Kriegstüchtigkeit, neuer Wehrdienst, Regenerationsausbildung und der Aufbau leistungsfähiger Sanitätseinheiten – das Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Im Interview erläutert Generalarzt Dr. Bruno Most, wie sein Kommando den Wandel gestaltet, welche Lehren aus aktuellen Konflikten in Ausbildung und Einsatz einfließen und warum die enge Zusammenarbeit mit zivilen Partnern ein entscheidender Baustein für die Gesamtverteidigung Deutschlands ist.

Herr Generalarzt, Sie sind der Kommandeur des Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung in Weißenfels. Können Sie kurz Ihren Verantwortungsbereich und Ihr Aufgabenportfolio benennen?
Zunächst herzlichen Dank für die Gelegenheit, mein Kommando in dieser Ausgabe der Wehrmedizin als Schwerpunktthema vorstellen zu dürfen. Wir führen aus Weißenfels das Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst in Leer sowie fünf Sanitätsregimenter und drei Versorgungs- und Instandsetzungszentren an insgesamt 11 Standorten – mehr als 8000 Soldaten von Straubing und Dornstadt in Süddeutschland bis Leer in Ostfriesland. Unsere Kernaufträge sind die klinische Einsatzversorgung mittels des Aufbaus und Betriebs von mobilen Behandlungseinrichtungen sowie dem Verwundetentransport. Darüber hinaus die Regenerationsausbildung des Sanitätsdienstes, die die meisten Ihrer Leser als Grundausbildung kennen.
Der Zentrale Sanitätsdienst hat in den letzten 24 Monaten gravierende Veränderungen erfahren. Können Sie uns zu Beginn aufzeigen, welche Auswirkungen sich für Ihren Kommandobereich und die damit verbundene Auftragserfüllung ergeben haben?
Hier ist zunächst die Umstrukturierung der Bundeswehr mit der Veränderung der Strukturen oberhalb meiner Kommandoebene zu nennen. Mit der Schaffung des Unterstützungskommandos der Bundeswehr in Bonn und des Kommandos Gesundheitsversorgung in Koblenz sind über uns zwei neue Führungsebenen entstanden. Dabei ist unter anderem die Verantwortung als Leitkommando für die Einsätze des Sanitätsdienstes an diese Führungsebenen abgegeben worden. Die gravierendste Veränderung unseres Auftragsportfolios sind die Veränderungen durch das Wehrdienstmodernisierungsgesetz, die eindeutig den Schwerpunkt im Kommandobereich bilden. Daneben bestimmen die Bereitstellung kriegstüchtiger Sanitätseinheiten für die Einsatzverbände der Dimensionen und der Aufbau eines Sanitätsbatallions für die Brigade Litauen die Arbeit meines Stabes und meiner Verbände. Als letzte und ebenfalls gravierende Veränderung ist der Aufbau neuer Verfahren und Strukturen der Sanitätslogistik zu nennen. Meine Regimenter und Versorgungs-Instandsetzungszentren haben hier in den letzten 2 Jahren vieles auf den Prüfstand gestellt und neue, kriegstüchtigere Lösungen entwickelt.
Sie haben eben die Bedeutung des neuen Wehrdienstes in Ihrem Aufgabenspektrum angesprochen? Wie sehen Sie die Rolle Ihres Kommandobereiches in Hinblick auf die weitere Entwicklung dieser Aufgabe und des damit verbundenen Heimatschutzes?
Ich hatte eben betont, dass entlang der Vorgaben unseres Ministers, des Befehlshabers Unterstützungskommando und des Kommandeurs Kommando Gesundheitsversorgung die Umsetzung des neuen Wehrdienstes und die damit verbundene Regenerationsausbildung der Schwerpunkt meines Kommandobereiches ist. Wir haben im letzten Jahr in allen fünf Grundausbildungskompanien die Ausbildung so verdichtet, dass wir überall vier Einstellungstermine im Jahr anbieten können. Die Rekruten gehen an einem Freitag und montags stehen die Neuen auf dem Hof. Wir werden zusätzlich im Sommer diesen Jahres aus vorhandenen Einsatzkräften eine sechste Kompanie temporär in Koblenz bilden.
2027 ist das große Jahr zusätzlicher, strukturell neu aufgestellter Ausbildungszüge und -kompanien an den Standorten Weißenfels, Berlin, Rheine, Koblenz und Dornstadt. Dies ist jedoch nur die strukturelle Dimension. Methodisch, sprich durch Qualität und Menschenführung unserer Ausbildung ist es für uns entscheidend, jeden kurz dienenden Rekruten oder Rekrutin für einen Verbleib im Sanitätsdienst zu begeistern und damit eine wesentliche Grundlage für den Aufwuchs zu legen. Ich bin sehr stolz auf die Leistung meiner Ausbilder, die sich u. a. in den im Streitkräftevergleich sehr niedrigen Abbrecherquoten zeigt. Zuletzt – auch die, die uns nach einigen Monaten oder Jahren verlassen, stellen eine entscheidende Komponente für die Verteidigungsfähigkeit unserer Streitkräfte. Der Großteil dieser Männer und Frauen wird in der Reserve grundbeordert und dient damit weiterhin unserem Land.
Wie hat sich in der neuen Struktur das Aufgabenportfolio der Regimenter verändert und inwieweit haben die Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg Einfluss auf die eigene sanitätsdienstliche Ausbildung?
Lassen Sie mich mit Letzterem beginnen. Wir haben unsere Augen und Ohren ständig bei unseren Kameraden in der Ukraine, die dort heldenhaft mit begrenzten Ressourcen ihr Land verteidigen. Aber genau an dieser Stelle muss eine differenzierte Auswertung ansetzen. Ein Verteidiger, der mit begrenzten Ressourcen in ein statisches Verteidigungsgefecht gezwungen wird, ist keine Blaupause für bewegliche Gefechtsführung. Wir müssen in der sanitätsdienstlichen Unterstützung von Landstreitkräften den Kampftruppen des Heeres. Das neue Rüstungsprojekt hochmobile, geschützte Rettungszentren wird diese Lücke schließen und muss gleichzeitig von neuen Entwicklungen der Drohnenabwehr profitieren. Strukturell wird die heutige Regimentsstruktur der Unterstützung der Brigaden des Heeres nicht mehr gerecht. Wir werden beginnend diesen Jahres an einer neuen Struktur der Sanitätstruppe arbeiten, die passgenau auf die Verbände der Dimensionen zugeschnitten ist.

Wie sehen Sie in der neuen Struktur die zukünftige Rolle der zivil-militärischen Zusammenarbeit, die ja bisher federführend ihrem Kommando oblag?
Zivil–militärische Zusammenarbeit und Führung der sanitätsdienstlichen territorialen Verbindungsorganisation war über 20 Jahre ein Markenzeichen dieses Kommandos und seines Vorgängerkommandos. Wir haben Reservisten des Sanitätsdienstes in dieser Aufgabe geprägt und geschult. Auch für mich selber war diese Aufgabe mit besonderem Herzblut verbunden. Wir haben gemeinsam in vielen herausfordernden Situationen, insbesondere in der Covid-Pandemie bewiesen, dass dieses System schlagfähig ist. Aber, wandelnde Zeiten und neue Rahmenbedingungen verlangen auch die Fähigkeit, loslassen zu können. Die Herausforderung, in Kriegszeiten bis zu tausend Patienten in der Heimat zivil–militärisch zu steuern und in zivile Behandlungseinrichtungen zu verbringen, verlangt die Verortung des Systems der sanitätsdienstlichen ZMZ an anderer Stelle. Meine Kameraden aus den Regimentern und dem Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst (KdoSES) werden in einer Kriegslage an der Front sein und können dann keine Reservisten mehr führen. Deswegen ist es gut und richtig, dass die Aufgabe der Führung der sanitätsdienstlichen territorialen Verbindungsorganisation im Sommer 2027 in das Kommando Regionale Sanitätsunterstützung nach Diez wechselt.
Ihr Kommando war ja schwerpunktmäßig an der Großübung „Medic Guardian“ beteiligt. Was waren die Herausforderungen und wie wurden sie gelöst?
Man konnte an mancher Stelle lesen, dass dieses seit langer Zeit die erste große Verlegeübung des Sanitätsdienstes war. Dieses ist so nicht richtig. Bereits im Sommer letzten Jahres hatte mein SanRgt 1 eine Großübung mit der PzGrenBrig 37 und hatte dabei Personal und Material in großem Rahmen nach Litauen verlegt. Das Besondere des Medic Guardian, durchgeführt durch den Führungsbereich Koblenz des SanRgt 2, war ein strukturierter, evaluierter Prozess von der Aufnahme des klinischen Personals in den Verband am Standort Koblenz, über den Landmarsch und die Einschiffung am Fährhafen Kiel mit gesamtem Personal bis hin zum Landmarsch vom Fährhafen zum Einsatzort in Litauen und dem Aufbau und Betrieb der Einrichtungen, sowie dem Ganzen wieder retour. Viele Ihrer Leser werden denken, dass der Schwerpunkt einer sanitätsdienstlichen Übung auf dem medizinischen Betrieb liegt. Schwerpunkt dieser Übung war eindeutig die Verlegung und Rückverlegung. Mehr will ich an dieser Stelle nicht berichten, um Ihren Lesern die Spannung für den umfänglichen Artikel in diesem Heft nicht zu nehmen.
Der Sanitätsdienst der Bundeswehr bringt jahrzehntelange Erfahrung in der Notfall- und Einsatzmedizin ein. Die enge Zusammenarbeit mit den zivilen Hilfsorganisationen kann in Zukunft entscheidend sein, um auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben. Wie ist da der Stand der Zusammenarbeit?
Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) und Malteser-Hilfsdienst (MHD) sind seit vielen Jahren bewährte und eng verbundene Partner des Sanitätsdienstes. Ich selber habe seitens des Befehlshabers Sanitätsdienst die Aufgabe erhalten, als Beauftragter JUH und MHD das Bindeglied zu diesen Hilfsorganisationen zu sein. Alle drei – und nur diese drei – Hilfsorganisationen haben diese Unterstützung des Sanitätsdienstes auch als gesetzlichen Auftrag erhalten. Die herausfordernde sicherheits-politische Lage hat uns jetzt noch dichter zusammengebracht. Der Befehlshaber Sanitätsdienst hat mit allen drei Hilfsorganisationen Abkommen über eine privilegierte Partnerschaft geschlossen, die die enge Verbundenheit in der Gesamtverteidigung Deutschlands ausdrücken sollen. Diese Abkommen werden mit detaillierten Vertragsabschlüssen weiter spezifiziert werden. Eine besondere Herausforderung für unsere Partner ist eine durchgängige und ununterbrochene Führungsstruktur von der Bundes- bis zur Ortsebene. Das Mindset für diese Aufgabe wächst und gedeiht – davon konnte ich mich bei vielen Besuchen und Gesprächen auf der Bundes-, Landes- und Ortsebene überzeugen. Als besonderes Highlight möchte ich herausheben, dass die JUH bereits seit Jahresbeginn dem Sanitätsdienst permanent eine Flotte von 100 Krankentransportfahrzeugen samt Personal für die Unterstützung der Inlandsversorgung im Kriegsfall assigniert hat.
Herr Generalarzt, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen für die vor Ihnen liegenden Herausforderungen viel Erfolg und das nötige Soldatenglück.
Das Interview führte Generalarzt a.D. Dr. Andreas H. Hölscher Chefredakteur Wehrmedizin und Wehrpharmazie
Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2026
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