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Strategische Neuausrichtung der Sanitätsmateriallogistik

Herausforderungen, Handlungsfelder und Perspektiven im Rahmen der neuen Gesamtkonzeption Verteidigung

Die Sanitätsmateriallogistik (SanMatLog) der Bundeswehr befindet sich seit einigen Jahren in einer fortlaufenden Neuausrichtung, die sich an den sich wandelnden sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen orientiert. Durch die neue Gesamtkonzeption Verteidigung und das aktuelle Fähigkeitsprofil der Bundeswehr wird dieser Transformationsprozess weiter präzisiert und mit einem verstärkten Fokus versehen.

Regallager eines Versorgungs- und Instandsetzungszentrums für Sanitätsmaterial der Bundeswehr mit verpackten Arzneimitteln
EVGSan Regallagerung in einem Versorgungsinstandsetzungszentrum
Foto: Bundeswehr

Der Bundesminister der Verteidigung und der Generalinspekteur der Bundeswehr haben den Auftrag erteilt, die bislang bestehende Lücke zwischen operativer Wirkung und logistischer Unterstützung zu schließen. Damit erhalten auch Projekte und Maßnahmen der SanMatLog eine höhere Priorität, sodass sie schneller und effektiver umgesetzt werden können. Die strategischen Vorgaben lassen sich in vier zentrale Handlungsfelder gliedern: der Einsatzvorrat an Einzelverbrauchsgütern (EVGSan), der Einsatzaustauschvorrat an Nichtverbrauchsgütern (NVGSan), die Rückkehr zu einer erweiterten Eigenherstellung sowie die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung.

Arzneimittel und Medizinprodukte für den Ernstfall

Der Einsatzvorrat EVGSan soll eine temporäre Unabhängigkeit von der Folgeversorgung sicherstellen, um die sanitätsdienstliche Unterstützung auch bei gestörten internationalen Lieferketten und im Kriegsfall aufrechtzuerhalten. Dafür ist eine umfassende Bevorratung aller Materialien notwendig, die entlang der Rettungskette von der Selbst- und Kameradenhilfe über den Patiententransport bis zur notfallchirurgischen Erstversorgug benötigt werden. Zusätzlich müssen Arzneimittel für die Behandlung „gewöhnlicher Erkrankungen”  sowie EVGSan für den medizinischen ABC-Schutz bereitgehalten werden.

Um die Materialvielfalt auf ein beherrschbares Minimum zu reduzieren, ist eine konsequente Standardisierung erforderlich. Die Erwartungshaltung des BMVg ist es daher, dass zukünftig definierte, vorgepackte Versorgungspakete eingesetzt werden, die eine schnellere, personalschonende und effizientere Versorgung im Einsatz ermöglichen, die logistische Planung vereinfachen und die Integration in IT- und NATO-Systeme unterstützen. Die notwendige Bevorratung wird grundsätzlich von zwei Faktoren bestimmt: der täglich zu erwartenden Zahl und Art von Verwundeten und Erkrankten – abhängig vom Umfang des deutschen NATO-Kräftebeitrags – und der von der NATO geforderten Reichweite für die temporäre Unabhängigkeit, die mindestens 90 Tage beträgt.

Der Aufbau des Einsatzvorrats erfolgt in zwei Phasen: bis 2029 wird er ausgehend von den derzeitigen Beständen und verfügbaren Finanzmitteln maximal erhöht; ab 2029 folgt ein strukturierter, etappenweiser Ausbau zur weiteren Steigerung der Durchhaltefähigkeit. Da die meisten Arzneimittel und Medizinprodukte ein Verfalldatum besitzen, wird eine ressourcenschonende Bevorratung auch durch eine sogenannte Wälzung innerhalb und eine Abgabe außerhalb der Bw erforderlich sein. Zusätzlich sollen im Inland weitere Lagerflächen und Bewirtschaftungskapazitäten, vorzugsweise über zivile Dienstleister, geschaffen werden.

Die Sanitätsgerätereserve der Sanitätsmateriallogistik

Der Einsatzaustauschvorrat NVGSan umfasst Medizinprodukte und sanitätsdienstliche Ausstattungen, die nicht verbraucht, dafür jedoch repariert oder ausgetauscht werden müssen. Auch hier liegt das Ziel in einer vollständigen Truppenausstattung und dem Aufbau materieller Reserven, um die größtmögliche Einsatzbereitschaft zu gewährleisten. Die Einsatzvorräte NVGSan werden anhand der zu unterstützenden Kräfte berechnet und sollen einen Zeitraum von mindestens 90 Tagen abdecken.

 

Olivgrüne Zarges-Transportbehälter für Beatmungsgeräte mit Rotkreuz-Symbol und Gefahrgutkennzeichnung auf Paletten in einem Sanitätslager
Zum Transport vorbereitete NVGSan des Austauschvorrats
Foto: Bundeswehr

Neben der Sicherstellung einer lückenlosen Versorgung im Einsatz dient der Einsatzaustauschvorrat als Umlaufreserve für Realversorgung, Ausbildung und Übungen. Die ortsfesten sanitätsmateriallogistischen Einrichtungen übernehmen bei der Bevorratung zentrale logistische Aufgaben: Materialübernahme, Eingangsprüfung, Bewirtschaftung, Instandhaltung und die eigentliche Einsatzversorgung. Sie fungieren als Bindeglied zwischen Industrie und Truppe und sollen die Truppe von logistischen Friedensaufgaben entlasten, damit die militärischen Kernaufgaben im Fokus bleiben.

Die Einbindung zivil-gewerblicher Leistungserbringer ist dabei unverzichtbar, um nicht zwingend militärisch zu erbringende Aufgaben auszulagern und gleichzeitig geeignete Arbeitsbeziehungen, Verbindlichkeiten und Erfahrungen auch für den Verteidigungsfall zu schaffen. Eine Implementierung von Kooperationen bis hin zu einem umfassenden Systemmanagement der technisch immer komplexer werdenden Einsatzsysteme ist dabei denkbar und bildet damit einen weiteren Eckpfeiler der zukünftigen SanMatLog und für die Weiterentwicklung der ortsfesten sanitätsmateriallogistischen Einrichtungen.

Eigenherstellung reloaded

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Rückkehr zu einer verstärkten Eigenherstellung von Sanitätsmaterial, das eine hohe wehrmedizinische Relevanz besitzt, jedoch aufgrund fehlender oder unsicherer Marktverfügbarkeit nicht oder absehbar nicht zuverlässig beschafft werden kann. Aktuell verfügt die Bundeswehr über zwei Produktionsstätten mit einer Herstellungserlaubnis nach § 13 Arzneimittelgesetz (AMG): die Abteilung XXII des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz für Blutprodukte und die Apotheke des Bundeswehrkrankenhauses (BwKrhs) Ulm für weitere pharmazeutische Produkte. Seit 2020 wird die Einrichtung in Ulm für die priorisierte Herstellung von Autoinjektoren zur Applikation starker Analgetika und C-Kampfstoff-Antidoten umgebaut, wofür Einschränkungen im übrigen Herstellungsspektrum in Kauf genommen werden müssen. Um das gesamte Portfolio, das sich unter Anwendung der o.g. Kriterien ergibt, herstellen zu können, ist der Aufbau weiterer Kapazitäten erforderlich.

Sanitätsmaterial mit Rotkreuz-Kennzeichnung auf einer Wechselladepritsche in einer Logistikhalle des Sanitätsdienstes der Bundeswehr
NVGSan-Vorrat in der Zentrallogistik
Foto: Bundeswehr

Neben der Sicherstellung einer lückenlosen Versorgung im Einsatz dient der Einsatzaustauschvorrat als Umlaufreserve für Realversorgung, Ausbildung und Übungen. Die ortsfesten sanitätsmateriallogistischen Einrichtungen übernehmen bei der Bevorratung zentrale logistische Aufgaben: Materialübernahme, Eingangsprüfung, Bewirtschaftung, Instandhaltung und die eigentliche Einsatzversorgung. Sie fungieren als Bindeglied zwischen Industrie und Truppe und sollen die Truppe von logistischen Friedensaufgaben entlasten, damit die militärischen Kernaufgaben im Fokus bleiben.

Die Einbindung zivil-gewerblicher Leistungserbringer ist dabei unverzichtbar, um nicht zwingend militärisch zu erbringende Aufgaben auszulagern und gleichzeitig geeignete Arbeitsbeziehungen, Verbindlichkeiten und Erfahrungen auch für den Verteidigungsfall zu schaffen. Eine Implementierung von Kooperationen bis hin zu einem umfassenden Systemmanagement der technisch immer komplexer werdenden Einsatzsysteme ist dabei denkbar und bildet damit einen weiteren Eckpfeiler der zukünftigen SanMatLog und für die Weiterentwicklung der ortsfesten sanitätsmateriallogistischen Einrichtungen.

Eigenherstellung reloaded

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Rückkehr zu einer verstärkten Eigenherstellung von Sanitätsmaterial, das eine hohe wehrmedizinische Relevanz besitzt, jedoch aufgrund fehlender oder unsicherer Marktverfügbarkeit nicht oder absehbar nicht zuverlässig beschafft werden kann. Aktuell verfügt die Bundeswehr über zwei Produktionsstätten mit einer Herstellungserlaubnis nach § 13 Arzneimittelgesetz (AMG): die Abteilung XXII des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz für Blutprodukte und die Apotheke des Bundeswehrkrankenhauses (BwKrhs) Ulm für weitere pharmazeutische Produkte. Seit 2020 wird die Einrichtung in Ulm für die priorisierte Herstellung von Autoinjektoren zur Applikation starker Analgetika und C-Kampfstoff-Antidoten umgebaut, wofür Einschränkungen im übrigen Herstellungsspektrum in Kauf genommen werden müssen. Um das gesamte Portfolio, das sich unter Anwendung der o.g. Kriterien ergibt, herstellen zu können, ist der Aufbau weiterer Kapazitäten erforderlich.

Nach einer Billigung im Jahr 2024 wird zurzeit eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung für eine neue Herstellungsstätte erstellt. Hierbei werden auch Kooperationen mit der pharmazeutischen Industrie im Bereich der Auftragsfertigung evaluiert. Durch die neue Produktionsstätte sollen ausschließlich solche Produkte hergestellt werden, welche nicht durch industrielle Partner bereitgestellt werden können. Für die Wälzung der selbst hergestellten Produkte im Grundbetrieb ist die Erlangung eigener arzneimittelrechtlicher Zulassungen nach § 21 AMG notwendig, wobei Standardzulassungen den regulatorischen Aufwand deutlich reduzieren können. Ziel ist es daher, diese in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden um Bedarfe der Bundeswehr zu erweitern. Ausgewählte Produkte, für die im regulären Betrieb kein Bedarf besteht, können als sogenannte „Schubladenlösungen“ vorgehalten werden: Herstellungs- und Prüfanweisungen werden erstellt, sodass im Bedarfsfall eine rasche Produktion möglich ist. In die Planungen sind daher auch die Herstellungskapazitäten aller BwKrhs-Apotheken einzubeziehen. Grundlage aller genannten Maßnahmen ist die ausreichende Bevorratung der für die Herstellung benötigten Ausgangsmaterialien, um eine autarke, lieferkettenunabhängige Produktion sicherstellen zu können.

0100010001100001011101000110010101101110 (= Daten)

Die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung ist mehr als Nullen und Einsen und stellt einen übergeordneten Enabler für alle genannten Teilbereiche dar. Sie verbindet medizinische und SanMat-logistische Prozesse, organisatorische Strukturen, rechtliche Vorgaben, Informationssicherheit, Infrastruktur und die Zusammenarbeit zahlreicher militärischer und ziviler Akteure. Ein aktueller Schwerpunkt ist die Einführung der Krankenversichertennummer (KVNR), die die Teilhabe am digitalen zivilen Gesundheitswesen ermöglichen wird und die Anbindung an die Telematikinfrastruktur der zivilen Versorgung vorbereitet. Gleichzeitig erfordert die Verarbeitung besonders schutzbedürftiger medizinischer Daten eine cloud-basierte, hochsichere und resiliente Betriebsumgebung, die als zentrale Plattform für sanitätsdienstliche Anwendungen dient. Verzögerungen beim Aufbau dieser Plattform können jedoch zum kritischen Punkt werden, weil nachgelagerte Anwendungen und Integrationsvorhaben unmittelbar davon abhängen.

Viele Anwendungen müssen zudem stark an militärische Prozesse, Sicherheitsanforderungen und spezifische Versorgungs- und Verwaltungsabläufe angepasst werden, was einen hohen Customizing Aufwand und umfangreiche Entwicklungs-, Test- und Verifikationsphasen nach sich zieht. Hierbei sind Abhängigkeiten transparent zu machen, die beteiligten Akteure zusammenzuführen und bei erkennbaren Verzögerungen ist frühzeitig koordinierend einzugreifen – insbesondere bei ressortübergreifenden Projekten, die externe Partner einbinden. Zusätzlich muss rechtlich ein ausgewogener Rahmen gefunden werden, der Datenschutz, Patientensicherheit, Innovationsfähigkeit und die besonderen Anforderungen der militärischen Gesundheitsversorgung miteinander vereint.

Aktuell ist in diesem Zusammenhang auch auf europäischer Ebene die Mitarbeit am Digital Omnibus Reformpaket der EU-Kommission zur Vereinfachung des bestehenden IT-Rechts erforderlich. Es bündelt und ändert elf bestehende Rechtsakte, darunter die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die European Health Data Space Regulation (EHDS), den EU Data Act, den Cyber Resilience Act und die KI-Verordnung, um Bürokratie abzubauen und Vorgaben zu regeln.

Flussdiagramm zur wehrmedizinischen Versorgung der Bundeswehr mit Sanitätsmaterial und Arzneimitteln inklusive Fertigungsprozessen
Die Herstellung von Sanitätsmaterial durch die Bundeswehr.
Foto: Bundeswehr

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die strategische Neuausrichtung der SanMatLog der Bundeswehr durch die neue Gesamtkonzeption Verteidigung ein eng miteinander verbundenes System aus den hier dargestellten Bereichen Bevorratung, Eigenproduktion und Digitalisierung bildet. Der Ausbau des Einsatzvorrates EVGSan bis 2029 und darüber hinaus, die werterhaltende Lagerung und zeitgerechte Ersatzbereitstellung von NVGSan, die Erweiterung eigenständiger Herstellungskapazitäten sowie die Schaffung einer sicheren, interoperablen IT-Infrastruktur erhöhen die Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte nachhaltig. Durch die Einbindung ziviler Dienstleister und Industriepartner wird die Truppe von nicht militärischen Aufgaben entlastet. Mit der Untersuchung zur kriegstüchtigen SanMatLog werden konkrete Ableitungen für die zukünftige, engere Einbindung der SanMatLog in das logistische System der Bundeswehr erwartet und Einzelaspekte bereits im Rahmen des Logistischen Wargame 2026 einer Überprüfung unterzogen. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, die Schere zwischen Wirkung und Unterstützung nachhaltig zu schließen und einen spürbaren Mehrwert für eine resiliente Gesundheitsversorgung der Streitkräfte zu leisten.

 

Für die Verfasser

Oberstapotheker Arno Lange-Böhmer
Bundesministerium der Verteidigung – FüSK III 2
Fontainengraben 150
53123 Bonn

Wehrmedizin und Wehrpharmazie MM/2026

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