Die Allgemeinmedizin wurde seit Oktober 2013 deutschlandweit dadurch gestärkt, dass ein zweiwöchiges Blockpraktikum sowie Quoten für PJ-Plätze im Wahltertial vorgegeben wurden. Lehrpraxen stellen somit einen zentralen Bestandteil praxisnaher curricularer allgemeinmedizinischer Ausbildung im Studium dar. Die Anerkennung eines Sanitätsversorgungszentrums der Bundeswehr als akademische Lehrpraxis ermöglicht es zivilen Medizinstudierenden einen Einblick in die truppenärztliche Versorgung zu erhalten und fördert so die engere Verzahnung zwischen zivilwissenschaftlicher Universitätsmedizin mit truppenärztlicher Versorgung. Die Lehrpraxisfunktion bietet darüber hinaus bedeutende Mehrwerte, wie Imagebildung, wissenschaftliche Vernetzung, Qualitätssicherung sowie die Professionalisierung medizinischer Ausbildung im Sanitätsdienst der Bundeswehr.
Die Etablierung weiterer akademischer Lehrpraxen innerhalb der Bundeswehr stellt mithin eine strategische Investition in Ausbildung, ggf. Personalgewinnung und die Weiterentwicklung militärmedizinischer Versorgung dar. Die sich nach der Akkreditierung als Lehrpraxis anschließenden organisatorischen Hürden sind überschaubar und können mit Hilfe der hier im Artikel gegebenen Hinweise leicht gemeistert werden.
Hintergrund
In einer (akademischen) Lehrpraxis können Medizinstudierende praktische Ausbildungsanteile wie beispielsweise das verpflichtende allgemeinmedizinische 2-wöchige Blockpraktikum oder Anteile des Praktischen Jahres ableisten. An die akademische Lehrpraxis werden in der Regel besondere Anforderungen hinsichtlich des allgemeinmedizinischen Leistungsspektrums, der Qualitätssicherung und der didaktischen Eignung der Lehrärzte gestellt. Im militärmedizinischen Kontext eröffnet die Anerkennung eines Sanitätsversorgungszentrums (SanVersZ) als akademische Lehrpraxis neue Perspektiven für zivilmilitärische Zusammenarbeit und stärkt die Ausbildung sowie die eigene fachliche Weiterentwicklung. Dass Sanitätsversorgungszentren sich als akademische Lehrpraxis akkreditieren können, wurde schon am Beispiel der Sanitätsversorgungszentren Cochem, Kümmersbruck und Ingolstadt gezeigt. Diesem Beispiel sind 2024 auch die Sanitätsversorgungszentren Kiel und Husum mit Anbindung an das Institut für Allgemeinmedizin der Universität zu Lübeck gefolgt. Im nachfolgenden Jahr 2025 konnten hier die ersten Studierenden im Rahmen ihres Blockpraktikums begleitet werden.
Ziel unseres Artikels ist es, den Sanitätsversorgungszentren der Bundeswehr, die das Engagement als Lehrpraxis bisher noch nicht in Betracht gezogen haben, die Chancen und den Nutzen einer Akkreditierung als akademische Lehrpraxis am Beispiel der eigenen Erfahrungen darzustellen. Außerdem geben wir praktische Hintergrundinformationen und Tipps zur Einsteuerung und Begleitung von zivilen Studierenden mit, um sich von den als gering einzuschätzenden bürokratisch-organisatorischen Hürden nicht abschrecken zu lassen.
Chancen und Nutzen für den zivilen Sektor
Ein Praktikum für zivile Medizinstudenten in einem Sanitätsversorgungszentrum bietet einen ganz besonderen Einblick in ein zu den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen parallel existierendes Primärversorgungsystem unter militärischen Rahmenbedingungen. Die truppenärztliche Versorgung ist für den zivilwissenschaftlichen Sektor insofern interessant, als dass hier eine Form eines Primärarztsystem umgesetzt wird. Wie auch das Modell der Teil-Krankschreibung, das in der Bundeswehr konsequent mit jahrzehntelanger Erfahrung umgesetzt wird, werden diese beiden Modelle (Primärarztsystem und Teil-Krankschreibungen) bereits seit einiger Zeit in der Öffentlichkeit auch für die gesetzlich Versicherten diskutiert. Zusätzlich können im Vergleich zur zivilhausärztlichen Medizin auf Basis unseres vielschichten Versorgungsauftrages besondere Schwerpunkte geboten werden: Prävention, Begutachtung, einsatzvorbereitende Aspekte (Reisemedizin) sowie sportmedizinische Aspekte.
Chancen und Nutzen für die Bundeswehr und den truppenärztlichen Bereich
- Professionalisierung der Lehre – Lehrtätigkeit stärkt didaktische Kompetenzen, strukturiert Wissenstransfer und erhöht Versorgungsqualität.
- Wissenschaftliche Anbindung – Kooperation mit Universitäten fördert wissenschaftlichen Austausch, gemeinsame Projekte und Weiterbildungsmöglichkeiten.
- Nachwuchsgewinnung – Frühe Bindung potenzieller Bewerbender durch positive Praxiserfahrungen, Imagegewinn und erhöhte Sichtbarkeit als moderner Arbeitgeber.
Akkreditierungsverfahren
Folgende Grundvoraussetzungen, die sich regional ggf. unterscheiden, sollten durch die Einrichtung, die sich als akademische Lehrpraxis engagieren möchte, erfüllt werden:
- Freude an der Ausbildung von Studierenden
- Facharzt für Allgemeinmedizin mit mehrjähriger Erfahrung (mind. 2 Jahre)
- Schwerpunkt der praktischen Tätigkeit in der regulären hausärztlichen Versorgung (möglichst inkl. Hausbesuch)
- Mindestens eine medizinische Fachangestellte bzw. medizinischer Fachangestellter
- Mindestens 500 Fälle/Quartal
- Bereitschaft für Teilnahme an didaktischen Fortbildungsveranstaltungen und an der Evaluation der Lehrveranstaltung
Für die Aufnahme von Studierenden im Praktischen Jahr (PJ) sind vorangegangene Erfahrungen mit Blockpraktikanten, didaktische Schulungen und positive Evaluationsergebnisse erforderlich.
Am Beispiel der Anbindung an das Institut für Allgemeinmedizin der Universität zu Lübeck erfolgte nach einer Kontaktaufnahme mit dem Institut durch die Sanitätsversorgungszentren Husum und Kiel das Ausfüllen eines Befragungsbogens, der vor allem den Versorgungsumfang, sowie materielle und personelle Ausstattung erhoben hat. Im Anschluss fanden eine Begehung der Räumlichkeiten und Gespräche mit den jeweiligen Lehrärzten durch einen Beauftragten für Lehrpraxen des Institutes statt. Mit der positiven Rückmeldung zur Eignung erfolgte zeitnah das Abschließen des (Muster)Vertrages zwischen Lehrpraxen und Institut.
Organisation der Aufnahme ziviler Studierender
Bevor der bzw. die erste Studierende aufgenommen werden konnte, waren erstmalige Abstimmungen mit den für die Sanitätsversorgungszentren zuständigen Stellen erforderlich und wurden schriftlich fixiert.
Die wichtigsten organisatorischen Punkte sind nachfolgend aufgeführt:
Vertrag, Vergütung und Unfallversicherung
Vor Praktikumsbeginn wird durch das örtlich zuständige Bundeswehrdienstleistungszentrum ein Vertrag mit den Studierenden geschlossen. In dem Vertrag wird auch eine variierende Aufwandsentschädigung, abhängig von Inanspruchnahme einer Unterkunft und Gemeinschaftsverpflegung, festgelegt. Je nach individueller (Muster)Vertragsvereinbarung zwischen der Lehrpraxis und universitärer allgemeinmedizinischer Einrichtung existiert ggf. kein universitätsseitiger Unfallversicherungsschutz der Studierenden. Im zivilhausärztlichen Bereich greift in aller Regel die Versicherung des Praxisinhabers automatisch. Die Lösung für die Sanitätsversorgungszentren war die Aufnahme in die Unfallversicherung Bund und Bahn für den Zeitraum des Praktikums im Rahmen des Vertragsschlusses über das BwDLZ. Ansprechstelle: Zuständiges Bundeswehrdienstleistungszentrum (BwDLZ).
Unterkunft und Kasernenzutritt
Häufig ist in Absprache mit den o.g. Ansprechstellen die Bereitstellung einer Unterkunft innerhalb der Liegenschaft möglich, falls erforderlich. Die Inanspruchnahme einer Unterkunft wird in Absprache mit dem zuständigen BwDLZ bei der Auszahlung einer Aufwandsentschädigung berücksichtigt und über die zuständige Unterkunftsvergabestelle der Liegenschaft organisiert. Bezüglich der Zutrittsberechtigungen von Zivilpersonen zur Liegenschaft sind ggf. Abstimmungen mit dem jeweiligen Kasernenkommandanten erforderlich. Das Ausstellen einer zeitlich begrenzten Bescheinigung durch den Leiter Sanitätsversorgungszentrum (siehe Anlage 1) hat sich hier bewährt. Besteht eine Kooperation mit einer zivilen Partnerpraxis vor Ort, könnten im Zusammenhang mit einer Unterkunft in der Kaserne ggf. auch besondere Projekte wie das „rural tandem“ gefördert werden. Studierende, die in getrennten Praxen das Praktikum absolvieren (z.B. Sanitätsversorgungszentrum und zivile Hausarztpraxis) teilen sich Unterkunft und Mobilitätslösung (z.B. von der Universität bereitgestellter Mietwagen), um so eine Tätigkeit in ländlichen Bereichen, abseits der universitären Ballungsgebiete, zu fördern.
Dies könnte langfristig nicht nur die eigene Region stärken, sondern auch die eigene lokale Vernetzung mit zivilen Hausarztpraxen.
Ansprechstelle: Unterkunftsvergabestelle und Kasernenkommandant der Liegenschaft.
Haftpflichtversicherung
Wie auch bei der Unfallversicherung ist es u. U. möglich, dass der Mustervertrag keine universitätsseitige Haftpflichtversicherung inkludiert. Damit dennoch ein Versicherungsschutz besteht, empfiehlt sich dringend der Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung für Studierende durch den Praktikanten bzw. die Praktikantin selbst. Die Kosten sind überschaubar und durch den Studierenden selbst zu tragen (~12,00€/Jahr). Die Vorlage eines Nachweises der Versicherung ist zu empfehlen.
Eigene Erfahrungen und Nutzen
„Train-the-Trainer“
Im Zuge der Akkreditierung als Lehrpraxis folgten auch dienstlich veranlasste Fortbildungen und Dienstreisen der Lehrärzte zu Weiterbildungsmaßnahmen, an denen auch das Institut beteiligt war (z.B.„Train-the-Trainer“-Seminare und Lehrpraxistreffen), von denen durch Steigerung der didaktischen Ausbildungsfähigkeiten der Verantwortlichen auch die truppenärztlichen Weiterbildungsassistenten langfristig profitieren werden.
Wissenschaftliche Kooperation
Aus der entstandenen wissenschaftlichen Vernetzung sind auch durch das BMVg genehmigte und beauftragte Sonderforschungsvorhaben zur truppenärztlichen Versorgung entstanden, die durch das Institut wissenschaftlich betreut werden. Hier wird erwartet, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse zeitnah für die truppenärztliche Aus- und Weiterbildung genutzt werden können. Durch diese Forschungsvorhaben öffnen sich für Sanitätsoffiziere auch die Möglichkeit zur Promotion während der truppenärztlichen Tätigkeit. Dies stärkt zeitgleich auch die wissenschaftliche Wahrnehmung der truppenärztlich-allgemeinmedizinischen Versorgung durch andere Fachbereiche. Durch Aufnahme der Sanitätsversorgungszentren in den Kreis der an das Institut angebundenen Lehrpraxen wird auch zu laufenden Forschungsprojekten und Beteiligungsmöglichkeiten informiert bzw. eingeladen.
Weitere Projekte
Im Juli 2024 fand eine Lehrinformationsveranstaltung in Oldenburg in Holstein – durchgeführt von der dort stationierten Sanitätsstaffel Einsatz (SanStffEins) des Sanitätsunterstützungszentrums (SanUstgZ) Kiel – statt: Nachdem Mitarbeitende des Instituts und der Universität zu Lübeck am Vormittag praktisch und theoretisch in akuter Wundversorgung ausgebildet wurden, erfolgte am Nachmittag die Demonstration der Rettungsstation (inkl. Simulation einer Versorgung eines Massenanfalls von Verletzten). Hier konnte ein besonders intensiver zivilmilitärischer Austausch mit den Mitarbeitenden der Universität erfolgen. Nachfolgend wurden Vertreter des SanUstgZ Kiel eingeladen, eine von der Universität zu Lübeck organisierten (rettungsdienstlichen) Großübung beizuwohnen und konnten so wertvolle Eindrücke auch für den eigenen Verantwortungsbereich gewinnen.
Feedback Blockpraktikant
Student Blockpraktikum SanVersZ Husum 09/25:
„[…] Besonders beeindruckt hat mich die, im Vergleich zu den meisten zivilen Praxen, gute Ausstattung und die großzügige personelle Besetzung, die es ermöglichten, sich Zeit für Ausbildung, Erklärungen und praktische Einblicke zu nehmen. Insgesamt war das Blockpraktikum eine sehr wertvolle Erfahrung und eine besondere Gelegenheit, als Zivilist in eine völlig neue, militärisch geprägte Umgebung einzutauchen. […]“
Schlussfolgerung
Die Anerkennung eines Sanitätsversorgungszentrums als akademische Lehrpraxis ist ein bedeutender Schritt zur Stärkung medizinischer Ausbildung und zivilmilitärischer Kooperation.
Praktischer Tipp
Erstellen Sie eine Checkliste für die Studierenden zur Aushändigung in Vorbereitung auf das Praktikum. Die für das Sanitätsversorgung Husum und Kiel entworfene Checkliste wird Ihnen durch die Autoren unter Anlagen als Beispiel zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt. Die Entwicklung der Checkliste erfolgte auf Basis der eigenen Erfahrungen mit den Studierenden und deren Feedback.
Literaturverzeichnis beim Verfasser
Für die Verfasser
Oberfeldarzt Nils Eisold
Sanitätsversorgungszentrum Husum (SanUstgZ Kiel)
Flensburger-Chaussee 41
25813 Husum
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