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Verwundetenversorgung im Krieg – Die Rettungskette in der Landes- und Bündnisverteidigung

Rainer Krug

Mit Blick auf die globale Lage und die steigende Gefahr einer möglicherweise notwendigen Landes- und Bündnisverteidigung scheint es mehr und mehr wichtig zu werden, zu überlegen, wie eine gesamtgesellschaftliche Sicherheitsvorsorge und Gesundheitsversorgung zu gestalten ist. Teil hiervon ist die Rettung und Versorgung Verwundeter in einer Gefechtssituation, die sogenannte Rettungskette, deren Ziele und Aufgaben auch in diesem Jahr wieder in einer Informationslehrübung (ILÜ) dargestellt werden konnte.

Verwundetenversorgung:Notfallmäßige Sichtung und Erstversorgung Verwundeter am Verwundeten-Sammelpunkt während der ILÜ 2025
Notfallmäßige Sichtung und Erstversorgung Verwundeter am Verwundeten-Sammelpunkt während der ILÜ 2025.
Foto: CPM / Rainer Krug

Doch zunächst zurück zu einer gemeinsamen Gesundheitsversorgung in der Landesverteidigung. Die hier dominanten Fragen sind:

  • Wie kann eine belastbare medizinische Versorgung aller im Fall der Landesverteidigung sichergestellt werden?

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  • Welche Schnittstellen zwischen zivilem und militärischem System müssen dazu gestärkt werden?

Bereits Anfang Juni 2025 – und somit im Vorfeld der ILÜ – fand in Berlin ein Symposium statt, das sich mit diesen Fragestellungen auseinandersetzte. Das Rahmenszenar, ausgehend von hybriden Aktionen über Aufmarsch an der NATO-Außengrenze, Bündnisverteidigung und Landesverteidigung, gibt auch den Rahmen für die Aktivitäten der Verwundetenversorgung in einer Gefechtssituation vor.

So ist in den einzelnen Phasen der Krisenentwicklung mit speziellen Ereignissen zu rechnen, die sich nach aktueller Einschätzung in folgendem Rahmen mit jeweiligen Aufgeben der Verwundetenversorgung bewegen können:

In Phase 1 (hybride Kriegsführung) kann es bereits zu Cyberangriffe auf Krankenhäuser und Manipulationsversuche der Trinkwasserversorgung kommen.

In Phase 2 (Aufmarsch an den Außengrenzen der NATO), in der den NATO-Staaten ein möglicher Angriff auf sie bewusst geworden ist, findet eine Intensivierung der Bevorratung von Impfstoffen und Medikamenten statt (und das nicht nur bei der Bundeswehr, sondern im gesamtgesellschaftlichen Bereich), was zu Lieferengpässen führt.

Die dritte Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass bereits eine militärische Verteidigung des Bündnisses erfolgt. Hier können im nationalen Umfeld durch Falsch- und Fehlinformationen ggf. in den sozialen Medien Unsicherheiten über die Übertragbarkeit von Krankheiten, Ausbrüche von Seuchen oder ähnliches erzeugt werden. In deren Folge ist mit Panik und Aufruhr in der Bevölkerung zu rechnen.

Phase 4 stellt dann ein mögliches Worst-Case-Szenario dar; neben dem Verwundetenanfall an der Front, deren Erstversorgung und Transport in die nationale Gesundheitsversorgung kann es durch gegnerische Maßnahmen gegen kritische Infrastrukturen zu einem temporären Ausfall von Stromversorgung und Kühlung, Telefonie und Internet kommen und die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Apotheken (zum Beispiel via E-Rezept) stark eingeschränkt sein.

Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine zeigen, dass diese Szenarien im Vorfeld und während eines Krieges Realität sind und in die Überlegungen zur Erst- und Folgeversorgung sowie zur späteren Rehabilitation verwundeter Patienten mit betrachtet werden müssen. Die diesjährige Informationslehrübung Sanitätsdienst bezog mit dem Bild Basis Einsatz/Inland diese Fragestellungen in Tiefe mit ein.

Die Erkenntnis, dass sich Deutschland auf die Notwendigkeit einer Landesverteidigung im Rahmen der Bündnisverteidigung einzustellen hat, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sicherheitsvorsorge als Auftrag des Staates sowie die materielle, personelle und kognitive Vorbereitung auf eine Kriegssituation stellte sich in der Zeit des Kalten Krieges in dem Slogan „Kämpfen können – um nicht kämpfen zu müssen“ dar. Leider ist dieser Slogan durch den Krieg in der Ukraine mit voller Wucht auch nach Mitteleuropa zurückgekehrt.

Das neue mittlere geschützte Sanitätsfahrzeug an der Rettungsstation Role 1 während der ILÜ 2025 14.18.11
Das neue mittlere geschützte Sanitätsfahrzeug an der Rettungsstation Role 1 während der ILÜ 2025 14.18.11.
Foto: CPM / Rainer Krug

Sicherheitsvorsorge bedeutet in diesem Zusammenhang auch die materielle, personell und mentale Vorbereitung darauf, die kämpfenden Kameradinnen und Kameraden im Krieg zu schützen und medizinisch zu versorgen – dies beinhaltet auch und vor allem die Versorgung, Behandlung und Rehabilitation von verwundeten Soldatinnen und Soldaten.

Mit der diesjährigen Lehr- und Informationsübung Sanitätsdienst zur Verwundetenversorgung wurde in eindrücklicher Weise gezeigt, wie dies in einem Krieg auch bei hohem Verwundetenanfall – derzeitige Schätzungen gehen von bis zu 1.000 Verwundeten pro Tag aus – umgesetzt werden kann.

Die Darstellung des komplexen Zusammenwirkens der vielen militärischen und zivilen Akteure in der sogenannten Rettungskette erfolgte anhand einer militärischen Lage und zeigte den Weg verwundeter und erkrankter Soldaten aus der Frontzone bis hin in die Versorgung und Rehabilitation im Heimatland.

In der Rahmenlage, einer Verzögerungsoperation eigener Kräfte gegen einen angreifenden Feind, erlitten mehrere Soldaten durch einen gegnerischen Drohneneinsatz beim Anlegen von Pioniersperren teils gravierende Verletzungen. Die Wichtigkeit der Selbst- und Kameradenhilfe wurde gerade in diesem Abschnitt der ILÜ besonders deutlich. Blutstillende Maßnahmen sind der Schlüssel dafür, um die Überlebenschancen Verwundeter in besonderem Maße zu erhöhen.

Den Ersthelfern A und B, dies sind keine Angehörigen der Sanitätstruppe, sondern Soldatinnen und Soldaten der Kampf- und Kampfunterstützungstruppen, die in einer Basisausbildung von etwa einer Woche die notwendigen Kenntnisse hierzu erwerben, kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu.

Sie müssen die „Erste Hilfe“ bei der Verwundetenversorgung auch unter Gefechtsbedingungen leisten und die lebensrettenden Maßnahmen mit Schwerpunkt der Blutstillung vornehmen. Der Erstversorgung bis zur Übernahme durch das Sanitätspersonal auf einem Verwundeten-Sammelpunkt kommt damit eine besondere Bedeutung zu. Wichtig ist – und dies darf nicht vergessen werden – der regelmäßige Kompetenzerhalt sowie das Handlungstraining und das regelmäßige Üben im Gefechtsdienst.

Das gläserene Rettungszentrum der Role 2 B während der ILÜ 2025 14.18.41
Das gläserene Rettungszentrum der Role 2 B während der ILÜ 2025.
Foto: CPM / Rainer Krug

Mit dem Rettungstrupp – in der Regel durch ein Schweres geschütztes Sanitätsfahrzeug GTK BOXER – geht es zu der weiteren Verwundetenversorgung in die Rettungsstation der Role 1. Mit der Übergabe an den Rettungstrupp wird der „Verwundete“ zu einem „Patienten“.

In der Rettungsstation der Role 1 kann eine schnelle notfallmedizinische Sichtung und Versorgung der Verwundeten erfolgen sowie die Stabilisierung traumatisierter Patienten. Eine Rettungsstation besteht aus einem Trägerfahrzeug (geschützt oder ungeschützt) mit einem geschützten Behandlungscontainer. Trotz der im modernen Gefecht notwendigen Mobilität sollte dabei, wo immer möglich, auch auf vorhandene ortsfeste Infrastruktur Rückgriff genommen werden.

Im modernen Gefecht ist es oft erforderlich, eine notfallchirurgische Akutversorgung vornehmen zu können. Hierzu steht auf Brigadeebene das Rettungszentrum der Ebene 2 (Role 2 Forward – R2F) mit einem OP zur Verfügung. Der Einsatz der R2F erfolgt in der Regel im Verbund mit einer Rettungsstation und soll im Gefecht auch zu einer Entlastung (oder Verstärkung) der Fähigkeiten einer Role 2 B Behandlungseinrichtung beitragen.

Combat Medical Care-Conference – die Main Track Vorträge: Die Grille der Fa. AVILUS - ein unbemanntes Verwundeten Transportmittel der Zukunft während der ILÜ 2025 14.18.12
Thema auch im Ersten Vortrag der Combat Medical Care-Conference 2025: Drohnen zur Verwundetenevakuierung. Die Grille der Firma AVILUS – ein unbemanntes Verwundeten Transportmittel der Zukunft während der ILÜ 2025.
Foto: CPM / Rainer Krug

Wie bereits bei der letzten ILÜ im Jahr 2024 gezeigt, wurde das Rettungszentrum der Role 2 Basic „gläsern“ – das heißt ohne die zugehörigen Zelte gezeigt. Hier findet die erforderliche notfallchirurgische Versorgung mit zwei im Schichtbetrieb arbeitenden Operationsteams statt. Notaufnahme, Notfallchirurgische Eingriffe, die Betreuung von Intensivpatienten und die Pflege und Betreuung in einer Bettenstation sind die vorrangigen Fähigkeiten eines Rettungszentrums.

Hinzu kommen Labor, Sanitätsmateriallager und entsprechende mentale Betreuung der Patientinnen und Patienten. Hier arbeitende Militärpfarrer*innen und Militär-Rabbiner sind darauf trainiert, auch schwierige mentale Situationen auszuhalten und Aufgaben im sogenannten Critical Incident Stress Management (CISM) durchzuführen. „Wir verstehen und sind da“ – eine Aufgabe sowohl für Patient als auch dort eingesetztem Personal, die Einsatznachbesprechung und die Unterstützung als Fachberater sind die Aufgaben, die hier anfallen.

Das auf Divisionsebene angesiedelte Einsatzlazarett der Role 3 verfügt über die erforderliche personelle und materielle Ausstattung zur multidisziplinären Diagnostik und Therapie. Die aufgabenbezogenen Container der Modularen Sanitätseinrichtung (MSE) von der Allgemein- bis zur Zahnmedizin, OP-Gruppen, Radiologie mit CT, Intensivstation, Labordiagnostik und eine Bettenstation mit bis zu 144 Betten kennzeichnen ein Einsatzlazarett. Auf dieser Behandlungsebene der Verwundetenversorgung ist auch der Verladepunkt für den strategischen Verwundetentransport zurück in das Heimatland angesiedelt.

Das Einsatzlazarett ist gekennzeichnet durch einen besonders hohen Aufwand für Transport und Aufbau. In der Vollausbaustufe besteht das Einsatzlazarett aus ca. 150 Containern und 50 Einsatzzelten des Typs II. Ein Aufwand, der eine Aufbauzeit für das Herstellen der Einsatzbereitschaft von bis zu zwei Wochen bedeutet.

Mit dem strategischen Verwundetentransport erreichen die Patientinnen und Patienten die Basis Einsatz/Inland. In diesem Jahr wurde erstmalig durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) aufgezeigt, mit welchen Maßnahmen gemeinsam militärische und zivile Organisationen, gemeinsam mit nationalen und internationalen militärischen Stellen zusammenarbeiten und gemeinsam durch Bund, Länder und Gemeinden eine Folgeversorgung und Rehabilitation erfolgen kann.

Das BBK ist seit 2004 die zentrale Stelle des Bundes für den Bevölkerungsschutz in Deutschland. Hier werden alle Bereiche der zivilen Sicherheitsvorsorge fachübergreifend gemanagt und damit zu einem wirksamen Schutzsystem zusammengefasst. In der Aufgabenwahrnehmung unterstützt es dabei mit hoher Kompetenz die übrigen Bundesbehörden sowie die in Verantwortung stehenden Stellen der Länder.

In dem während der ILÜ zur Verwundetenversorgung dargestellten „Port of Debarkation“, dem Ankunftsort und Entladepunkt in Deutschland, werden die Patienten aufgenommen und betreut, notwendige Stabilisierungsmaßnahmen und notfallmedizinische Versorgung durchgeführt sowie die Patienten zur weiteren Behandlung in die festgelegten Einrichtungen transportiert.

Dazu stehen national inzwischen bis zu 1.000 Transportfahrzeuge zur Verfügung. Damit alles reibungslos funktioniert, muss eine schnittstellenarme und vertrauensvolle Zivil-Militärische Zusammenarbeit in der Verwundetenversorgung zwischen allen Beteiligten (z.B. BBK, Deutsches Rotes Kreuz, ASB, Johanniter, Malteser, THW und Militär) stattfinden.

Beispielaufbau eines Point of Debarkation auf der Basis Einsatz.
Beispielaufbau eines Point of Debarkation auf der Basis Einsatz.
Foto: CPM / Rainer Krug

Die Highlights der diesjährigen ILÜ zur Verwundetenversorgung

Als im Jahr 2021 der Sanitätsdienst mit der Bitte nach einer „fliegenden Trage“ damals noch an die Fa. BINZ herantrat, stand nicht zu erwarten, dass dieser Bedarf in kurzer Zeit fachlich/technisch gedeckt werden könnte. Im Zuge der ILÜ 2025 konnte mit dem System GRILLE der Fa. AVILUS erst­malig ein UAV zum Transport von Verwundeten zwischen der Verwundeten-Sammelstelle und den übergeordneten Behandlungseinrichtungen im Einsatz gezeigt werden.

In enger Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie sowie dem militärischen Bedarfsträger wurde mit der GRILLE ein System entwickelt, das es ermöglicht, Verwundetentransporte schnell und über die einzelnen Stufen der Rettungskette hinweg durchzuführen und damit kritische Patienten noch schneller den Behandlungseinrichtungen zuzuführen, die in der Lage sind, lebensrettende und -erhaltende Maßnahmen durchzuführen.

Noch muss die GRILLE hinsichtlich ihrer Fähigkeiten vertieft untersucht werden, mit Blick auf die Zukunft verspricht sie allerdings einen besonderen Fähigkeitsgewinn für den Sanitätsdienst.

In nahezu allen Bereichen der Rettungskette sind zwischenzeitlich Beschaffungsvorhaben für eine moderne Ausrüstung angeschoben worden. So wurde zuletzt am 4. Juli 2025 das erste Mittlere geschützte Sanitätsfahrzeug an die Truppe übergeben. Bereits vor einigen Monaten erfolgte der Zulauf der ersten Fahrzeuge des Ungeschützten Sanitätsfahrzeugs als Ersatz für die in die Jahre gekommenen LKW 2 to San Unimog.

Bereits Mitte 2024 konnten erste Einheiten des Geschützten Verwundeten Transport Containers an die Truppe übergeben werden. Und „last, but not least“ wird für Ende des 3. Quartals die Parlamentsvorlage (25 Mio.-Vorlage) für die Geschützte Hochmobile Behandlungseinrichtung der Role 2 (ghmRole 2) erwartet. Für die Sanitätsdienstliche Ausstattung ein besonderer Erfolg.

Nun kommt es darauf an, dass bei allen Vorhaben möglichst zügig der Zulauf der Serien erfolgt, um eine Vollausstattung mit Material und damit eine noch weiter verbesserte „Kriegstüchtigkeit“ erreicht wird.

Im Fazit lässt sich feststellen, der Sanitätsdienst hat mit der Informations- und Lehrübung 2025 erneut seine Leistungsfähigkeit und Kompetenz in der Verwundetenversorgung unter Beweis stellen können.

Verfasser:

Rainer Krug
CPM Verlag GmbH
Carl-Zeiss-Straße 5
53340 Meckenheim

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