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HumanmedizinNews

DOC-Intervallrehabilitation

Zwischenergebnisse aus dem Pilotprojekt

Vorrangiges Ziel einer medizinischen Rehabilitationseinrichtung ist, neben der Verbesserung des Gesundheitszustandes der Rehabilitanden, deren Wiedereingliederung ins Berufsleben zu unterstützen. Die Berücksichtigung von Verhaltensweisen, Einstellungen und Gewohnheiten im Arbeitsleben ist im therapeutischen Prozess für eine langfristige gesundheitliche Stabilität und beruflichen Erfolg unerlässlich. 

Regelmäßiger Check-up und Dokumentation der Leistungsfähigkeit sind Teil des Reha-Prozesses Bundeswehr/Claudia Seidenschwanz
Regelmäßiger Check-up und Dokumentation der Leistungsfähigkeit sind Teil des Reha-Prozesses.

Dabei bleibt die Übertragung von Therapieerfolgen in die reale berufliche Situation eine zentrale Herausforderung stationärer Rehabilitationsmaßnahmen. Auf Grundlage der 2023 in Kraft gesetzten „Fachlichen Leitlinie zur Standardisierung des Pilotprojektes Rehabilitationsstützpunkte für den Kommandobereich Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung“ wurde am Reha-Stützpunkt FachArztZ Rostock ein Intervallrehabilitationskonzept etabliert. Dieses setzt sich aus mehreren Modulen zusammen.

Die Programme IDA (Intensivierte Dienstliche Aktivierung) und DORENA (Dienstlich Orientierte Reha-Nachsorge) sind überwiegend physiotherapeutisch orientiert und beinhalten unter anderem gezielte physio- und bewegungstherapeutische Maßnahmen, Training der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) sowie ergonomisches Training und Beratung mit dem Ziel, die körperliche Leistungsfähigkeit den Anforderungen der jeweiligen Dienstposten entsprechend zu steigern.

Dienstlich Orientiertes Coaching (DOC) hingegen richtet sich an Rehabilitanden mit psychischen Beeinträchtigungen, psychosozialen Belastungen und dienstbezogenen Problemlagen und ist in die Phase der nachgehenden Rehabilitationsleistungen und der medizinisch-beruflichen Rehabilitation (Phase E, BAR) einzuordnen.

Die intervallartige Ausrichtung innerhalb der Module sowie innerhalb des Konzeptes ermöglicht eine flexible Durchführung der Maßnahmen, die entweder einzeln oder sequenziell absolviert werden können, abhängig von Art und Ausprägung der vorliegenden körperlichen und/oder psychischen Einschränkungen.

Beschreibung der Maßnahme DOC

Die hier im Folgenden näher beschriebene und evaluierte bundeswehrspezifische Maßnahme DOC fokussiert inhaltlich auf die Stärkung personaler Ressourcen der Rehabilitanden wie Motivation, Zielorientierung, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Arbeitsstress- und Konfliktbewältigung und soziale Kompetenzen.

Sie orientiert sich an dem von Bürger und Koch vorgeschlagenem Rahmenkonzept zur Kombination von bereits existierenden berufsbezogenen Therapieprogrammen, wobei die Phasen „Training“, „Erprobung und Ausbau“ sowie „Transfer“ durch die intervallartige Ausrichtung der Maßnahme über einen Zeitraum von 3 Monaten parallel ablaufen.

Tab. 1: Charakteristika Studienpopulation
Tab. 1: Charakteristika Studienpopulation
Grafik: A.-K. Hoffmann

Im Rahmen ganztägiger Evaluationstermine sechs bzw. zwölf Monate nach Therapiebeginn werden Behandlungserfolge reflektiert, Barrieren identifiziert und problemorientiert besprochen. Zwischen den Evaluationsterminen erfolgt ein „Buddy“-Aufbau: Die Gruppen-teilnehmer halten wöchentlich Kontakt, tauschen Erfahrungen aus und unterstützen sich gegenseitig beim lösungsorientierten Vorgehen.

Das DOC versteht sich als eine berufsbezogene Gruppentherapiemaßnahme, indem das AVEM-Konzept (Arbeitsbezogene Erlebens- und Verhaltensmuster), als zentrales Element des Therapieprogramms dafür geeignet ist, arbeitsbezogene Ressourcen und Risikofaktoren zu identifizieren, um diese gezielt auszubauen bzw. modifizieren zu können.

Darüber hinaus erfolgt ein standardisiertes Training sozialer Kompetenzen, psychotherapeutische, psychoedukative, euthyme und bewegungs-therapeutische Bausteine sowie die psychosoziale Beratung (auch von Angehörigen).

Untersuchungsgegenstand und Methoden

Für die Rekrutierung zur DOC-Maßnahme werden insbesondere Rehabilitanden mit psychischen Belastungen (F-Diagnose in Haupt- oder Nebendiagnose) und beruflicher Problemlage berücksichtigt. Die psychischen Belastungen bilden sich u.a. in dem Funktionsfähigkeitsprofil ab, das auf Grundlage eines ICF-basierten multiprofessionellen Assessments erstellt wird.

Dabei kommt u.a. der deutschsprachige Fragebogen „Work Rehabilitation Questionnaire“ (WORQ) zum Einsatz, der seit einigen Jahren als validiertes Messinstrument zur krankheitsunabhängigen Erfassung von Items aus dem ICF-Core-Set für berufliche Rehabilitation anerkannt ist.

Der WORQ liefert mit einem Gesamtscore sowie vier Subscores (Emotion, Cognition, Dexterity und Mobility) Kennzahlen zur berufsbezogenen Funktionsfähigkeit im Sinne der ICF. Es handelt sich um einen Selbstauskunftsfragebogen, wobei die Angaben im Rahmen des multiprofessionellen Assessments reflektiert werden.

AVEM ist ein mehrdimensionales persönlichkeitsdiagnostisches Verfahren, das Aussagen über gesundheitsförderliche bzw. -gefährdende Verhaltens- und Erlebensweisen bei der Bewältigung von Arbeits- und Berufsanforderungen erlaubt. In einem Fragebogen werden Selbsteinschätzungen auf 11 Skalen erhoben, die den drei inhaltlichen Bereichen Arbeitsengagement, psychische Widerstandskraft und berufsbegleitende Emotionen zugeordnet werden. Darüber hinaus ermöglicht der AVEM eine Muster-Identifizierung, mittels derer sich in Bezug auf berufsbezogene gesundheitsrelevante Aspekte bestimmte Risikotypen ableiten lassen. Es werden vier Muster unterschieden.

  • Gesund G: Hohes, aber nicht überhöhtes berufliches Engagement, ausgeprägte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen, positives Lebensgefühl „Psychische Gesundheit“)
  • Schonung S: Ausgeprägte Schonungs-/ oder auch Schutztendenzen sowie hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber beruflichen Anforderungen/ Belastungen, positives Lebensgefühl überwiegend außerhalb der Arbeit
  • Risikotyp A: Exzessives berufliches Engagement (i.S. einer Selbstüberforderung), geringe Distanzierung in Bezug auf berufliche Probleme und verminderte Widerstandskraft gegen-über psychischen Belastungen, geringe Lebenszufriedenheit
  • Risikotyp B: Reduziertes Engagement bei zugleich eingeschränkter Distanzierungsfähigkeit, starke Resignationstendenz und verminderte psychische Belastbarkeit mit chronischem Erschöpfungserleben – vorherrschendes Erleben von Überforderung

Anhand von Untersuchungen mit klinischen und nicht-klinischen Stichproben konnte gezeigt werden, dass die mittels AVEM durchgeführte Musterunterscheidung von großer gesundheitlicher Relevanz ist. Eine gute physische und psychische Gesundheit findet sich bei Vertretern des Musters G.

Die Risikomuster A und B gehen dagegen mit einem deutlich erhöhten Beschwerdeniveau einher, wobei die Belastungen bei Muster B erheblich höher ausfallen als die des Musters A. Insofern kann sich die Effizienz einer Rehabilitationsmaßnahme in der Veränderung der Musterzugehörigkeit zugunsten der gesundheitsförderlichen Muster G und S abbilden.

Zur Evaluation der Gruppenmaßnahme DOC wurden die Daten von 31 Rehabilitanden zu den Messzeitpunkten T0 (Beginn der Maßnahme) und T2 (Katamnese 3 Monate nach Maßnahmenende) herangezogen. Eine genaue Beschreibung der Stichprobe ist in Tabelle (Tab. 1) abgebildet.

In der weiteren Betrachtung wurde der Frage nachgegangen, ob Rehabilitanden mit einer Haupt- bzw. Nebendiagnose aus dem F-Kapitel der ICD-10 und einer beruflichen Belastung höhere Werte im WORQ-Gesamtscore sowie in den WORQ-Subscores aufweisen.

Dazu wurden die WORQ-Scores der Rehabilitandenstichprobe-DOC mit denen der Studienpopulation der prospektiven Beobachtungsstudie „Wirksamkeit eines ICF-basierten ambulanten Rehabilitationsmanagements in der Bundeswehr“ zu T0 mittels t-Test für unabhängige Stichproben verglichen.

Tab. 2: Zusammenhang zwischen AVEM-Mustern und WORQ-Subscore Emotion Median-Split bei Md= 4,50
Tab. 2: Zusammenhang zwischen AVEM-Mustern und WORQ-Subscore Emotion Median-Split bei Md= 4,50
Grafik: A.-K. Hoffmann

Gleichzeitig wurde angenommen, dass Rehabilitanden, die einem gesundheitsgefährdenden Muster zugeordnet werden können, im WORQ-Gesamtscore sowie in den WORQ-Subscores Emotion und Cognition höhere funktionsbezogene Einschränkungen aufweisen. Aufgrund der geringen Fallzahlen wurden die beschriebenen 4 AVEM-Mustertypen unter dem Gesundheits- bzw. Risikoaspekt in zwei Hauptgruppen zusammengefasst.

Muster G und Muster S werden als gesundheitsförderliche Muster betrachtet und die gesundheitsgefährdenden arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster werden zu Risikomuster A/ B zusammengefasst. Um zu überprüfen, ob sich die Rehabilitanden mit einem hohen WORQ-Score häufiger in dem Risikomuster A/ B wiederfinden, wurde die Rehabilitandenstichprobe-DOC basierend auf deren WORQ-Scores mittels Median-Split in zwei Gruppen unterteilt und anhand des Chi2-Tests für unabhängige Stichproben geprüft, ob ein Zusammen-hang zwischen Gruppen- und Musterzugehörigkeit besteht.

Darüber hinaus soll eine Aussage dazu getroffen werden, ob die bundeswehrspezifische berufsbezogene Gruppenmaßnahme DOC dafür geeignet ist, Rehabilitanden in ein gesundheitsförderliches Arbeitsmuster zu überführen. Dazu wurden die ermittelten Musterzugehörigkeiten der Rehabilitandenstichprobe-DOC zu den Messzeitunkten T0 und T2 mittels t-Test für verbundene Stichproben hinsichtlich relevanter Veränderungen verglichen.

Letztendlich sollte anhand der Steigerung der Wochenarbeits-zeit über den Beobachtungszeitraum überprüft werden, ob sich die Teilnahme an der Maßnahme DOC u.a. aufgrund ihres dienst- bzw. wiedereingliederungsbegleitenden Charakters förderlich auf den Wiedereingliederungserfolg auswirkt. Dazu wurde die relative Arbeitszeit zu den Messzeitpunkten T0 und T2 mittels t-Tests für verbundene Stichproben auf relevante Veränderungen untersucht.

Die Analyse der Daten erfolgte mit SPSS Vers. 25.

Ergebnisse:

Es zeigte sich im t-Test für unabhängige Stichproben kein signifikanter Unterschied zwischen den Probanden der Reha-Studie (MW = 2,71, SD = 1,63) und der Rehabilitandenstichprobe-DOC (MW = 3,34, SD = 1,40) im WORQ-Gesamtscore (p = 0,057; d= 0,39).

Bei der Analyse der Subscores Emotion (p = 0,018; d = 0,49) sowie Cognition (p = 0,01; d = 0,72) konnten hin-gegen signifikant höhere Werte in den funktionsbezogenen Einschränkungen bei der Rehabilitandengruppe-DOC (MWEmo= 4,50; SDEmo = 2,25; MWCog = 3,73, SDCog = 1,83) im Vergleich zur Reha-Studienpopulation (MWEmo = 3,27, SDEmo= 2,59; MWCog = 2,21, SDCog = 2,19) nachgewiesen werden.

Außerdem zeigte die Subgruppe der Probanden mit einer F-Diagnose in der Reha-Studie (MW = 3,76; SD = 1,94), im Ver-gleich zu anderen Diagnose-Subgruppen (M, S-T), ähnlich höhere Werte im WORQ-Gesamtscore, wie die Rehabilitandengruppe-DOC (MW = 3,34; SD = 1,40). Dies stützt die o.g. Hypothese, dass Rehabilitanden mit einer F-Diagnose einen vergleichsweise höheren WORQ-Score aufweisen (p = 0,328) (Diagnose-Subgruppe M (MW = 3,27; SD = 1,17; p = 0,004; d= 0,81) Diagnose-Subgruppe S-T (MW = 1,81; SD = 1,13; p < 0,001; d = 1,18)).

Dass es einen Zusammenhang zwischen WORQ-Score und Musterzugehörigkeit gibt, konnte nur richtungsgebend nachgewiesen werden, was sich womöglich auf die geringe Stich-probenzahl zurückführen lässt. Am ehesten zeigte sich eine Häufung von Rehabilitanden mit einem höheren WORQ-Sub-score Emotion in den gesundheitsgefährdenden Mustern (p= 0,08) (Tab. 2).

Die Frage nach einer Modifikation der Musterkonstellation der Rehabilitandengruppe-DOC im AVEM über den Beobachtungszeitraum konnte insofern beantwortet werden, dass eine Veränderung zugunsten gesundheitsförderlicher, berufsbezogener Verhaltens- und Erlebensmuster signifikant nachweisbar war (p = 0,049), wobei insbesondere eine Verschiebung in das Muster S zu sehen war (Abb.1).

Abb. 1: AVEM-Musterverteilung zwischen den Messzeitpunkten (T0→T2).
Abb. 1: AVEM-Musterverteilung zwischen den Messzeitpunkten (T0→T2).
Grafik: A.-K. Hoffmann

Bei der Überprüfung der Auswirkungen auf den Wiedereinglie-derungserfolg hinsichtlich der Steigerung der Wochenarbeitszeit ist im Vergleich von T0 (MW = 24,54; SD = 15,677) und T2 (MW= 34,65; SD = 10,469) ein signifikanter Anstieg der relativen Wochenarbeitszeit zu verzeichnen (p < 0,001).

Diskussion:

Anhand der o.g. Ergebnisse kann angenommen werden, dass Rehabilitanden, die im multiprofessionellen Assessment einen hohen WORQ-Score v.a. in den Subscores Emotion und Cognition aufweisen, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit über gesundheitsgefährdende arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster verfügen und sich damit die Indikation für die Teilnahme an spezifischen berufsbezogenen therapeutischen Maßnahmen, wie der hier beschriebenen, zu prüfen lohnt. Insofern kann der WORQ als ein relevanter Score bei der Steuerung eines standardisierten Rehabilitationsmanagements gesehen werden.

Wenngleich unsere Ergebnisse auf einer kleinen ambulanten Stichprobe basieren, korrespondieren sie mit denen vorangegangener Studien, die aufgezeigt haben, dass stationäre psycho-somatische Rehabilitationsmaßnahmen eine Musterveränderungen im AVEM bewirken. Das Risikomuster B erwies sich auch in diesen Untersuchungen als relativ veränderungsresistent, anderseits war eine Verschiebung von Risikomuster A in das gesundheitsförderliche Muster S zu beobachten, was sich auf eine Verbesserung der psychischen Widerstandsfähigkeit und erhöhter Lebenszufriedenheit zurückführen ließ.

Die Konkordanz mit den Studienergebnissen der Kollegen könnte dafürsprechen, dass sich das ambulant ausgerichtete Intervallkonzept DOC ähnlich wirksam erweist. Vorteile des Verfahrens sind im Vergleich zu stationären Maßnahmen von durchschnittlich 4- bis 6-wöchiger Dauer nicht nur der ressourcenoptimierende Ansatz auf der durchführenden Seite, sondern der Charakter des im optimalen Fall dienstbegleitenden Trainings, der es ermöglicht, die Rehabilitanden beim Transfer der erworbenen Bewältigungsstrategien im privaten und dienstlichen Kontext zu begleiten.

Aber auch für Soldaten, die sich noch nicht im Wiedereingliederungsprozess befinden, kann durch die Maßnahme mittels Forcierung persönlicher Zielsetzungen sowie Stärkung von Motivatoren die Rückkehr in den Dienst als essenzieller Baustein im individuellen Rehabilitations-prozess gefördert werden. Es ist davon auszugehen, dass sich die langfristige Begleitung der Wiedereingliederung durch das intervallartige Therapiekonzept positiv auf die Steigerung der Arbeitszeit auswirkt.

Für psychisch belastete Soldaten mit beruflicher Problemlage ist das berufsbezogene Intervallrehabilitationskonzept DOC aufgrund dessen Effizienz und ressourcenschonenden Ansatzes als ein Rehabilitationsbaustein zur Ausweitung auf andere Reha-Stp durchaus geeignet. Dies wäre auch aus wissenschaftlicher Perspektive wünschenswert.

Literaturverzeichnis bei den Verfassern.

 

Für die Verfasser:

Oberfeldarzt Dr. Anne-Kathrein Hoffmann
Facharztzentrum Rostock, Reha-Stützpunkt
Hohe Düne 30
18119 Rostock

 

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