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Whatever it takes – Palliativmedizin Teil der taktischen Verwundetenversorgung

F. Langner, Frank Stachulski

Die Analyse der sanitätsdienstlichen Versorgung im Rahmen des Russland-Ukraine-Krieges verdeutlicht die besonderen Herausforderungen großangelegter Kampfoperationen (Large Scale Combat Operations, LSCO) mit hohen Zahlen schwerstverletzter und getöteter Soldatinnen und Soldaten. Diese Szenarien sind geprägt von komplexen Verletzungsmustern mit einem frühem und ressourcenintensivem Behandlungsbedarf sowie erheblichen logistischen Schwierigkeiten bei der Evakuierung. Daraus ergibt sich ein dringender Bedarf an Kompetenzerwerb und Weiterqualifizierung im Bereich der taktischen Verwundetenversorgung, einschließlich der Identifikation und Behandlung sterbender Patientinnen und Patienten. Damit verbunden sind die Verbesserung der Prognostik bei limitierten Behandlungskapazitäten und die Stärkung der Resilienz der sanitätsdienstlichen Kräfte. Die diesbezüglichen medizinischen Kernkompetenzen sind gebündelt im Feld der Palliativmedizin zu verorten. Für die Ausbildung der Einsatzersthelfer Alpha erarbeitet der Ständige Ausschuss Palliativmedizin der Konsiliargruppe Innere Medizin gegenwärtig Unterrichtseinheiten zum Thema Combat palliative care und zur Sterbebegleitung (Stand Juni 2025). Um eine wissenschaftlich fundierte und praxisgerechte Versorgung sicherzustellen, ist eine weitere Forschung an der Schnittstelle von Palliativmedizin und taktischer Einsatzmedizin insbesondere im präklinischen Bereich und in ROLE-1-Strukturen dringend erforderlich.

„Whatever it takes – Palliativmedizin Teil der taktischen Verwundetenversorgung Soldaten vom Special Operations Medical Support Team (SOMST) üben in Eckernförde die Verwundetenversorgung mit Hilfe eines LED-Lichtsystems, das in Kooperation mit dem Cyber Innovation Hub in Berlin entwickelt wurde.  (Abb.: Bundeswehr/Jana Neumann)
Soldaten vom Special Operations Medical Support Team (SOMST) üben in Eckernförde die Verwundetenversorgung mit Hilfe eines LED-Lichtsystems, das in Kooperation mit dem Cyber Innovation Hub in Berlin entwickelt wurde.
Foto: Bundeswehr / Jana Neumann

Die Palliativmedizin stellt eine medizinische Behandlungsphilosophie dar, die sich konsequent an der Lebensqualität der Patientinnen und Patienten orientiert und auf einem evidenzbasierten Fundament beruht. Sie umfasst ein breites Spektrum spezialisierter Maßnahmen, von denen Betroffene und deren An- und Zugehörige insbesondere durch einen multiprofessionellen und interdisziplinären Ansatz profitieren.

Randomisierte kontrollierte Studien belegen, dass die frühe Integration („early integration“) palliativmedizinischer Versorgung in den Krankheitsverlauf bis hin zur EndofLifeCare die Symptomlast signifikant reduziert und die Lebensqualität verbessert. Palliativmedizin steht zugleich für ein humanistisches Verständnis moderner Medizin, das innovative und teils kostenintensive Therapien mit den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten in Einklang bringt.

Durch eine ressourcensensible Gestaltung der Versorgung können körperliche, psychische, psychosoziale und spirituelle Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigt werden. Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Selbstfürsorge des Behandlungsteams. Systematische Übersichtsarbeiten belegen, dass die Burnout-Prävalenz unter Palliativfachkräften wie auch in anderen medizinischen Fachgruppen erheblich ist (zwischen 3% und 66% je nach Setting) und dass gezielte Interventionen wie PeerCoaching und Kommunikationstrainings wirksame Effekte zeigen.

Schnittstellen von Palliativmedizin und Akut/Notfallmedizin

Aktuell existiert keine einheitliche Nomenklatur für die Verbindung von Palliativmedizin und taktischer Notfallmedizin. Am weitesten verbreitet ist der Begriff der „Expectant Care“, der als Triagekategorie Patientinnen und Patienten mit schwersten Verletzungen oder Erkrankungen kennzeichnet, deren Überlebenschancen unter den maximal verfügbaren Einsatzressourcen als gering bewertet werden oder für deren Behandlung überlebensnotwendige Ressourcen fehlen.

Patienten dieser Behandlungsgruppe werden je nach Triageschema explizit einem palliativmedizinischen Behandlungskonzept zugeordnet. Weniger verbreitet sind die Termini „deployed palliative care“, „tactical palliative care“ oder „combat palliative care“. Während die Zahl palliativmedizinischer Publikationen im Bereich der Notfall- und Kata­strophenmedizin in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, liegen bisher nur wenige aktuelle Arbeiten aus der taktischen Medizin vor.

Es überrascht daher nicht, dass die Anwendung palliativmedizinischer Prinzipien im militärischen Kontext bislang weder systematisch implementiert noch strukturell verankert ist. Eine Ausnahme stellt die Clinical Practice Guideline (CPG) des amerikanischen Joint Trauma System (JTS) dar, die 2021 Empfehlungen zur Prolonged Casualty Care (PCC) veröffentlichte.

Diese fokussiert insbesondere auf die EndofLife Versorgung mit Hinweisen zur medikamentösen und nichtmedikamentösen Symptomkontrolle. Ziel ist es, trotz fehlender kurativer Optionen ein würdevolles Sterben unter Wahrung militärischer Rahmenbedingungen zu ermöglichen.

Die Rolle der Palliativmedizin wird hingegen in Deutschland zunehmend stärker betont. Die wichtigsten medizinischen Fachgesellschaften veröffentlichten 2023 ein Konsensuspapier zu „Palliativmedizinischen Aspekten in der klinischen Akut- und Notfallmedizin sowie Intensivmedizin“, das unter anderem Symptomkontrolle, Kommunikation, Prävention von moral distress und spirituelle Begleitung in den Vordergrund stellt.

Ergänzend legte die S2kLeitlinie „Katastrophenmedizinische prähospitale Behandlungsleitlinien“ dar, wie palliativmedizinische Prinzipien auch in potentiellen Großschadensszenarien im Rahmen der Bündnisverteidigung zu integrieren sind. Zudem werden Empfehlungen zur Prognostik von spezifischen Erkrankungsbildern, wie dem schweren SHT ausgesprochen, die auch unter den Bedingungen der taktischen Medizin diskutiert werden müssen.

Damit wird klar: Auch in hochdynamischen und ressourcenlimitierten Einsatzsituationen müssen palliativmedizinische Grundprinzipien berücksichtigt werden sowohl im zivilen Katastrophenschutz als auch im militärischen Gefechtseinsatz.

Zusammenfassend lassen sich die zentralen Schnittstellen und Themenschwerpunkte von Palliativmedizin und Akut- und Notfallmedizin in vier Kernbereiche gliedern. Erstens steht die Identifikation individueller Patientenbedürfnisse im Vordergrund, einschließlich der End-of-Life Versorgung. Zweitens ist eine präzise Prognosestellung mit klarer Kommunikation essenziell, um Patientinnen und Patienten, Kameraden sowie die taktischen Führer vor Ort angemessen einzubeziehen.

Drittens gewinnt die gerechte und ressourcensensible Verteilung verfügbarer Mittel im Einsatzkontext besondere Bedeutung. Viertens ist die Förderung von Teamresilienz und Gerechtigkeit entscheidend, um die Leistungsfähigkeit des Behandlungsteams zu erhalten und die Einheit als Ganzes zu stärken.

Beispiel: Symptomkontrolle im Einsatzkontext

In diversen internationalen und nationalen Untersuchungen wurde übereinstimmend die Relevanz spezifischer Kompetenzen in der palliativmedizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten in der Notfallmedizin hervorgehoben. Besonders relevant ist hierbei die Symptomkontrolle von Schmerz, Luftnot und Angst. Grundsätzlich lassen sich nicht-pharmakologische und pharmako­logische Maßnahmen unterscheiden.

Zu den wirksamen nicht-pharmakologischen Interventionen zählen Lagerung, Ernährung, Wärmeerhalt und Kommunikation. Hinsichtlich der Pharmakotherapie sind insbesondere Nicht-Opioid-Analgetika (z.B. NSAR, Methoxyfluran), Opioide sowie Co-Analgetika bedeutsam. Bei starken Schmerzen empfiehlt sich eine Kombinationstherapie. Hier hat sich auch S-Ketamin bewährt, das aufgrund seiner vielfältigen Applikationswege in unterschiedlichen Einsatzphasen und Indikationen (z.B. Schmerz, Agitation) eingesetzt werden kann.

Nicht zufriedenstellend kontrollierbare Symptome wie Angst oder Agitation können eine gezielte Sedierung mit Benzodiazepinen, etwa Midazolam, erforderlich machen. Aus palliativmedizinischer Sicht ist neben der Verfügbarkeit der Medikamente auch die Ausbildung im gesamten Indikationsspektrum von hoher Relevanz. Dazu zählen Szenarien der Tactical Combat Casualty Care (TCCC), der Transportstabilisierung und der End-of-Life Care.

Dabei muss den Anwendern vermittelt werden, dass in einer End-of-life Care Situation eine Sedierung intendiert und eine mögliche Verkürzung der Lebenszeit im Rahmen einer suffizienten Symptomkontrolle gerechtfertigt ist. Daten aus dem Joint Trauma System verdeutlichen die Notwendigkeit standardisierter SOPs, die eine hinreichende Symptomkontrolle gewährleisten und zugleich rechtlich wie ethisch abgesichert sind.

Empfehlungen des Forschungsverbundes SedPall der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) können hierbei als empirisch und normativ fundierte Grundlage dienen, um Handlungsempfehlungen für den Einsatz sedierender Medikamente zu entwickeln.

Grundsätzlich ist eine deutliche Kluft zwischen den Anforderungen an die versorgenden Kräfte und den zu Verfügung stehenden Ressourcen und der Expertise festzuhalten.

Herausforderungen in der taktischen Medizin

Besondere Herausforderungen ergeben sich bei hochdynamischen Einsatzlagen wie derzeit in der Ukraine. Dort werden TCCC-Provider häufig telemedizinisch über Smartphones aus ROLE-1/2-Einrichtungen unterstützt. Aufgrund der Volatilität taktischer Szenarien kommt es dabei nicht selten zu Übergängen von kurativen zu palliativmedizinischen Behandlungszielen in der „Expectant Care“.

Ein Beispiel ist die Situation eines nicht evakuierbaren Verwundeten mit therapieresistentem hämorrhagischem Schock, bei dem keine operative Versorgung mehr möglich ist. In diesen Fällen übernehmen Einsatzkräfte nicht nur die Triage und Prognoseerstellung, sondern auch die Rolle als Begleitende in einer Sterbephase. Solche Situationen sind mit erheblichen emotionalen Belastungen und dem Risiko negativer Kognitionen verbunden, die von den Betroffenen oft als persönliches „Versagen“ erlebt werden.

Zukünftige Ausbildungskonzepte sollten daher Module zu Kommunikation, Umgang mit Erwartungshaltungen sowie Resilienzförderung integrieren. Als Vorbild könnte das von der US Special Operations Command (USSOCOM) entwickelte modularisierte Trainingspaket Prolonged Field Care (PFC) dienen, das u.a. strukturierte Simulationen und Debriefings umfasst.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die Verankerung einer palliativmedizinischen Kultur in der taktischen Medizin von komplexen Herausforderungen auf allen Systemebenen geprägt ist.

Während auf der Mikroebene vor allem Defizite in der Aus und Weiterbildung sowie Unsicherheiten und Fehleinschätzungen im Umgang mit palliativmedizinischen Fragestellungen bestehen, treten auf der Mesoebene strukturelle Engpässe durch den Mangel an Fachpersonal mit spezifischer palliativmedizinischer Zusatzqualifikation in den Vordergrund. Auf der Makroebene erschweren fehlende finanzielle Ressourcen sowie konkurrierende politische und militärische Prioritäten die nachhaltige Implementierung.

Die Integration palliativmedizinischer Versorgung in hochdynamische und ressourcenlimitierte Einsatzszenarien stellt eine besondere Herausforderung dar. Gleichzeitig eröffnet sie die Möglichkeit, auch unter extremen Bedingungen eine patientenzentrierte, würdevolle Versorgung zu gewährleisten.

Sie stärkt zusätzlich die Resilienz und Durchhaltefähigkeit der beteiligten Behandlungsteams. Für die Zukunft gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse in verbindliche Ausbildungs- und Handlungskonzepte zu überführen, die im Sanitätsdienst der Bundeswehr ­flächendeckend etabliert werden können. Dies sind wir unseren Soldatinnen und Soldaten im Einsatz schuldig.

Takeaway-Messages

  • Palliativmedizinische Prinzipien sind auch im militärischen Einsatz unverzichtbar für eine würdige und patienten­zentrierte Versorgung.
  • Frühe Integration von Palliativmedizin verbessert Lebens- und Behandlungsqualität auch unter ressourcenlimitierten Bedingungen.
  • „Expectant Care“ erfordert gezielte Symptomkontrolle, Kommunikation und ethisch abgesicherte Entscheidungen.
  • Ausbildungskonzepte müssen palliativmedizinische Kompetenzen systematisch in TCCC und Prolonged Casualty Care integrieren.
  • Teamresilienz ist Schlüssel zur Sicherung nachhaltiger Einsatzfähigkeit und zur Prävention von Burnout.

Literatur bei Verfassern.

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 03 / 2025

Für die Verfasser:

Med.-Dir. Dr. med. Frank Stachulski
Klinik für Neurologie, Leitung PCT BwKrhs Berlin
Bundeswehrkrankenhaus Berlin
Scharnhorststraße 15
10113 Berlin

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