best Practice Beispiele des Hauses für die Beschleunigung der Projektarbeit entwickelt.
Bei diesem Rettungszentrum handelt es sich um ein hochmobiles zeltgestütztes System für die lebensrettende notfallchirurgische und intensivmedizinische Versorgung. Mit diesem hochinnovativen Projekt haben wir neue luftgestützte Zelte eingeführt, die unter anderem im Gewicht reduziert werden konnten und dank neuer Konstruktion etwas mehr Platz bieten. Das gesamte System ist um mehrere Tonnen leichter als vergleichbare bisherige Systeme.
Das erste Luftlanderettungszentrum, leicht wurde in Leer durch den Abteilungsleiter BAAINBw U an das Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst und damit an den Sanitätsdienst der Bundeswehr übergeben. Im Rahmen der Übung „Medic Quadriga 2026“ in Litauen hat das Material unlängst seine Einsatztauglichkeit wie auch seine Leistungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Es war tatsächlich das erste Projekt aus diesem Sondervermögen, das vollständig umgesetzt worden ist. Wir konnten bereits im Februar 2023 den Vertrag schließen, nachdem der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags die entsprechende 25-Millionen-Euro-Vorlage gebilligt hatte. Die erste Lieferung von insgesamt acht Systemen wurde sogar vor dem Zeitplan im August 2024 abgeschlossen. Und weitere acht Systeme werden in diesem Jahr im Rahmen einer Ergänzungsbeschaffung ausgeliefert.

Wie sehr hat sich das Aufgabenspektrum des Amtes und die Arbeitsweise in dieser Zeit verändert?
Nun, zunächst hat sich die Auftragslage im Organisationsbereich Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung deutlich erhöht. Zur Bewältigung dieser Erhöhung der Auftragslage steht ein nahezu gleichgebliebener Personalkörper zur Verfügung. Um die Aufträge dennoch in einer akzeptablen Zeit bedienen zu können, wurden daher auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, um „Hemmnisse“ zu beseitigen und den Beschaffungsprozess zu beschleunigen.
Neben einer ganzen Reihe von „internen Maßnahmen“ wie z. B. die Außerkraftsetzung und Überführung von Regelungen in Handlungsleitfäden möchte ich insbesondere den Erlass zur „Beschleunigung der Beschaffung“ von April 2023 erwähnen, mit dem der damalige Staatssekretär Zimmer uns allen ein sehr deutliches Signal mit auf den Weg gegeben hat: „Der Faktor Zeit hat höchste Priorität …“.
Ich hatte schon den Eindruck, dass damit auf vielen Ebenen eine Veränderung im Mindset herbeigeführt wurde, die letztendlich eine wesentliche Basis für die hervorragenden Ergebnisse des BAAINBw darstellt.
Welche Ratschläge können Sie dem Sanitätsdienst der Bundeswehr aus Ihren Erfahrungen heraus für die Beschaffung mit auf den Weg geben?
Zunächst möchte ich betonen, dass auch wir Sanitätssoldaten im BAAINBw uns als Teil des Sanitätsdienstes der Bundeswehr verstehen. Die Beschaffung von Sanitätsmaterial ist meiner Meinung nach in den letzten Jahren zur vierten Säule der Wehrpharmazie, neben der Pharmazie, der Lebensmittelchemie und der Sanitätsmateriallogistik, herangewachsen.
Als besonders herausgehobenen Erfolgsfaktor im Bereich der Rüstung sehe ich für unseren Sanitätsdienst die priorisierte Besetzung der militärischen Dienstposten für Sanitätspersonal im BAAINBw. Diese Mitarbeitenden transportieren nicht nur die Einsatzgrundsätze und Leitlinien des Sanitätsdienstes in den Rüstungsbereich.
Sie werben beispielsweise auch in den Haushaltsverhandlungen die Haushaltsmittel für die Beschaffung von Sanitätsmaterial ein. Sie müssen also im „Stoff stehen“ und erläutern können, warum diese Maßnahme oder jenes Projekt mit einer besonderen Wertigkeit einzusortieren ist in die Vielzahl von Rüstungsprojekten der Bundeswehr. In diesem und vielen weiteren Situationen vertreten diese Menschen als wesentliche Multiplikatoren elementare Belange des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
Darüber hinaus ist es wichtig, die bevollmächtigten Vertreter für die Integrierten Projektteams ähnlich sorgfältig auszuwählen und vor allem auch zu schulen, um sie auf Ihre wichtige Aufgabe adäquat vorzubereiten. Eine längere Stehzeit in dieser Aufgabe ist gewiss nicht von Nachteil. Ein regelmäßiger Austausch von geschultem und rüstungserfahrenem Personal mit dem BAAINBw im Rahmen von Versetzungen in den jeweils anderen Bereich stellt dann aus meiner Sicht die Musterlösung dar.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat mehrfach betont, dass in der Rüstung die bestehenden Strukturen angepasst und die Prozesse beschleunigt werden müssen, um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu gewährleisten. Ziel ist es, die Beschaffung deutlich zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dazu wird das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr organisatorisch neu aufgestellt. Wie wird sich die Reorganisation des BAAINBw auf die Beschaffung von Sanitätsmaterial auswirken?
Die Anforderungen an unsere Behörde haben sich in den letzten Jahren massiv verändert. Vor dem Hintergrund einer verschärften sicherheitspolitischen Lage und eines wachsenden Bedarfs an Fähigkeiten und damit an Ausrüstung steht die Bundeswehr insgesamt vor einem deutlichen Aufwuchs – verbunden mit steigenden Anforderungen an die Geschwindigkeit und Effizienz der Beschaffung. Infolge der sicherheitspolitischen Zeitenwende stößt die traditionelle Linienstruktur bei mehr als 1.800 Beschaffungsvorhaben an ihre Grenzen.
Um mehr Dynamik in die Abläufe zu bringen, wird das Amt eine Matrixorganisation aufbauen, in der die Ressourcen flexibler genutzt werden und gleichzeitig Expertenwissen in Kompetenzzentren zentral vernetzt und gebündelt wird. Die Projektarbeit wird durch eine verschlankte Führung von disziplinarischen Aufgaben weitestgehend befreit.
Die Programmleiter fokussieren sich auf das Managementdreieck aus Leistung, Zeit und Kosten. Zwischen den Programmen erfolgt eine flexible Verschiebung von Ressourcen, wodurch fachliche Expertise eine insgesamt höhere Verfügbarkeit bietet. Die Schnittstelle zum Bedarfsträger orientiert sich am Fähigkeitsprofil der Bundeswehr, indem wir die Programme entlang der dort vorgegebenen Dimensionen zuordnen.
Programme zur Beschaffung von Sanitätsmaterial werden, wie auch einige andere Materialsegmente, einer zusätzlichen Funktionsdimension Unterstützung zugeordnet. Dort wird sich auch ein dahingehendes Kompetenzzentrum ausbilden.
Ich denke, für die Beschaffung von Sanitätsmaterial kann der Sanitätsdienst der Bundeswehr von allen Vorteilen der neuen Organisation des BAAINBw profitieren. Er behält aber gleichzeitig seinen fachlichen Schwerpunkt in der Funktionsdimension Unterstützung, wodurch auch der ebenfalls noch junge Unterstützungsbereich auch in dieser Hinsicht adäquat im BAAINBw abgebildet wird.
Herr Oberstapotheker, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihren bevorstehenden Ruhestand alles Gute.
Das Interview führte Generalarzt a. D. Dr. Andreas Hölscher, Chefredakteur Wehrmedizin und Wehrpharmazie. Es erschien zuerst in der Ausgabe 03/2026
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